Regionale „Slow Food“-Fans kritisieren Verbraucher: Hype in den Medien, aber nicht an der Kasse

Besuche bei lokalen Produzenten – hier zum Thema Butter und Brot – gehören zu den Aktivitäten der regionalen Gruppen der Slow-Food-Bewegung.
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Besuche bei lokalen Produzenten – hier zum Thema Butter und Brot – gehören zu den Aktivitäten der regionalen Gruppen der Slow-Food-Bewegung.
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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Fast food in aller Munde? Nicht in aller: Weltweit und auch in unserer Region setzen Menschen einen gegenläufigen Trend. Was sich hinter der Bewegung „Slow Food“ verbirgt, erklärt Manfred Mödinger vom Leitungsteam der Regionalgruppe Chiemgau-Rosenheim Land.

Rosenheim – Die abgepackte Currywurst mit Sauce, Instantnudelsuppe, Fertigpizza und den 1,5 Liter-Tetrapack-Eistee wird man bei ihnen eher nicht im Einkaufswagen oder in der Küche finden, und auch Burger-Restaurant-Ketten zählen nicht zu ihren bevorzugten Anlaufstellen. Denn als Gegenpol zu den immer mehr werdenden Fast-Food-Angeboten haben sich bislang rund 120 Menschen aus der Region zusammengefunden, um einen gegenteiligen Trend zu setzen: „Slow Food“ nennt sich die weltweite Bewegung, zu der als lokale Gruppe seit 2005 auch das „Convivium Chiemgau-Rosenheimer Land“ gehört.

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Die „Slow Food“-Kernbotschaft lautet: „Wir setzen uns für gute, saubere und faire Lebensmittel ein, für eine Kultur des Essens, die auf Wertschätzung, Verantwortung und Genuss basiert.“ Was natürlich ein weites Feld ist, zumal der Bildungsansatz der Vereinigung auf der Ansicht basiert, dass Ernährung untrennbar mit Genuss, Kultur und Geselligkeit verbunden ist. Das hiesige Convivium lebt all das mit gemeinsamen Abenden, Infoveranstaltungen, Bildungsfahrten und einigem mehr.

Wie sprachen mit Manfred Mödinger vom Leitungsteam des Conviviums.

Herr Mödinger, lassen Sie uns einen Blick in die Regionalgruppe werfen.

Manfred Mödinger: „Wir sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die die Liebe zu guten Lebensmitteln und der Wunsch, dafür etwas zu tun, vereint. Bei uns macht der Lehrer und Textilunternehmer genauso mit wie die Hausfrau, der Tontechniker oder der Agraringenieur. Ich selbst bin Brauingenieur, engagiere mich seit 35 Jahren in der Biobranche und seit Langem in dem Convivium, das die Landkreise Rosenheim, Traunstein, Berchtesgadener Land, Mühldorf und Altötting umfasst.

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Wie sehen die Aktivitäten im Convivium aus?

Mödinger: Aufgrund der Größe des Gebiets ist es schwierig, einen fixen Stammtisch an einem Ort einzurichten. Wir haben uns deshalb auf Besuche von Produzenten fokussiert. So organisieren wir Veranstaltungen bei regionalen Produzenten, die vorbildlich heimische Lebensmittel, nach Möglichkeit in Demeter oder Bio-Qualität, erzeugen und dabei nachhaltig wirtschaften. Neben einer Betriebsführung geben Gespräche mit den Bauern oder Lebensmittel-Handwerkern ausführliche Hintergrundinfos. Wenn möglich, erfolgt danach eine Verkostung des Produktes.

Was sind Ihre Beweggründe?

Mödinger:Es ist uns eine Herzensangelegenheit, Potenzial von heimischen Produzenten aufzuzeigen, Kenntnisse über gute, nachhaltige und regionale Lebensmittel zu fördern. Die Zusammenhänge von Verbrauchern, Umwelt und Landwirtschaft darzustellen und herauszufinden, was jeder Einzelne im nachhaltigen Sinne beitragen kann, dazu möchten wir animieren. Und nicht zuletzt sind unsere Treffen immer willkommene Genusstermine mit interessanten Gesprächen und Austausch von Tipps.

Vom Keimbrot bis zum Laufener Landweizen

Welche Art von Betrieben besuchen Sie, wenn Sie gemeinsam unterwegs sind?

