Tuntenhausen im Brenner-Widerstand: Im Raumordnungsverfahren zählt jede Stimme

Zahlreiche Interessenten waren auf den Ostermünchener Sportplatz gekommen, um sich über das Raumordnungsverfahren zum Brenner-Nordzulauf zu informieren. Stache

Tuntenhausen wäre vom Bau des Brenner-Nordzulaufs besonders betroffen. Alle fünf Varianten führen durch das Gemeindegebiet. Eine Verknüpfungsstelle würde Landschaft und persönliche Existenzen zerstören. Die Bürgerinitiative hat jetzt zum aktiven Widerstand gegen das Projekt aufgerufen.

Tuntenhausen – „Studien mit falschen Berechnungen und unseriösen Prognosen, Lobby-Interessen und ein Ende im italienischen Nirgendwo“ – die Planungen für den Brenner-Nordzulauf wurden rundum verbal „abgewatscht“, als die Bürgerinitiative Tuntenhausen gegen den Brenner-Nordzulauf auf den Sportplatz nach Ostermünchen einlud. Ein Ort, der verschwindet, sollte der Brenner-Nordzulauf gebaut werden, denn die Gemeinde Tuntenhausen wäre von allen fünf Trassenvarianten betroffen, und Ostermünchen bekäme eine Verknüpfungsstelle.

Lesen Sie auch: Heimat in Gefahr: Tuntenhausener machen mobil gegen Trassenverlauf zum Brennerbasistunnel

Nachdem die Regierung von Oberbayern das Raumordnungsverfahren für das Projekt eingeleitet hat, werden nun die fünf Grobtrassen auf ihre Raumverträglichkeit geprüft. Während die Deutsche Bahn dies als wichtiges Etappenziel ansieht, ist es für die Bürgerinitiative Tuntenhausen der Beginn ihres Widerstandes gegen das Projekt. „Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass unsere Heimat leichtfertig zerstört wird“, betonte Hans Baumgartner, der Vorsitzende der Bürgerinitiative.

Fakten sprechen gegen Neubautrasse

Um die Bürger aufzurütteln, ihre Stellungnahme abzugeben, hatte sich die BI Partner ins Boot geholt. Professor Dr. Roland Feindor von der Fakultät für Informatik der Hochschule Rosenheim machte klar: „Für den Brenner-Nordzulauf gibt es weder einen Bedarf, noch stehen Kosten und Nutzen im Verhältnis, noch könnte die Trasse in Italien weitergeführt werden“, betonte er. Die Gutachten, die das Freiburger Ingenieurbüro „Trimode“ im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erstellt hat, und die den Planungen für den Brenner-Nordzulauf zugrunde liegen, bezeichnete der Wissenschaftler als „fehlerhaft und unseriös“.

Hier finden Sie eines der Gutachten aus dem Jahr 2018: Verkehrsentwicklungsszenarien 2050 für den Eisenbahnverkehr auf dem Brennerkorridor mit Fokus auf den Schienengüterverkehr

So basiere der prognostizierte Anstieg des Zugverkehrs auf puren Behauptungen, darunter der Annahme eines Wirtschaftswachstums von zwei Prozent pro Jahr. „Tatsächlich betrug das Wirtschaftswachstum in gesunden Jahren nur 0,38 Prozent“, so Feindor. Zudem werde aufgrund der Corona-Pandemie mit einem Einbruch des Außenhandels und einer Verringerung des globalen Verkehrs gerechnet.

„Der Tiroler Verkehrsbericht weist nach, dass es seit 2010 keine Steigerung des Verkehrsaufkommens auf der Brenner-Bahntrasse gegeben hat“, führte Feindor an. Sein Fazit: „Eine Optimierung der Bestandsstrecke ist ausreichend. Sie könnte bis zu 352 Züge täglich verkraften. Der Neubau einer Hochgeschwindigkeitstrasse ist nicht erforderlich.“

Den Tiroler Verkehrsbericht können Sie hier nachlesen. Informationen zum Güterverkehr finden sich auf Seite 11: Verkehr in Tirol - Bericht 2018

Die bestehende Bahnstrecke, so erläuterte Bürgermeister Georg Weigl, sei noch immer nicht voll ausgelastet. Zudem fordert die Gemeinde ihren Ausbau bis nach Grafing und eine Verbessung des Personennahverkehrs.

Auch in der Kosten-Nutzen-Rechnung der Neubautrasse wollte Feindor Rechenfehler festgestellt haben und betonte: „Einen Nutzen hat die Region nur vom Ausbau der Bestandsstrecke.“

In Italien wird noch nicht einmal geplant

Zudem prognostizierte er, dass die neue Trasse ab dem Südportal des Brenner-Basistunnels im Nirvana enden werde: „Italien plant noch nicht einmal, sondern macht den Bau der Trasse von der Verfügbarkeit finanzieller Mittel abhängig“, zitierte der Professor italienische Medien.

Mit dem Südtiroler Politiker Sepp Kusstatscher war auch ein „Zeuge“ der italienischen Entwicklungen nach Ostermünchen gekommen. Im Europaparlament war er unter anderem Mitglied im Ausschuss für Transport und Fremdenverkehr. „Im Süden wird nicht gebaut“, bestätigte Kusstatscher und ergänzte: „Der Brenner-Nordzulauf ist nicht im Interesse der Menschen, der Natur oder Europas, sondern allein im Interesse der Baulobby.“

Die Gemeinde Tuntenhausen wäre neben Großkarolinenfeld von allen fünf Varianten des Brenner-Nordzulaufs betroffen. Durch geplante Verknüpfungsstellen wäre der Eingriff in die Landschaft und das private Eigentum gravierend. Gleichzeitig würde die Ausbautrasse Tuntenhausen-Kiefersfelder aber in der Gemeinde enden, denn Planungen für Fortführung nach Rosenheim oder München gibt es nicht.

Bürgermeister Weigl appellierte an die Bürger, im Raumordnungsverfahren ihre Stellungnahme zu den Auswirkungen der Trassen auf ihre Heimat abzugeben. „Bitte nutzen Sie diese Chance, ein deutliches Signal an die Politik zu senden.“ Der Gemeinderat positioniert sich dazu in seiner morgigen Sitzung.

Das könnte Sie auch interessieren: Antragsflut zum Brenner-Nordzulauf – jetzt sind die Bürger gefragt

Wie Bürger ihre Einwände einbringen können, erklärt die Gemeinde auf ihrer Internetseite. Der Brennerdialog Rosenheimer Land hat dafür eine extra Homepage eingerichtet.

Kommentare