LESERFORUM

Versagt die politische Urteilskraft?

Zum Bericht „Zoff zwischen Grünen und Aiblinger Buchhändler im Lokalteil:

Am liebsten hätte ich geschrieben, wer hilft uns durch die Corona-Nacht, es ist der Generalverdacht und nur der Generalverdacht. Gemeint ist die Art und Weise, wie hier ein Buchhändler publizistisch beziehungsweise durch „richtungsweisende“ Leserbriefe in eine politische Ecke manövriert werden soll, in die er weiß Gott eben nicht gehört. Sicher kann man jeden Vergleich mit Praktiken aus der NS-Zeit ablehnen und es gibt auch eine Menge von Gründen dafür. Unbestritten dürfte dagegen sein, dass der wirtschaftliche Boykott immer schon ein wirksames Druckmittel gegen „unbotmäßige“ Bürger oder auch politische Gegner gewesen ist.

Natürlich ist es jedem Kunden freigestellt, sich auch wo anders seine Bücher zu kaufen, aber in diesem Fall wurde der „Abbruch der Geschäftsbeziehung“ schlicht mit einem politischen Motiv unterlegt, weil man die Haltung des Herrn Braun in Sachen „Corona-Bekämpfung“ nicht tolerierte, wobei es nicht um dessen Beweggründe ging, sondern einfach durch die Tatsache begründet wurde, an den Groß-Demos hätten AfDler und sonstige Feinde unserer Demokratie teilgenommen. Der Gipfel aber ist die Forderung des letzten Leserbriefschreibers nach einer Entschuldigung Brauns bei der Jüdischen Gemeinde, die ja offensichtlich durch den Boykott-Vergleich empfindlich getroffen wurde. Schon am nächsten Tag machten die Jungsozialisten des Kreises Rosenheim von sich reden, in dem sie Leser aufforderten, in Kiosken und Buchhandlungen nazistische Publikationen dingfest zu machen und die Verkäufer dieses Schrifttums der Staatsanwaltschaft zu melden.

Scheinbar bewirkt der Teil-Lockdown bei manchen Zeitgenossen das völlige Versagen der politischen Urteilskraft, sodass ich mir gar nicht vorstellen will, was da in Zukunft noch alles auf uns zukommen wird.

Mike Stratbücker

Bad Aibling

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