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Wertvolle Flächen gehen verloren

„Die Region braucht eine Zeitenwende“ – Bürgerinitiativen fordern Aus für Brenner-Nordzulauf

Die Bürgerinitiativen gegen den Brenner-Nordzulauf aus Tuntenhausen, Großkarolinenfeld und Schechen engagieren sich gemeinsam gegen den Bau der Trasse: (von links) Stephan Dialler, Lothar Thaler, Werner Zwingmann, Jakob Wallner, Margit Kraus und Stefan Hofbauer.
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Die Bürgerinitiativen gegen den Brenner-Nordzulauf aus Tuntenhausen, Großkarolinenfeld und Schechen engagieren sich gemeinsam gegen den Bau der Trasse: (von links) Stephan Dialler, Lothar Thaler, Werner Zwingmann, Jakob Wallner, Margit Kraus und Stefan Hofbauer.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Milch für 35.000 Menschen oder Brot für 10.000 Menschen oder Energie für 390 Haushalte gehen pro Jahr verloren, wenn der Brenner-Nordzulauf gebaut wird. Zudem müssten 3,24 Millionen Buchen gepflanzt werden. Angesichts von Energiekrise, Preisexplosionen am Bau und drohenden Hungersnöte fordern Bürgerinitiativen das Aus des Milliarden-Projekts.

Tuntenhausen/Großkarolinenfeld/Schechen – Der Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine hat alles verändert. Nichts ist mehr, wie es vor dem 24. Februar war. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz proklamierte „Zeitenwende“ müsse nun auch in der Region ankommen, fordern die Bürgerinitiativen (BI) gegen den Brenner-Nordzulauf von Tuntenhausen, Großkarolinenfeld und Schechen. Sie haben sich in der BI Nord vereint, um die verheerenden Auswirkungen der Trasse vor allem im Bereich von Langenpfunzen am Inn bis nach Ostermünchen deutlich zu machen – auf Klima, Ernährung und Energieverbrauch. Sie sind der Meinung: „Diese Zeitenwende kann nur eines bedeuten: das Aus für den Brenner-Nordzulauf.“

Verzicht auf Trasse hilft Energie sparen

Der Paradigmenwechsel in der deutschen Politik beinhaltet weitaus mehr als Waffenlieferungen für die Ukraine und Investitionen von 100 Milliarden Euro in die eigene Sicherheit. Dauerhafter und ehrlicher Frieden in Deutschland ist auch von der Autarkie von russischer Energie abhängig. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck appellierte jetzt an die Deutschen, mit Energie zu haushalten. Jede eingesparte Kilowattstunde helfe, die Versorgungslage zu entspannen. „Kann man unter diesen Umständen noch am Brenner-Nordzulauf festhalten“, fragen die nördlichen Bürgerinitiativen. Ihre Antwort: „Nein.“

Sie haben die geplante Trasse vom österreichischen Schaftenau über die Gemeinden Kiefersfelden, Oberaudorf, Stephanskirchen, Schechen und Großkarolinenfeld bis nach Ostermünchen in der Gemeinde Tuntenhausen unter den neuen geopolitischen Aspekten betrachtet. Die 54 Kilometer lange violette Trassenvariante ist zu 60 Prozent unterirdisch. Ihre komplette Untertunnelung auch nördlich des Inn ist eine wesentliche Forderung der betroffenen Gemeinden.

„Für den Begegnungsverkehr bräuchte man dann auf der gesamten Trassenlänge von 54 Kilometern zwei Tunnel, also insgesamt 108 Kilometer Tunnel“, rechnet Margit Kraus von der BI Tuntenhausen vor. Abgesehen von den Materialpreisen für Beton, Baustahl, Kunststoffe und Holz, die sich schon während der Corona-Pandemie deutlich verteuert haben und durch den Ukraine-Krieg weiter in die Höhe schnellen, ist die Bauwirtschaft von gasintensiven Industrien wie der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie abhängig.

Ein Blick auf die Treibhausgasemissionen wirft zudem die Frage auf, ob das Milliarden-Projekt mit den Klimazielen der Bundesregierung vereinbar ist. „Bei der Betonherstellung für einen Kilometer Tunnel werden 30 000 Tonnen CO2 ausgestoßen“, rechnet Kraus vor. Die Umweltbelastung läge also bei zwei Tunneln auf der gesamten Strecke bei 3,24 Millionen Tonnen CO2.

