Szenen, die er nie vergisst: Herbert Lechner und der Sommer 1945 in Bad Aibling

In der sogenannten Taussig-Kurve (Ecke Sonnenstraße/Willinger Straße) hat Herbert Lechner als Bub Brot an ausgemergelte Kriegsgefangene verteilt. baumann
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In der sogenannten Taussig-Kurve (Ecke Sonnenstraße/Willinger Straße) hat Herbert Lechner als Bub Brot an ausgemergelte Kriegsgefangene verteilt. baumann

Sommer 1945. Der Krieg ist vorbei. Doch aus dieser Zeit stammen Erlebnisse, die Herbert Lechner, damals noch ein kleines Kind, bis heute nicht vergessen hat. Ein Rückblick..

Von Johann Baumann

Bad Aibling – Im Zuge unserer – inzwischen abgeschlossenen – Serie „75 Jahre Kriegsende“ haben wir über Erinnerungen, Schicksale und Erlebnisse von Bürgern aus dem Mangfalltal berichtet. Geschichten, die Herbert Lechner aus Bad Aibling sehr bewegt – und veranlasst haben, über Erinnerungen an den Sommer 1945 in Bad Aibling zu sprechen. Der heute 78-jährige Rentner ist ein waschechter Aiblinger und an der Mangfallstraße aufgewachsen. Und an seine allererste Orange, die er im Sommer 1945 als Dreijähriger von einem amerikanischen Soldaten bekommen hat, erinnert er sich noch heute.

US-Soldat begeistert von Blondschopf

„Ich war als kleiner Bub ganz blond“, erzählt er. Und jeden Abend kam damals ein US-Amerikaner zum Gartenzaun der Familie, um den kleinen Blondschopf zu sehen. „Meine Mama ist dann mit mir vor die Tür“, erinnert er sich. Der US-Amerikaner drückte dem blonden Wonneproppen dann eine Orange in die Hand – „meine erste“.

Mit der orangefarbenen Kugel konnte der Kleine zunächst nichts anfangen – „Südfrüchte“ hat es ja nicht gegeben, sagt er. Mama Lechner wusste aber Bescheid. Und so hat sie die Orange in sechs Teile geteilt: Jeder bekam ein Stück. Herbert, seine drei Geschwister und die Eltern. Neben Orangen verteilten die Amerikaner auch Schokolade – „sie waren ein Segen für die Stadt“.

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Letzte Kriegstage in Mietraching

Bevor Lechner aber mit Südfrüchten und Schokolade seitens der Amerikaner versorgt wurde, erlebte der kleine Bub die Wochen vorher, an die er sich genau erinnern kann: „1945 flogen immer wieder Kampfflieger dicht über unser Haus, in dem meine Eltern einen Gemischtwarenladen betrieben“. Kurz vor dem Eintreffen der Flugzeuge wurde die Bevölkerung durch Sirenen gewarnt. „Wir sind alle sofort in den Keller und die, die dort nicht mehr Platz fanden, haben unter der Ladentheke Schutz und Zuflucht gesucht.“ Die Flieger erzeugten einen Höllenlärm, der das Haus wackeln ließ. Doch der damals Dreijährige war sehr neugierig.

Ein Kaminkehrer im Flugzeug?

Wieder einmal kamen Kampfflieger, die stets den damaligen Fliegerhorst in Mietraching im Visier hatten und ihm zufolge „auf alles schossen, was sich bewegte“. Während alle Bewohner des Hauses in das Untergeschoss flüchteten, schaute er sich von der Straße aus die tief fliegenden Militärmaschinen an. Danach schilderte er seinem Vater ganz aufgeregt seine Beobachtung: „Papa, in einem Flugzeug war ein Kaminkehrer drin.“ Herbert hatte bis dahin in seinem noch sehr jungen Leben nie einen farbigen Menschen gesehen. Der Vater war erbost über den Wagemut seines Sohnes. Der erhielt kein Lob, sondern bekam ob seines Verhaltens kräftig den Hosenboden versohlt.

