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„Früher dachten die Leute, wir zaubern“

Swetlana Becker aus Bad Aibling betreibt eine der zwölf letzten Blaudruckereien in Deutschland

Swetlana Becker hat sichtbar Freude an ihrer Arbeit. Hier beim Ausmessen eines „Models“. Jeden Nachmittag verbringt sie in ihrer Werkstatt, vormittags arbeitet sie als Altenpflegerin.
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Swetlana Becker hat sichtbar Freude an ihrer Arbeit. Hier beim Ausmessen eines „Models“. Jeden Nachmittag verbringt sie in ihrer Werkstatt, vormittags arbeitet sie als Altenpflegerin.
  • VonPaula Trautmann
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Swetlana Becker streicht behutsam über den weißen Leinenstoff. Sie zeichnet ein, wo sie den Druckstock anlegen wird. Jeder Griff sitzt, sie beherrscht ihr Handwerk. Die 46-Jährige betreibt eine der zwölf letzten Blaudruck-Werkstätten in Deutschland.

Bad Aibling – Sie befindet sich in einer Jugendstilvilla an der Willinger Straße in Bad Aibling. Die Außenwand schmückt ein Pfau, der seine langen blauen Federn von einem Baum herabhängen lässt. Beim Betreten des Eingangsbereichs ist zu sehen, dass hier jemand mit Leidenschaft am Werk ist. Auf der Kommode liegt eine Tischdecke in blau-weiß, an der Garderobe hängen zwei kleine Rucksäcke und auch die Vorhänge sind im typischen Blaudruck-Muster. Alles ist bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt.

Kein Lehrberuf, sondern ein Erbe

„Wenn jemand einmal anfängt mit Blaudruck, hört er nicht mehr damit auf“, sagt Swetlana Becker. Sie muss es wissen. Seit drei Jahren ist die 46-Jährige selbstständig, seit sieben Jahren lernt sie den Blaudruck von ihren „Meistern“ – so nennt sie Johanna Henkenjohann und Bernd Sander. Sie ist vergangenen Sommer gestorben, er vor drei Jahren. Zuvor haben sie Becker alles über den Blaudruck beigebracht und ihr die Werkstatt vermacht. Sie soll ihre Kunst weiterführen – ein großes Erbe.

Denn den Blaudruck kann niemand in einer Berufsschule oder im Studium lernen. Die wenigen Blaudrucker entscheiden, an wen sie ihr Wissen weitergeben. Henkenjohann und Sander hatten keine Kinder, weshalb sie einen Nachfolger suchten. Die ersten Anwärter hätten bei schwierigen Arbeiten aufgegeben. Dann haben die beiden Becker über Freunde kennengelernt.

Eine „lange Prüfung“ bis zum Ergebnis

Sie war fasziniert vom Blaudruck und erstaunt, wie viele Schritte nötig sind, um „so etwas Schönes herzustellen“. Es sei eine „lange Prüfung“ bis das Ergebnis fertig ist. Wegen der vielen Trockenphasen kann der Prozess Monate dauern. Ihre Kunden wüssten, dass es lange Wartezeiten gibt. Dafür erhöht sie die Preise nicht. „Der große Verdienst ist nicht wichtig, sondern die Kunst und das Handwerk selbst. Das ist eine Leidenschaft“, sagt Becker. Wer den Blick durch ihre Küche schweifen lässt, hat daran keinen Zweifel. Sogar ihr Porzellan und die Fliesen sind im Blaudruckstil. Ihre Tischdecke und Schürze hat sie selbst bedruckt.

Dafür kocht Becker den Stoff zunächst, er muss „absolut sauber“ sein, lange gespült und gemangelt werden. Dann rollt sie den Stoff auf, legt ihn auf den großen Tisch in ihrer Werkstatt. Sie zeichnet auf, wie groß der Vorhang oder die Tischdecke sein soll.

Sie streicht den „Papp“ auf, damit sie die wasserabweisende Masse auf das „Model“ übertragen kann.

Dann rührt sie in einer Schale den „Papp“ an – eine grünliche, wasserabweisende Masse aus Tonerde, Gummiarabikum und anderen Zutaten. Jeder Blaudrucker hat sein eigenes „streng behütetes Geheimrezept“. Durch den Papp nimmt der Stoff die blaue Farbe an den behandelten Stellen nicht an und so entsteht das weiße Muster.

Ein drei Meter tiefer Brunnen voller indigoblauer Farbe

Sie streicht die Masse auf das „Chassis“ – eine Art Stempelkissen – und drückt den Druckstock, das sogenannte „Model“, mehrmals darauf, damit es den Papp annimmt. Über 2000 Models haben ihre Meister gesammelt. Sie bestehen aus Hartholz, in das Messingstifte eingearbeitet werden. Das Schwerste wiegt fünf Kilo. Deshalb sei die Arbeit oft sehr anstrengend, wenn sie tagelang am Drucktisch steht.

