Aus für soziale Infrastruktur: Gemeinde Tuntenhausen lehnt Brenner-Nordzulauf ab

Vom Brenner-Nordzulauf wäre die Gemeinde Tuntenhausen massiv betroffen. Der Neubau der vierspurigen Hochgeschwindkeitsstrecke mit Verknüpfungsstelle in Ostermünchen würde die soziale Infrastruktur zerstören.
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Vom Brenner-Nordzulauf wäre die Gemeinde Tuntenhausen massiv betroffen. Der Neubau der vierspurigen Hochgeschwindkeitsstrecke mit Verknüpfungsstelle in Ostermünchen würde die soziale Infrastruktur zerstören.

Im Rahmen des Raumordnungsverfahrens für den Brenner-Nordzulauf hat der Gemeinderat Tuntenhausen Position bezogen und sich zu den fünf Grobtrassen geäußert. Diese wurden als „nicht raumverträglich“ bewertet. Die Gemeinde fordert den Stopp der Planungen zur Neubaustrecke.

Tuntenhausen – Es war die gemeindliche Stellungnahme zum Raumordnungsverfahren (ROV), die der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung intensiv diskutierte – verfolgt vom Bürgermeister Bernd Fessler von der Nachbargemeinde Großkarolinenfeld. Beide Gemeinde wären im Landkreis Rosenheim am stärksten vom Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse betroffen.

Nur wenige Bürger verfolgten die Sitzung – ungewöhnlich nach dem großen Interesse an der Infoveranstaltung, die wenige Tage zuvor auf dem Sportplatz Ostermünchen stattgefunden hatte.

ÖPNV ist für die Gemeinde wichtig

Einen Entwurf für die gemeindliche Stellungnahme hatte die Verwaltung vorbereitet und den Gemeinderäten mit der Einladung zur Sitzung zugesandt. Dazu lag auch eine E-Mail von Dr. Anna Fernández Diarte (UW Ostermünchen) vor, die aufgrund des starken Wachstums der Gemeinde einen konstruktiven Dialog vorschlug, da Ostermünchen sehr stark vom Personennahverkehr abhängig sei.

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Bürgermeister Georg Weigl (CSU/FWG) ging auf die von der Gemeinde schon 2018 und 2019 gegenüber der Bahn und dem Verkehrsministerium abgegebenen Stellungnahmen ein. Damals plädierte Tuntenhausen unter anderem für die Planung einer unterirdischen Neubaustrecke, forderte den Erhalt des Bahnhofs, die Verbesserung des aktuellen Standards des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und das Vorantreiben der Planungen für den Streckenausbau bis nach Grafing. Zudem lehnte die Gemeinde schon damals eine Verknüpfungsstelle in Ostermünchen kategorisch ab.

Diese Punkte finden sich auch in der aktuellen Stellungnahme zum ROV wieder – detaillierter und unter Hinweis auf die erheblichen Auswirkungen für Ostermünchen und Umgebung. „Wir sind von allen fünf Trassenvarianten betroffen“, betonte Weigl und bekräftige noch einmal, dass die geplanten Trassen in erheblichen Umfang zusammenhängende landwirtschaftliche Flächen zerschneiden. „Diese Äcker und Wiesen werden ausschließlich durch die Eigentümer selbst landwirtschaftlich genutzt“, so der Bürgermeister.

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Zudem seien in den betroffenen Bereichen in der Vergangenheit umfangreiche Drainagemaßnahmen durchgeführt worden, die durch die Baumaßnahme zerstört würden. Folge: Die Vorfluter würden ihre Funktionalität verlieren – der Hochwasserschutz für Ostermünchen wäre dadurch gefährdet.

Ernsthafte Gefahr für die Wasserversorgung

Nach Weigls Ausführungen hätte der Bau der Brenner-Nordzulaufs auch enorme Auswirkungen auf die Wasserversorgung des Ortes Ostermünchen. Das dortige Wasserschutzgebiet reicht bis 150 Meter an die derzeitige Bahntrasse heran. „Ein Neubau von weiteren Trassen dürfte die Schutzzone angreifen und unsere Wasserversorgung gefährden.“

Breiten Raum in der Diskussion nahm auch die geplante Verknüpfungsstelle in Ostermünchen ein. Das Szenario: Die bekanntermaßen mit einem hohen Brückenbauwerken versehene Verknüpfungsstelle würde das Gemeindegebiet und die Bevölkerung so stark trennen, wie es die Bestandsstrecke in den vergangenen Jahrzehnten nicht annähernd vermochte.

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Auf das Kulturdenkmal „Basilika Tuntenhausen“ gebe es von Norden her keine freie Sicht mehr. „Die Verknüpfungsstelle würde die Landschaft beherrschen, die Aussicht auf die Kirche und die gesamte Alpenkette zerstören“, machte Weigl deutlich.

Zudem fielen der Trasse die Sportanlagen zwischen Berg und Stetten zum Opfer. Ortsnahe Ersatzflächen gebe es wegen der ohnenhin knappen landwirtschaftlichen Flächen nicht. Und so ginge ein großer Teil der sozialen Infrastruktur im östlichen Gemeindegebiet verloren. „Das wäre das Todesurteil für den Sportverein Ostermünchen“, warnte Weigl.

Die Gemeinde Tuntenhausen zweifelt an der Sinnhaftigkeit der geplanten Verknüpfungsstellen südlich und nördlich von Rosenheim. „Dann muss von Grafing bis Kufstein eben auf der alten Strecke gefahren werden“ , meinte Weigl.

Ostermünchener Bahnhof muss bleiben

Ein weiterer Knackpunkt: Der fußläufig erreichbare Bahnhof. Die Forderung der Gemeinde: Er darf im Zuge der Planungen nicht verlegt werden, denn der ÖPNV in seiner derzeitigen Form muss erhalten und ausgebaut werden.

Als nicht zumutbar sieht die Gemeinde Tuntenhausen auch die Belastung mit Lärm, CO2-Emmissionen und Baustellenverkehr während der jahrelangen Bauzeit. „Vergeben wir uns mit dieser Stellungnahme etwas? Können wir im weiteren Verfahren noch unseren Einfluss geltend machen?“, fragte Johannes Lechner (CSU/FWG). Weigl erklärte dazu: „Nach dem Raumordnungsverfahren fällt die Entscheidung für die endgültige Trasse. Mit dieser werden wir uns dann intensiv beschäftigen. Danach folgt das Planfeststellungsverfahren, in dem es um persönliche Betroffenheiten geht. Auch dort werden wir wieder zu Wort kommen.“

So stand der Abstimmung nichts mehr im Wege: Mit 19:1 Stimmen wurde die gemeindliche Stellungnahme zum Raumordnungsverfahren für den Brenner-Nordzulauf vom Gemeinderat befürwortet.

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