Spurensuche in Bad Aibling: Dieter Bräunlich erkennt seinen Vater, doch wem gehört das Foto?

Dieter Bräunlich zeigt das Foto im Album seines Vaters. Das gleiche Motiv wurde jetzt auf dem Gehweg an der Ebersberger Straße gefunden.
  • vonKathrin Gerlach
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Das Soldatenfoto, das auf dem Gehweg an der Ebersberger Straße in Höhe des Edeka-Marktes gefunden wurde, gibt weiter Rätsel auf. Zwar hat Dieter Bräunlich seinen Vater Rudolf sofort erkannt. Doch wer das Foto verloren haben könnte, bleibt im Dunkeln und lässt Raum für Spekulationen.

Bad Aibling – Das Soldatenfoto, das auf dem Gehweg an der Ebersberger Straße in Höhe des Edeka-Marktes gefunden wurde, gibt weiter Rätsel auf. Zwar hat Dieter Bräunlich seinen Vater Rudolf sofort erkannt. Doch wer das Foto verloren haben könnte, bleibt im Dunkeln und lässt Raum für Spekulationen.

„Ich bin unheimlich aufgewühlt“, sagt Bräunlich. Bei der Lektüre des Mangfall-Boten am Frühstückstisch entdeckt er das Bild seines Vaters. Dasselbe Motiv befindet sich im Album, das das „Grab meiner Jugend“ – wie der Vater notiert hat – zeigt. Schon im Herbst 1940 wurde der damals 19-Jährige zur Wehrmacht einberufen.

Rudolf Bräunlich im Alter von 21 Jahren. Im Jahr 2001 ist er mit 79 Jahren verstorben. Gerlach/RE

Foto zeigt 21-jährigen Rudolf Bräunlich

Auf dem Foto ist er in der Uniform eines Flak-Soldaten im norwegischen Stavanger zu sehen. Hier war er stationiert, bis er 1944 an die Ostfront nach Ostpreußen verlegt wurde.

Dieter Bräunlich ist seit Jahren auf Spurensuche, um seine Wurzeln zu finden. Zwar wurde er 1953 in Bad Aibling geboren, doch seine Eltern kamen Ende der 40er-Jahre als heimatlose Flüchtlinge aus dem oberschlesischen Buchelsdorf – heute Niemysłowice – hier an.

Der 67-Jährige hat den Weg seines Vaters anhand weniger Aufzeichnungen von ihm und mit Hilfe der Deutschen Dienststelle in Berlin rekapituliert. „1944 wurde er schwer verwundet: Er hatte einen Steckschuss im Kopf und mehrere Granatsplitter im Oberkörper“, erinnert sich Bräunlich an die Narben seines Vaters.

Erzählt habe er wenig aus den Kriegsjahren. „Wie viele Männer seiner Generation war auch er traumatisiert“, weiß der Sohn. Nur wenn er im Kreise der Verwandtschaft zu fortgeschrittener Stunde bei einem Glas Bier saß, habe er über seine Kriegserinnerungen gesprochen. Sehr selten. Und furchtbare Dinge: „Von Kameraden, die im Schützengraben direkt neben ihm ums Leben kamen.“

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Rudi Bräunlich hatte Glück. Er wurde als Verwundeter am 19. April 1945 mit einem der letzten Rettungsschiffe von der Halbinsel Hela evakuiert. Am 9. Mai nahmen russische Truppen dort tausende deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Der inzwischen 23-Jährige Rudi gelangte über Kopenhagen und einen Lazarettaufenthalt in Tondern nach Hamburg.

Am 26. Mai bekam er bei Bürgermeister Schuldt in der Gemeinde Eggstedt in Schleswig-Holstein eine Anstellung als Verwaltungsmitarbeiter, ehe er 1947 über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes endlich seine Familie wiederfand. Sie waren aus der oberschlesischen Heimat geflohen, hatten sich in den Kriegswirren aus den Augen verloren.

„Sein Bruder Georg war damals schon in einem Flüchtlingslager in Bad Aibling“, weiß Dieter Bräunlich aus den Erzählungen seines Vaters. Und so kamen auch die Eltern und die Schwester Johanna nach Bayern.

Das Elternhaus in Buchelsdorf in Oberschlesien gibt es heute nicht mehr. Dieter Bräunlich hat es nur als Ruine kennengelernt.

Hochzeit im Flüchtlingslager „Johannisbad“

Über den DRK-Suchdienst fand Rudi auch seine Jugendliebe Hedwig wieder. Sie stammte aus dem oberschlesischen Nachbardorf Deutsch Rasselwitz – heute Racławice Slaskie. 1949 heirateten die Beiden im Flüchtlingslager – dem heutigen Hotel „Johannisbad“.

Viele Jahre sind seitdem vergangen: „1987 hat mir mein Vater noch seine alte Heimat gezeigt, Haus und Tischlerwerkstatt der Familie waren zu einer Ruine verfallen. Heute sind dort nur noch Wiesen.“

Rudi Bräunlich war in Bad Aibling gut bekannt. Der gelernte Schreiner arbeitete als Gebietsleiter der Maizena-Gruppe für Bayern-Süd, war viele Jahre in der Kolpingfamilie und Vorsitzender der Schlesierfamilie.

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Im Jahr 2001 – kurz vor seinem 80. Geburtstag – starb er. Seine Frau folgte ihm acht Jahre später. Im Frühjahr ist auch seine Schwester Johanna im Bad Aiblinger Pensionistenheim Höllmüller verstorben. Sie war die Letzte aus der Generation der Bräunlichs, die aus Oberschlesien flüchteten.

„Um so rätselhafter ist mir, wer jetzt das Foto meines Vaters verloren haben könnte“, sagt Dieter Bräunlich. Die Aufnahme ist fast 80 Jahre alt. Könnte er das Bild damals einem Freund oder einer Freundin geschickt haben? „Die wären heute auch schon fast 100 Jahre alt“, wägt Bräunlich ab.

Vielleicht gab es in der Jugend des Vaters ja auch eine andere Freundin? In den vier Jahren in Norwegen vielleicht oder in der alten Heimat? „Möglich wäre das schon, er war von 1940 bis 1943 jedes Jahr auf Heimaturlaub in Buchelsdorf. Und bevor er erfahren hat, dass auch Mutter den Krieg überlebt hat, war er wohl in einer Beziehung mit der Tochter des Bürgermeisters von Eggstedt, wie er selbst erzählte“, grübelt der Sohn.

Noch lässt sich das Rätsel um das Bild des Soldaten Rudi Bräunlich nicht lösen. Doch vielleicht meldet sich der Besitzer des Fotos ja doch noch. Es bleibt spannend.

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