So schmeckt der Westen

Dieses Foto ist 30 Jahre alt: Brigitte Paul (rechts) mit ihrer Mutter Irene Harbarth und dem gemeinsamen Auto, dem Skoda S100, der die Familie rund 20 Jahre quer durch Ost und West begleitet hat. re
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Dieses Foto ist 30 Jahre alt: Brigitte Paul (rechts) mit ihrer Mutter Irene Harbarth und dem gemeinsamen Auto, dem Skoda S100, der die Familie rund 20 Jahre quer durch Ost und West begleitet hat. re

Feldkirchen-Westerham/Bruckmühl. – An ihr erstes Eis im Westen kann sich Brigitte Paul (45) noch genau erinnern: „Es war ein Mövenpick-Eis mit köstlichen Stückchen darin in einer eigens dafür gebackenen warmen Waffel“, erinnert sich Paul heute.

Gegessen hat sie es 1990 in Hamburg, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter Irene Harbarth eine Freundin in der Hansestadt besuchte. Von Dresden, ihrem Heimatort, hatte sich das Mutter-Tochter-Gespann dorthin aufgemacht. An ihrer Seite der alte weiße Skoda S100, „der uns überallhin brachte“. Jetzt jährt sich der Tag der Deutschen Einheit zum 30. Mal. Was verbindet Paul, die heute in Bruckmühl lebt und Leiterin der Bücherei Feldkirchen-Wes terham ist, mit diesem Tag? „Für mich ist es nur ein Datum.“

Als viel „einschneidender und aufregender“ hat Paul die Zeit vorher in Erinnerung. Auch sie hat als Jugendliche an den Montagsdemonstrationen in Dresden teilgenommen. Wochen später weckte Mutter Irene Harbarth ihre Kinder ganz früh morgens und sagte: „Die Mauer ist gefallen.“ Dieses Ereignis hat sich in Pauls Gedächtnis gebrannt. Aufgewachsen ist sie in Dresden. Und egal, wo es eine Warteschlange gab, stellte sie sich an. „Obwohl man nicht wusste, was verkauft wurde“, sagt sie heute und lacht. Einmal wartete sie und als sie endlich an der Reihe war, bekam sie eine Tüte Stachelbeeren. „Das war schon was Besonderes.“ Denn einen Garten hatte die Familie nicht. „Ich bin ein richtiges Plattenbau-Kind.“

Kontakt zum Westen hatte die Familie aber. Denn der Bruder der Mutter lebte in Köln. Und wenn die Mutter gen Westen reisen durfte, mussten die Kinder als Pfand im Osten bleiben. Kam sie zurück, brachte sie Geschenke mit. „Der Westen war für uns das Paradies.“

Und als die Mauer endlich gefallen war, reiste sie mit ihrer Mutter eine Woche später im alten Skoda nach Berlin. „Dort bin ich als erstes zu New Yorker gegangen und habe mir ein T-Shirt gekauft.“ Die erste selbst ausgesuchte Klamotte im Westen – das vergisst sie nie.

Und auch ihre Heimat vergisst sie nicht. Studiert hat sie in Leipzig, gearbeitet in Weimar und München und nun eben in Feldkirchen-Westerham. Paul ist glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es heute ist. „Wer weiß, ob ich ohne die Wende Abitur hätte machen können und darauf das Studium. Das durfte ja nicht jeder.“

2001 kam sie nach München – seit fast 20 Jahren lebt sie in Bayern. Sie ist längst angekommen. Einmal im Jahr fährt sie in die Heimat. Weihnachten dekoriert sie das Haus à la Erzgebirge – mit Schwibbogen, Räuchermännchen und Co. Vielleicht gibt es am Heiligabend auch das Mövenpick-Eis – so schmeckt eben der Westen. ines weinzierl

Brigitte Paul lebt in Bruckmühl und leitet heute die Bücherei in Feldkirchen-Westerham.

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