Mödinger: Die Keimbrot-Bäckerei „Bettina’s Keimbrot“ in Palling stand im März auf dem Programm, wir waren aber auch auf der Fraueninsel und haben uns vom Fischer Lex die Bewirtschaftung des Chiemsees erklären lassen. Es gab eine Kräuterwanderung in der Schlechinger Gegend und bei Franz Obermeier in Tengling konnten wir die Besonderheiten von Demeter-Getreide kennenlernen. Bei Salus in Bruckmühl haben wir alles über den Kräuteranbau erfahren. Interessant war auch das „Laufener-Landweizen Get-together“ in der Wieninger Brauerei in Teisendorf.

Was ist der Laufener Landweizen?

Mödinger: Das ist der „Passagier“ unserer regionalen Gruppe auf der „Arche des Geschmacks“, ein Projekt der Slow Food Stiftung für Biodiversität, das weltweit regional bedeutsame Lebensmittel, Nutztierarten, Kulturpflanzen sowie traditionelle Zubereitungsarten vor dem Vergessen und Verschwinden schützt.

„Viele sind völlig ahnungslos“

Stellen Sie – gerade jetzt im Zuge von Corona – einen Trend zu mehr Regionalität und Qualität beim Verbraucher fest? Oder wird viel geredet, aber dann doch zu anderer Ware gegriffen, wenn es an den Geldbeutel geht?

Mödinger: Bei der großen Mehrheit brauchen wir uns nichts vormachen. Ich würde sagen, dass vielleicht ein Drittel ernsthaft an guter Qualität interessiert - und davon ein begrenzter Teil auch bereit, mehr zu bezahlen. Der Hype findet vor allem in den Medien statt, nicht an der Kasse. Corona hat schon einen Schub gegeben, aber nicht so weltbewegend. Wir stellen fest, dass die meisten völlig ahnungslos sind, was die regionalen Hersteller und die Landwirtschaft angeht.

Was erscheint jetzt gerade vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie an eine richtig gute Slow Food-Mahlzeit heute Abend denken?

Mödinger: Eine gescheite Halbe, eine Brotzeit mit Maurerweckerl und fränkischem Rot- und Weißgelegten – ich bin gerade aus Franken zurückgekommen – daheim auf der Terrasse. Herrlich.

Mit dem Genussführer quer durch Deutschland

Der Slow Food Genussführer mit den besten Restaurants und Gasthäusern in Deutschland – nach den Slow Food Prinzipien – liegt Manfred Mödinger besonders am Herzen. Aktuell ist das Convivium Chiemgau-Rosenheim Land mit neun Lokalen vertreten. Darunter auch Auers Schlosswirtschaft aus Neubeuern.„Slow Food entspricht genau meiner Ideologie vom Kochen – saisonal, frisch, dem sich Besinnen auf Regionalität, dem Herausnehmen von Geschwindigkeit, mit Leuten am Tisch zu sitzen, für die man kocht“, sagt Chefin Astrid Hilse. Durch die Mitgliedschaft in dem Verbund bekomme man letztlich auch die Gäste, die man haben möchte. „Denn sie wissen, was sie erwartet.“

Auch Bad Aiblings „Lindners“ ist künftig mit dabei

In der neuen Ausgabe des Genussführers werden laut Mödinger voraussichtlich auch Lokale aus Teisendorf, Samerberg, Bernau, Bad Feilnbach und Stephanskirchen neu aufgenommen. Aus Bad Aibling mit dabei: Das „Lindners“. „Wir haben uns seit Langem die Themen Nachhaltigkeit und Bio auf die Fahnen geschrieben und legen großen Wert auf Qualität und Regionalität. Die Philosophie von Slow Food passt sehr gut zu der unseres Hauses“, betont Gastronomieleiter Sebastian Neumeyer.

So werden die Restaurants ausgewählt

Erarbeitet wird der Genussführer von einer Testgruppe – bestehend aus Conviviumsmitgliedern – die Restaurants und Gasthäuser zur Aufnahme in den Slow Food Genussführer aussucht und testet. Dabei bezahlt jeder selbst. Die Tests werden anonym durchgeführt, mehrmals wiederholt und intern bewertet, bevor eine Aufnahme des Restaurants erfolgt. Die Kriterien sind deutschlandweit von der Genussführer-Kommission festgelegt. Zu dem gedruckten Führer soll nun auch noch eine Genussführer-App hinzukommen.

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