„Sei still, die Amerikaner kommen“ – Wie ein Vagener den Einmarsch der Alliierten erlebte

Der Vagener Karl Wünsch erinnert sich mit 85 Jahren noch genau an seine erste Begegnung mit amerikanischen Soldaten.

Vor 75 Jahren – am 8. Mai 1945 – endete der Zweite Weltkrieg. Der Vagener Karl Wünsch (85) erinnert sich noch gut an diese Zeit, denn er war dabei, als amerikanische Panzer in Beyharting einrollten.

Von Jeannette Wolf

Vagen/Beyharting – „Ich war ein Schulbub von zehn Jahren und lebte damals in Beyharting bei einer Pflegefamilie. Den Zusammenbruch des Dritten Reiches und seiner Armee habe ich schon bewusst erlebt. Besonders als ich die zurückflutenden Kolonnen deutscher Soldaten auf der an unserem Haus vorbeiführenden Straße beobachtete“, berichtet Karl Wünsch.

Erinnerungen an Bombenangriffe

Obgleich die Menschen das nahende Kriegsende spürten, wagte keiner, es laut auszusprechen. „Von den Eltern und auch den älteren Bewohnern unseres Ortes hörten wir Kinder oft hinter vorgehaltener Hand, dass es nun bald vorbei sei. Es war aber nicht ratsam, es laut von sich zu geben, denn man hörte immer wieder von Hinrichtungen sogenannter Feiglinge oder Verräter, hauptsächlich durch die SS“, erinnert sich Karl Wünsch.

Ein grausiges Feuerwerk

Auch wenn viele Lebenseindrücke über die Jahre verblassen, sind Karl Wünsch die nächtlichen Bombenangriffe auf München in Erinnerung geblieben. „Von dem Ort, in dem ich meine Kindheit und Schulzeit verbrachte, konnte man nachts bei klarer Sicht – es waren etwa 30 Kilometer Luftlinie – das grausige Feuerwerk beobachten“, erzählt Wünsch.

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„Ich weiß noch genau, wie es aussah, wenn die Pfadfinder der Bomberstaffel ihre Christbäume setzten, um den nachfolgenden Bomberwellen den Weg zum Abwurfziel zu weisen. Oder wenn die Flugabwehr einen feindlichen Flieger vom Himmel holte und dieser dann mit einem hellen Feuerschein abstürzte.“

Ein Kind begreift Ausmaß der Zerstörung noch nicht

Ihm wurde schon damals klar, dass viele unschuldige Menschen nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihr Leben verloren. „Aber als Zehnjähriger konnte ich noch nicht das ganze Ausmaß der Zerstörung und der menschlichen Tragödien in den Bombennächten begreifen“, sagt Karl Wünsch und hält aufgewühlt inne.

Kinder verstecken sich vor Tieffliegern

Gerade in den letzten Kriegswochen war es nicht ungefährlich, sich sorglos im Freien aufzuhalten, da die gellenden Sirenen oft erst kurz vor einem Fliegeralarm warnten. „Da waren dann urplötzlich Tiefflieger über uns, die wie Raubvögel auf ihre Beute herabstießen und auf alles schossen, was sich am Erdboden bewegte“, schildert der 85-Jährige seine Erinnerungen. „Der nahe Fliegerhorst in Mietraching war oft Ziel von solchen Angriffen, die wir bei Tag aus einem sicheren Versteck beobachteten.“

An Schule war nicht mehr zu denken

Da in dieser Zeit an einen regelmäßigen Schulunterricht nicht mehr zu denken war, beobachteten die Kinder tagsüber die unzähligen Bombergeschwader, die „von Süden her ins Reich einflogen“, wie Wünsch es in der Sprache seiner Kinderheit erzählt. „Die großen Flugzeuge glänzten silbern im Sonnenlicht und zogen am Himmel mächtige Kondensstreifen hinter sich her“, berichtet der Zeitzeuge.

Ein einprägsames Erlebnis

Ein besonders einprägsames Erlebnis war für Karl Wünsch der Einmarsch der Amerikaner in seinen damaligen Wohnort Beyharting. „Es muss um den 2. Mai herum gewesen sein“, versucht er, sich an das genaue Datum zu erinnern. Der Zehnjährige wurde zu Besorgungen ins nahegelegene Dorf geschickt. „Es war ein kühler Tag. Ich lief barfuß und bekam kalte Füße. Mir war nicht wohl bei der Sache, aber wir Kinder waren es gewohnt zu gehorchen, also ging ich los.“

Ein Lehrer warnt den Jungen

Als Karl das erste Haus am Ortseingang erreicht hatte, begegnete ihm sein Lehrer. „Wie ich erzogen worden war, begrüßte ich ihn mit einem lauten Hitlergruß. Ich war wie vom Blitz getroffen, als der alte Mann – ein Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg – mir zuflüsterte: Bub, sei bloß still, die Amerikaner sind gleich da“, erzählt Wünsch.

Panzer rollen ins Dorf

Und tatsächlich konnte er das Rasseln der Kettenfahrzeuge schon von Weitem hören. Seine Neugier war stärker als die Angst, und so lief er weiter. Und als wäre es erst gestern gewesen, beschreibt er beeindruckt: „Da bog urplötzlich ein stählernes Ungetüm von einem Panzer mit einem großen weißen Stern in die Straße ein, flankiert von amerikanischen Soldaten. Dazwischen ein Jeep mit schwerem Maschinengewehr bestückt, an dem ein grimmig dreinschauender dunkelhäutiger Soldat stand.“

Kinder sehen zum ersten Mal einen Afroamerikaner

Plötzlich stoppte die Kolonne. Der Afroamerikaner sprang vom Fahrzeug und ging auf die Kinder zu, die in einer kleinen Gruppe am Straßenrand standen. „Wir waren alle wie erstarrt“, berichtet Wünsch, „denn es war das erste Mal, dass wir einen echten schwarzen Mann sahen. Und der war obendrein noch riesengroß und schwer bewaffnet.“

Deutsche Soldaten ergeben sich

Noch mussten die Amerikaner mit Gefechten rechnen. Und so fragte der GI die Kinder, wo deutsche Soldaten seien. „Zu unserer Erleichterung kamen genau in diesem Moment die Wehrmachtssoldaten, die sich noch im Ort aufhielten, unbewaffnet anmarschiert, um sich den Amerikanern zu ergeben“, schildert Karl Wünsch das Ende des Zweiten Weltkrieges in Beyharting.

Der erste Kaugummi war ein Geschenk

Eingeprägt hat sich dem damals zehnjährigen Bub auch eines: „Die amerikanischen Soldaten waren recht kinderlieb. Und so bekamen wir von ihnen ab und zu Schokolade zugesteckt oder auch mal einen Kaugummi, den wir bis dahin noch gar nicht kannten.“

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