Unverantwortliche Umweltbelastung

Nach einer forstwirtschaftlichen Faustformel muss eine Buche etwa 80 Jahre wachsen, um eine Tonne CO2 aufnehmen zu können. „Von Schaftenau bis Ostermünchen müssten wir also jetzt 3,24 Millionen Buchen pflanzen, damit diese in den nächsten 80 Jahren die Treibhausgase der Brennertrasse ausgleichen“, betont Werner Zwingmann aus Langenpfunzen und fügt hinzu: „Dazu bräuchte man aber Flächen, durch die Trasse der Natur entrissen und versiegelt werden.“

„Zudem geht die Trasse zulasten der jetzt als Freiheitsenergien bezeichneten erneuerbaren Energien“, betont Landwirt Jakob Wallner von der BI Großkarolinenfeld. „Die erneuerbaren Energien sollen schneller denn je ausgebaut werden. Doch mit der Trasse gehen uns 104 Hektar land- und forstwirtschaftlicher Nutzfläche für immer verloren.“ Umgerechnet auf Energie würde das bedeuten: „Mit 100 Hektar Land könnten Biogasanlagen 1,752 Millionen Kilowattstunden klimaneutralen Stroms erzeugen und 390 Vier-Personen-Haushalte pro Jahr versorgen.“ Die dabei entstehende Wärme für eventuelle Nahwärmenetze ist in diese Rechnung noch nicht einmal einbezogen. Allein auf dem Stück von Langenpfunzen bis Tuntenhausen sind derzeit sechs Biogasanlagen am Netz. Mit der Brenner-Trasse müssten mindestens drei von ihnen ihre Produktion einstellen.

Eine Antwort muss die Region auch auf den Ausfall der Ukraine als Lieferant für Agrargüter – Weizen, Gerste, Raps, Mais und Sonnenblumen – finden. Experten warnen schon jetzt vor Hungersnöten – nicht in Deutschland, aber weltweit. „Würde auf den 100 Hektar, die für die Brenner-Trasse verloren gehen, Getreide angebaut, könnte man beispielsweise 728 Tonnen Weizen pro Jahr ernten und damit 10 400 Menschen ernähren oder 856 470 Brote backen“, betont Stefan Hofbauer von der Bürgerinitiative Tuntenhausen.

Ernährung für Zehntausende sichern

Als Futter- und Weideflächen ernähren 100 Hektar Grünland etwa 220 Kühe. „Von ihnen bekämen wir 1,76 Millionen Liter Milch, was dem Jahresbedarf von 35 000 Menschen entspricht“, verdeutlicht Landwirt Wallner den Wert der Fläche für die Ernährung.

Die Bürgerinitiativen Nord gegen den Brenner-Nordzulauf hoffen, dass die Zeitenwende auch in der Region ankommt. „Das heißt nicht, dass wier gegen eine Verlagerung der Transporte von der Straße auf die Schiene sind“, betont Zwingmann. „Doch dafür reicht die Modernisierung der Bestandsstrecke aus. Zudem müssen Bahnanschlüsse geschaffen werden, damit die Kunden ihre Güter mit Lkw nicht mehr zu weit entfernten Verladebahnhöfen transportieren müssen.“

Zeitgemäßes Umdenken gefordert

Die Bürgerinitiativen Nord fordern ein zeitgemäßes Umdenken. „Dazu gehört eine aktuelle Bedarfsanalyse, die sowohl die Deglobalisierung betrachtet, als auch die Entwicklung der Fahrzeugtechnik hin zu E-Motoren oder Wasserstoffantrieben“, so Stephan Dialler aus Schechen.

Die Bürgerinitiativen wollen jetzt eine Studie für den nördlichen Abschnitt der Brenner-Trasse vom Inn bis Ostermünchen in Auftrag geben. Dazu hoffen sie auf die Unterstützung der Gemeinden Tuntenhausen, Großkarolinenfeld und Schechen. „Wir wollen viele Akteure integrieren, um die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass der Brenner-Nordzulauf weder nachhaltig ist, noch gebraucht wird“, kündigt Lothar Thaler aus Pfaffenhofen an.

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