1671 angefertigt

Der Weihnachtsschatz von Tuntenhausen - so wurde er entdeckt

Über Jahrzehnte war der Krippenschatz in der alten Truhe verborgen.
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Über Jahrzehnte war der Krippenschatz in der alten Truhe verborgen.

Die Tuntenhausener Krippe ist eine Rarität: 1671 angefertigt und noch um 1900 in der Basilika zu sehen, galt sie lange als verschollen. Autorin Viktoria Schwenger erzählt die Geschichte eines barocken Juwels, das 1985 wiederentdeckt wurde. Heute: Der seltene Fund.

VON VICTORIA SCHWENGER

Tuntenhausen –  Es klingt wie die märchenhafte Entdeckung eines Schatzes. Im Jahre 1985, im Zuge der Renovierung des altehrwürdigen Pfarrhauses in Tuntenhausen, stieg der Wallfahrtskustos Pfarrer Josef Vogt hinauf in den Speicher, um zu sichten, was die früheren Pfarrherren im Laufe der Jahrzehnte dort hinaufgeräumt und gelagert hatten. In einer dunklen Ecke entdeckte er eine schwere, alte Reisetruhe, mit Staub dicht bedeckt und von Spinnweben umhüllt. Gespannt auf den Inhalt versuchte er den Deckel zu öffnen, der endlich knarrend nachgab. Im Schein der Taschenlampe erblickte Pfarrer Vogt Krippenfiguren und neben der Kiste, in Kartons und Schachteln feinsäuberlich verpackt, weitere Teile einer Krippe.

Über Jahrzehnte in alter Truhe verborgen

Sollte das die berühmte Tuntenhausener Krippe sein, die in alten Pfarrarchiven erwähnt und seit Jahrzehnten verschollen und fast vergessen war? Alte Tuntenhausener erinnerten sich noch aus Erzählungen, dass sie um 1900 zum letzten Mal in der Kirche aufgestellt worden sein soll. Sie sei dann in der oberen Sakristei eingelagert worden. Später verlor sich ihre Spur. Irgendjemand hatte sie wohl in den Speicher verbracht, und sie geriet in Vergessenheit. Lediglich einige Figuren waren noch bis in die 30er-Jahre im Pfarrhaus oder in der Kirche aufgestellt und erinnerten daran, dass es dereinst eine große Krippe gegeben hatte.

Die Szene der Tuntenhausener Barockkrippe zeigt den Einzug von König Kaspar. Schwenger

Im Deckel der Truhe eingeprägt war das bairische Wappen mit der Umschrift Ferdinand Maria H.B. 1678, dem Namen des bairischen Churfürsten, welcher gemäß der Überlieferung nach dem Tode seiner Gemahlin Henriette Adelaide von Savoyen, eine Krippe für Tuntenhausen gestiftet haben soll. Diese Krippe hatte der Churfürst 1671 vom berühmten Künstler Gottfried Langenpuecher anfertigen und im kurfürstlichen Palais aufstellen lassen.

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Im Jahre 1708 hatte der Churfürst eine neue Krippe für die Prinzen in Auftrag gegeben und die alte Krippe als Stiftung nach Tuntenhausen bringen lassen, dessen Wallfahrt und Gnadenbild der Virgo potens, der Mächtigen Jungfrau Maria, er besonders zugetan war.

Wie weiter mit der Krippe verfahren wurde, ist ungewiss. Mit ziemlicher Sicherheit kann man annehmen, dass sie während der Zeit der Aufklärung und der Säkularisation zur Bewahrung vor Vernichtung versteckt wurde und erst 1840 wieder hervorgeholt wurde.

Die Truhe enthielt nur einen Teil der 253 etwa 20 bis 27 Zentimeter hohen Figuren. In Schachteln verpackt lagerten daneben eine Menge von Händen, Füßen, Köpfen und Kleidern – teilweise in desolatem Zustand. Motten und anderes Ungeziefer hatten den Textilien zugesetzt.

1300 Einzelteile zählte man

Viele Kulissen und 1300 Einzelteile zählte man. Eine handschriftliche Aufzeichnung aus dem Jahre 1840 mit dem Namen „Verzeichnis das Kribpell richten“ vervollständigte den Fund. Aus dieser Anleitung ging hervor, dass die Krippe seinerzeit in der Kirche aufgestellt wurde. Sie stand auf der rechten Seite der Kirche, von der Kirchentüre bis hin zum letzten Beichtstuhl.

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Es war eine sogenannte „Wandelkrippe“. Das heißt, dass sie in wechselnden Szenen – insgesamt 17 – gezeigt wurde. Der jeweilige Mesner war für das Aufstellen und Umrichten der Kulissen und Figuren zuständig. An jedem Sonn- und Feiertag zwischen dem 24. Dezember und dem Sonntag Quinquagesima, also dem Sonntag vor dem Aschermittwoch, wurde eine andere Szene aus dem Alten oder Neuen Testament gezeigt. Es begann mit der Herbergssuche und der Geburt Christi am 24. Dezember bis zur Heilung des Blinden durch Jesus und dem Zeigen des Kreuzes und der Leidenswerkzeuge Christi am Sonntag vor Aschermittwoch, als Hinweis auf die bevorstehende Passionszeit.

Die Figuren der Krippe sind aus Holz geschnitzt, Gliederpuppen mit Gelenken an Schultern, Ellbogen, Händen, Hüften und Knien, die dadurch sehr beweglich sind. Kein Gesicht gleicht dem anderen, jedes ist individuell gestaltet und bemalt.

253 Figuren und 1300 Einzelteile

Die Hirten, Bauern und Handwerker tragen heimische Tracht, teils einfach, teils mit Kniebundhosen, Jankern und Gürteln mit Federkielstickerei. Die höfischen Figuren und die Könige sind prachtvoll in Seide, Goldspitze und Brokat, Silber- und Goldstickerei, teilweise verziert mit Hermelin gekleidet. Dem Gefolge der Heiligen Drei Könige gehören Kamele, Pferde und Elefanten mit prächtigem Zaumzeug und Sätteln an.

Die hohe Qualität vieler Köpfe, die prachtvollen Gewänder, die handwerkliche Präzision und die überaus reichhaltige Ausstattung mit Zubehör – meist aus Wachs gefertigt – und auch die aufwendigen Kulissen in Form von Landschaften, Burgen, Schlössern, Seen und Häusern weisen darauf hin, dass die Krippe in einer gehobenen Werkstatt des höfischen Bereiches hergestellt worden sein muss. Nur wenige Krippen aus der Zeit vor 1700 sind noch erhalten – insofern handelt es sich bei dieser Krippe also um eine echte Rarität.

Ist Krippeschauen überhaupt möglich?

Die Krippe kann in normalen Zeiten vom ersten Advent, dem 29. November, bis Mariä Lichtmeß am 2. Februar, an jedem Sonntag von 13 bis 16 Uhr besichtigt werden. In der Weihnachtszeit vom 24. Dezember bis zu Heilige Drei Könige am 6. Januar wäre sie sogar täglich von 13 bis 16 Uhr zu sehen.

In diesem Jahr muss die Besichtigung allerdings von der Entwicklung der Corona-Infektionszahlen abhängig gemacht werden. Nach gegenwärtigem Stand kann die Krippe nicht besichtigt werden. Wie es sich in den nächsten Tagen und Wochen entwickeln wird, können Interessenten im Pfarramt Tuntenhausen unter Telefon 0 80 67/2 82 erfragen. Der Eintritt ist frei, eine Spende zum Erhalt der Krippe ist gern gesehen.

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