Unfall auf der A8 mit Fußgängerin: Ganz in der Nähe passierte schon einmal ein Unglück

Unfall A8 Bad Feilnbach
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Entzünden eine Kerze für ihren Martin: Margit und Peter Tuschl aus Bad Feilnbach.
  • Silvia Mischi
    vonSilvia Mischi
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Der Unfall am Sonntagabend, bei dem eine Fußgängerin schwer von einem Lkw verletzt wurde, erinnert an einen Unfall aus dem Jahr 2006. Ein Ehepaar aus Bad Feilnbach verlor dabei seinen Sohn.

Bad Feilnbach - Für Margit und Peter Tuschl aus Bad Feilnbach ist seit dem 15. September 2006 nichts mehr so, wie es war. Um 2.30 Uhr klingelten damals Polizeibeamte an der Haustür. Ihr 17-jähriger Sohn war mit dem Fahrrad als Geisterfahrer auf der Autobahn tödlich verunglückt.

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Zehn Jahre ist das her und doch so präsent, als wäre es gestern gewesen. Das Paar hat für andere Betroffene eine Botschaft: „Schämt euch für keine Form der Trauer und sucht den für euch gehbaren Weg. Es gibt keine Patentlösung.“

Mutter findet keinen Schlaf

Der Wecker zeigt 2.30 Uhr. Wochenlang konnte Margit Tuschl vor dieser magischen Uhrzeit nicht einschlafen. Zu sehr hatte sich diese in ihrem Kopf eingebrannt und ihr Leben verändert. Der Tod eines Kindes löst eine Familienkrise in kaum zu überblickender Dramatik aus. „Das verstorbene Familienmitglied hinterlässt eine große Lücke – jeder Einzelne muss lernen, mit diesem Verlust zu leben“, so Peter Tuschl.

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„Man kann Trauer nicht zeitlich begrenzen.“ Margit und Peter Tuschl Das obligatorische Trauerjahr habe keinerlei Bedeutung. „Man kann Trauer nicht zeitlich begrenzen“, betonen die Feilnbacher. Man lebe zwar weiter, doch der Schmerz höre niemals auf. Deshalb ist es den Tuschls wichtig, ihren Martin nach wie vor nah bei sich zu haben. Ein von dem Buben selbst gefertigter Hocker samt Kästchen steht mit Foto, Kerzen, Herzen, Blumen und seiner kaputten Brille im Wohnzimmer.

Eltern an der Unfallstelle

Zudem: „Viel näher fühlen wir uns Martin auf der Autobahnbrücke über der Unglücksstelle. Dort gedenken wir oft seiner“, beschreiben die Eltern. An diesem Brückengeländer haben sie eine elektrische Kerze als Zeichen der Erinnerung angebracht.

Der Blick auf die Stelle, wo sich der Zusammenprall mit dem Auto ereignete und von wo aus Martin auf dem Heimweg von einer Party mit seinem Fahrrad auf die Autobahn fuhr, hat man von dort im Blick. Bis heute ist die Motivation hinter der Geisterfahrt des 17-Jährigen ungeklärt. Mutprobe? Suizid? Unfall? Auf diese Fragen erhalten die Eltern genauso wenig Antworten wie nach dem Warum und nach dem Sinn.

Hilfe in einer Selbsthilfegruppe

Ein harter Weg liegt hinter dem Ehepaar und Tochter Andrea. „Ich dachte beispielsweise vier Wochen nach dem Tod an Trennung“, gesteht Margit Tuschl. Denn Männer trauern anders als Frauen, Erwachsene anders als Kinder oder Jugendliche. „Das muss man erst erkennen und für sich ausloten“, so Peter Tuschl. 

Er hätte lieber in der Natur und in Bewegung über den Verlust gesprochen. Seiner Frau hingegen hat der Austausch mit anderen betroffenen Eltern in der Selbsthilfegruppe von Sigrid und Dirk Scholz (Verein „Verwaiste Eltern“) geholfen. Peter Tuschl kam dort in den ersten drei Jahren kein Wort über die Lippen: „Ich konnte einfach nicht.“ Dennoch sind Freundschaften aus der Gruppe heraus entstanden.

Einfach nur zuhören, hilft den Eltern

Als hilfreich bezeichnen beide einen therapeutischen Klinikaufenthalt. Diese „Auszeit“ mit psychologischer Betreuung sei notwendig gewesen, denn der Alltag parallel zur Trauer sei teils unmenschlich und unwirklich. „Mir hat es einmal plötzlich den Brustkorb zusammengepresst, sodass ich nicht mehr atmen konnte“, beschreibt Margit Tuschl eine Reaktion. 

Freunde und Nachbarn, die einfach „nur“ zuhören würden, hätten ihnen gut getan. „Auch wenn ein Vertrauter, einem den Kopf wäscht, nimmt man das an“, so Tuschl. Denn beim „Herausziehen aus dem Sumpf“ müssten Verwandte und Freunde hartnäckig sein und manchmal auch ein dickes Fell haben.

Über Martin reden

Neben der eigenen Trauerbewältigung gilt es auch Reaktionen des Umfeldes zu verarbeiten. Diese reichen von neutralen Grüßen per Kondolenzkarte oder Blumen am Grab bis zu „denkbar schlechten Aussagen“. Völlig deplatziert waren gegenüber den Tuschls Sätze wie „Ich kann eure Trauer nachvollziehen, mein Hund ist gerade gestorben“ oder Phrasen wie „Ihr habt ja noch ein Kind oder könnt noch ein weiteres bekommen“. „Das hilft nicht. 

Auch nicht, wenn man Martin einfach totschweigt, als ob er nie existiert hätte. Das ist keine Option“, betonen die beiden. Schließlich war ihr Sohn 17 Jahre lang Teil ihres Lebens.

Brief an den Autofahrer geschrieben

Fünf Jahre nach dem Unfall haben die Tuschls Martins Zimmer umgeräumt und ein Büro darin errichtet. Auch ein Treffen mit den Freunden des Sohnes hat dem Ehepaar im Trauerprozess geholfen. Dem Autofahrer haben die beiden in einem Brief geschrieben, dass sie ihm keine Schuld geben. 

Nach der Kurve kam das Fahrrad zu überraschend entgegen, als dass man die Kollision hätte verhindern können. Mit neuen Hobbys und gemeinsamen Aktion blickt die Familie in die Zukunft – die Vergangenheit aber stets im Gedächtnis.

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