Mutter schickt Bub mit Brot zu Soldaten

Ein weiteres Erlebnis hat sich bis heute tief in die Seele des Zeitzeugen eingegraben. Er hat noch immer die Bilder ausgemergelter deutscher Kriegsgefangener vor sich, die in Marschkolonnen – vom Irschenberg her kommend und von amerikanischem Militär begleitet – zum Gefangenenlager im Fliegerhorst Mietraching auf dem Weg waren. Gegenüber des Elternhauses von Herbert Lechner, in der sogenannten „Taussig-Kurve“ – machte der Gefangenentross eine kurze Rast. Herberts Mutter sah die hungrigen Gesichter, holte ein paar Brotlaibe hervor und schnitt sie in Scheiben.

Da sich aber kein erwachsener Zivilist dem Trupp nähern durfte, schickte sie den Blondschopf mit einem Eimer voller Brotscheiben zu den Gefangenen – nicht ohne ihm vorher aufzutragen: „Aber gib jedem Gefangenen nur eine Scheibe.“ Die deutschen „Landser“ griffen begierig nach dem Brot. „Diese Szenen mit den ausgehungerten Soldaten werde ich nie vergessen“, sagt Lechner.

Was sonst noch im Sommer 1945 los war

Von welchen Ereignissen war der Sommer 1945 in Bad Aibling geprägt? Altbürgermeister Dr. Werner Keitz blickte für uns in die Stadtchronik, in der unter anderem festgehalten ist:

• 28./29. Mai 1945: In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai stoßen gegen 23.00 Uhr unterhalb der Ghersburg zwei Züge zusammen, ein Leerzug und ein Truppentransporter mit deutschen Gefangenen. 20 Soldaten wurden verletzt, vier Soldaten starben.

• 23. Juli 1945: Die elektrifizierte Bahn zwischen Bad Aibling und Feilnbach nimmt ihren Betrieb wieder auf.

• 11. August 1945: Die Bevölkerung wird aufgerufen, in den Wäldern Holz zu sammeln, da eine Versorgung mit Brennstoff nicht gewährleistet ist. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass dies nicht in Forstdiebstahl ausarten darf. Gegebenenfalls werden die Forstbeamten die Bäume bezeichnen, die gefällt werden dürfen. Trotzdem wurden ganze Forste kahlgeschlagen, da viele Forstbeamte ein Auge zudrückten. Die Not war groß, denn die Verwendung von Elektrizität oder Gas zum bloßen Heizen war verboten. Glücklich schätzte sich der, der Torf zugeteilt bekam oder selbst stechen durfte. So viele Menschen hatten sich noch nie in der Torffilze aufgehalten.

• 18. August 1945: Jeder Fahrradbesitzer muss sich beim Bürgermeister, unter Vorführung seines Rades, einen Fahrradausweis ausstellen lassen. Dieser wird in deutscher und englischer Sprache abgefasst. Das Military Government Det. H 285 Bad Aibling hat der Durchführung von Sammeltransporten in die Holledau zum Hopfenpflücken zugestimmt. Anonyme Anzeigen werden nicht bearbeitet. Der Postverkehr wird wieder aufgenommen. Allerdings müssen alle Postsendungen am Schalter eingeliefert werden. Eine Briefkastenleerung wird noch nicht durchgeführt. Die Bahn nimmt den Nahverkehr auf.

• 25. August 1945: Gemäß Weisung der Militärregierung hat das Amtsgericht den Dienstbetrieb wieder aufgenommen (Mitteilung des Amtsrichters Berz).

Infolge einer Explosion in der Abfallgrube an der Ellmosener Straße wurden vier Kinder und zwei Erwachsene stark verletzt. Ein Kind ist bereits gestorben.

• 26. August 1945: Wieder wird für die SS und die politischen Gefangenen ein Gottesdienst abgehalten. In der Nacht gelingt 80 SS-Angehörigen die Flucht. Die Bewachung wird verstärkt. Am 29. September werden den Geistlichen die Dauerausweise entzogen.

• 01. September 1945: Bis zu diesem Datum waren die Ausgabe und der Umtausch von Bezugsscheinen für Schuhe gesperrt.

• 08. September 1945: Der Fohlenmarkt findet in diesem Jahr nicht statt, da die Verkehrsverhältnisse außerordentlich ungünstig sind. Im Rathaus werden für Jugendliche bis zu 14 Jahren Sonderkarten für Bienenhonig ausgegeben.

Herbert Lechner heute mit 78 Jahren.
Herbert Lechner als eineinhalbjähriger Bub.

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