Den „Papp“ presst sie mit dem „Model“, eine Art Druckstock, auf das weiße Leinentuch.

Becker arbeitet jedoch völlig routiniert. Sie weiß genau, wo sie das Model am Leinen anlegen muss, platziert es und klopft mehrmals darauf. Das macht sie, bis der ganze Stoff überzogen ist. Nun muss der Stoff trocknen. Die Dauer hängt von der Temperatur, Stoffdicke und Farbe ab. Dann beginnt der eigentliche Färbeprozess. Becker verlässt die Werkstatt und geht in ihre Garage. Dort ist ihre „Küpe“ – ein drei Meter tiefer und eineinhalb Meter breiter Brunnen voller indigoblauer Farbe. Weil sie aus einer Pflanze gewonnen wird, sei sie „natürlich und nicht gefährlich“, wie bei synthetisch hergestellten Färbemitteln. Die Farbe bekommt Becker aus Indien oder Pakistan. Dort gebe es die „beste Qualität“.

Früher galt es als Zauberei

Am Tag bevor die Blaudruckerin färben kann, muss sie die Küpe zunächst „beleben“. Damit sich die Farbe nicht absetzt, rührt sie mit einem drei Meter langen Stab in dem Becken, der fast vollends darin verschwindet. Die Farbe schimmert dunkelblau, fast schwarz. „Das heißt, ich habe alles richtig gemacht“, sagt Becker. Wäre die Farbe zu hell oder würde nicht schimmern, wäre sie „tot“ – das habe ihr Johanna Henkenjohann immer gesagt.

Bevor sie das Leinen färben kann, muss sie die Farbe in der drei Meter tiefen „Küpe“ durchmischen.

Ist die Farbe bereit, spannt sie den Stoff auf den Sternreif über dem Becken, 15 Meter passen darauf. Dann taucht sie das Leinen in die Farbe. „Früher dachten die Leute Blaudrucker können zaubern“, erzählt Becker. Denn der Stoff ist zunächst grün, erst durch die Sauerstoffoxidation wird er nach einigen Minuten blau. Damit das schneller passiert, schlägt Becker mit einem dünnen Stock auf den Stoff. „Davon kommt das Sprichwort, jemanden grün und blau schlagen“, sagt sie und lacht.

„Jeder Zentimeter ist wertvoll“

Diesen Prozess wiederholt sie mehrmals mit Pausen von 15 Minuten. Je öfter Becker den Stoff eintaucht und oxidieren lässt, desto dunkler wird er. Wenn er dunkel genug, fast schwarz ist, deckt sie den Stoff ab. Das Muster ist erst zu sehen, wenn sie ihn mit heißem Wasser spült. „Das fasziniert die Leute“, weiß Becker. Aus dem Stoff näht sie Tisch- und Platzdecken, Kissen, Vorhänge oder Schürzen. Die Reste verarbeitet sie zu kleinen Gewürzbeuteln. „Ich werfe nichts weg. Jeder Zentimeter ist wertvoll“, sagt Becker.

Die Produkte verkauft sie auf Messen und Märkten. „Das Schönste ist, wenn sich die Leute über das Ergebnis freuen.“ Die Blaudruckerin hofft deshalb, dass die Kunst nicht ausstirbt. Wer ihre Werkstatt übernimmt, ist noch unkklar. Womöglich ihre Kinder oder ein Lehrling, so wie sie einer war.

Reservedruck, Direktdruck und Doppeldruck

Swetlana Becker kann nicht nur den klassischen Reservedruck, bei dem sich das Leinen Blau färbt und die Aussparungen weiß bleiben, sondern auch den Direktdruck. Dabei bleibt der Stoff weiß, nur das Muster wird blau. Den Doppeldruck behrrscht sie ebenfalls. Der Stoff ist dann dreifarbig: dunkelblau, hellblau und weiß. Für diese Technik gibt es zwei Druckstücke, sogenannte „Model“, die zusammenpassen. „Sie sind wie Zwillinge und dürfen nicht getrennt werden“, sagt Becker. Für aufwendige Tischdecken verwendet sie manchmal sogar sieben Models. Für ein Stück von zwei auf zwei Metern brauche sie dafür fast vier Stunden. Dass das aussterbende Handwerk besonders ist, hat 2018 auch die UNSECO erkannt und das Färbeverfahren aus dem 17. Jahrhundert zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt.

Die fertigen Tischdecken, Kissenbezüge oder Platzdecken verkauft Becker auf Märkten und Messen.

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