Der Klang der Berge

Der 92-jährige Sepp Holzmeier ist der Vater der Tuntenhausener Alphörner und ihrer Bläser

Die Tuntenhausener Alphornbläser Dr. Michael Stacheter sowie Anton, Hans und Bernhard Holzmeier (von links).
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Die Tuntenhausener Alphornbläser Dr. Michael Stacheter sowie Anton, Hans und Bernhard Holzmeier (von links).
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Wenn der Klang der Berge über dem Dorf liegt, dann wissen die Tuntenhausener: Die Holzmeiers spielen auf ihren Alphörnern. Nicht auf einer entlegenen Alm. Und auch nicht, um die Kühe von der Weide zum Melken in den Stall zu rufen. Nein. Sie stehen in ihrer Garage und proben.

Tuntenhausen – Die Holzmeiers gehören zu den nördlichsten Alphornspielern. 32 Jahre, nachdem sie das erste Lied auf ihren selbst gebauten Instrumenten spielten, haben sie wieder mit dem Musizieren begonnen.

Mit 20 Jahren ins Instrument verliebt

Der Senior der Familie – Vater Josef Holzmeier – war es, der sich schon in jungen Jahren in die unverwechselbare Melodie der Alpen verliebte. Damals war er gerade 20 Jahre alt, mit seiner Posaune und der Dreder Musi unterwegs.

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Noch 72 Jahre später erinnert er sich an den Moment, als er die Bayrischzeller Alphornbläser zum ersten Mal erlebte und in ihm der Wunsch erwachte, dieses Instrument eines Tages selbst spielen zu können. Erst viele Jahre später – der Landwirt hatte seinen Hof gerade an den ältesten Sohn Sepp übergeben – fand er endlich die Zeit, sich diesen Traum zu verwirklichen.

Instrumentenbau allein erlernt

Ganz ohne eine Vorlage, nur mit der Logik und dem handwerklichen Geschick eines gelernten Schreiners, ging er ans Werk. Werden Alphörner traditionell aus Fichten gefertigt, die am Hang gewachsen sind und dadurch die typische, unten gebogene Form haben, suchte sich Sepp Holzmeier zwei lange Kanthölzer aus. Er höhlte sie aus, bis die Wände nur noch wenige Millimeter dick waren, klebte die beiden Teile zusammen und schliff die Außenkontur zu einem konischen Rohr. Genauso wurde der Trichter angefertigt und ans Rohr angebracht. Wie viele Stunden er an seinem ersten Alphorn gearbeitet hat?

Aufwendige Handarbeit: Sepp Holzmeier hat vor etwa 35 Jahren damit begonnen, selbst Alphörner zu bauen. Dafür mussten zuerst zwei Kanthölzer ausgehöhlt und geschliffen werden.

Josef Holzmeier grübelt. Doch auch seine Söhne Hans (60), Anton (57) und Bernhard (49), die damals Pate standen und von denen „jeder etwas zu tun kriegte“, erinnern sich nicht mehr genau, wie lange der Vater gehobelt und geschliffen hat. Nur eines wissen sie noch: „Es hat ewig gedauert, war sehr aufwendig und zeitintensiv, denn ein Alphorn ist reine Handarbeit.“ Nach seinem Prototyp hat Sepp Holzmeier noch viele weitere Alphörner gebaut, seine Technik verfeinert, viele Instrumente verworfen, immer wieder getüftelt und ausprobiert, um die richtige Tonlage der Instrumente zu treffen.

Leidenschaft auf Kinder vererbt

Schließlich entstanden drei Sätze mit vier Stimmen – also zwölf Alphörner – zum Musizieren. „Wir haben alle mal reingeblasen, und schon war die Leidenschaft geweckt“, erinnert sich Bernhard, mit 17 damals der Jüngste der Tuntenhausener Alphornbläser. Zum 60. Geburtstag von Sepp Holzmeier spielten sie ihr erstes Stück. Ganz ohne Noten. Einfach nach Gefühl und dem, was sie im Fernsehen gehört hatten.

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Die richtige Technik brachten sie sich selbst bei: „Es kommt auf die Lippenstellung und den Druck an. Spannt man gut an und öffnet den Mund nur ein wenig, erzeugt man hohen Druck und damit einen hohen Ton“, erklärt Anton, der „Bassist“ des Tuntenhausener Quartetts. „Die Länge des Instruments und die Wanddicke entscheiden über den Klang“, erklärt Dr. Michael Stacheter (67). Er hat vor vielen Jahren die Holzmeier-Tochter Elisabeth geheiratet. Sie spielte ebenfalls das Alphorn, und so gehörte auch er fortan zu den Alphornbläsern. Nicht nur als Musiker, sondern auch als Komponist. Er fügt die Naturtöne zu tragenden Melodien zusammen.

32 eigene Stücke komponiert

Nach dem Geburtstagsgruß für Vater Holzmeier sind viele weitere Lieder hinzugekommen. 32 eigene Stücke haben sie heute. „Um alle mal wieder durchzuspielen, bräuchten wir drei Proben“, wird ihnen selbst klar, wie groß ihr privates Repertoire ist.

Die Länge der Alphörner bestimmt den Ton. „Unsere sind 4,20 Meter lang und damit in S-Dur. Diese Tonlage gefällt uns am besten“, so Bernhard Holzmeier.

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Als die „Tuntenhausener Alphornbläser“ waren die Holzmeiers viel unterwegs. „In Reit im Winkl, auf der Tiefenbachalm, am Tegernsee, auf Gut Kaltenbrunn, am Tatzelwurm, auf Firmenjubiläen, Feldgottesdiensten und Geburtstagsfeiern“, erinnert sich der 92-jährige Instrumentenbauer. Sie spielten auf Weihnachtsmärkten oder beim Neujahrsanblasen. Doch mit 80 Jahren musste Sepp das Musizieren aufgeben. Die Luft war ihm knapp geworden.

Überraschungskonzert zum 90. Geburtstag

Ohne den Vater fehlte auch den Söhnen der Antrieb zum Musizieren. Doch seit zwei Jahren proben sie wieder. Erst heimlich in Feldkirchen-Westerham für ein Überraschungsständchen zum 90. Geburtstag ihres Vaters. Dann wieder regelmäßig in der Garage in Tuntenhausen. Heute spielen sie nur noch auf Familienfeiern.

Manchmal auch auf der Wiese am Wald, „denn das „Anspielen des Waldes ergibt ein schönes Echo“. Und auch wenn die vier Alphornbläser in ihren Berufen als Maschinenschlosser, Systemplaner und Allgemeinmediziner arbeiten oder Solarmodule für Satelliten entwickeln – in ihrer Freizeit widmen sie sich den Wurzeln ihrer Heimat, der ursprünglichsten alpenländischen Musik.

Geprobt wird in der Garage

Wenn sie proben, steht ihr Vater Sepp Holzmeier mit in der Garage und genießt den vollen, weichen Klang der Berge. Danach gibt es in der warmen Stube ein Stamperl – serviert auf dem selbst gemachten hölzernen Schnapsbrettl. Und wenn er dann mit seinen Jungs beisammensitzt, dann sagt der 92-Jährige stolz: „Ich hab sie alle selbst gemacht, die Alphörner und die Alphornspieler.“

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