Schwer verletzt im Leiterwagerl zur OP

Bad Aibling/Bruckmühl. – „Es war ein schöner, sonniger Nachmittag“; erinnert sich Ludwig Weber an jenen 4.

Mai 1945. „Mit meinem Schulspezi Schorschl waren wir auf unserer Dorfstraße in Noderwiechs, gleich neben meinem Elternhaus. Auf der Sandstraße funkelte ein kleiner metallischer Gegenstand, ähnlich wie ein Kugelschreiber. Als ElfJähriger ist man natürlich neugierig und schaut dann gerne auch was Neues mit den Händen an“, sagt er.

Den „Kugelschreiber“ hob er auf, nahm ihn in die Hände – und dann ein fürchterlicher Knall. Das „Ding“ ist explodiert. „Von meiner rechten Hand fehlten sofort der Daumen der Zeigefinger und der Ringfinger. Auch ein Teil von der Handfläche ging verloren. An der linken Hand waren die Endglieder vom Mittelfinger, Ringfinger und Zeigefinger weg, beziehungsweise verstümmelt. Splitter und ernste Verletzungen auch am Bauchraum.“

Am 4. Mai 1945 herrschte überall Chaos, so Weber. Kein Telefon, kein Arzt, kein Fahrzeug. Also ging’s schwer verletzt zu Fuß von Noderwiechs nach Bruckmühl zum Krankenhaus. Dann an der Hauptstraße (jetzt Staatsstraße 2079) eine Kolonne Amerikaner, schwere Lkw mit Geschützen auf der Ladebrücke, schwer bewaffnete Soldaten. „Zwei steigen aus und lassen uns ins Führerhaus, meine Schwester Lisl, zwölf Jahre alt und eine Nachbarsfrau, und dann Transport zum Krankenhaus Bruckmühl/Kirchdorf. Aber kein Arzt da.“

Nicht einmal eine Notversorgung war möglich, schildert Weber. Also weiter zum praktischen Arzt nach Bruckmühl. Doch auch der ist nicht da. Am Bahnhof Bruckmühl war noch ein Rest-Sani-Waggon von den Deutschen. Hier bekam das schwer verletzte Kind einen Notverband um den Bauch und um beide Hände. „Und dann so schnell wie möglich zur Operation ins Krankenhaus. Aber ohne Krankenwagen, ohne Taxe. Ja – mit einem Handwagerl ging es nach Aibling.“

Vom Bahnhof Bruckmühl also erst mal wieder bis zur Hauptstraße per Leiterwagerl und dann wieder die Rettung durch kontrollierende Amerikaner. „Die brachten mich nach Aibling, nein, nicht ins Krankenhaus, sondern ins Hotel Ludwigsbad.“ Dort, so erinnert sich Ludwig Weber, war noch eine Sanitätsabteilung von der Deutschen Wehrmacht.

„Ab hier war mir dann schon alles wurscht; durch den enormen Blutverlust hat mein Hirn schon schlapp gemacht.“ Erinnern kann er sich dann wieder an die „schöne“ Äthernarkose mit einer richtigen Klosterschwester im Aiblinger Krankenhaus. „Operiert hat mich Herr Dr. Schubert. Aber ich glaube, ohne Transporthilfe durch die Amerikaner wäre mein Leben zwischen Bruckmühl und Aibling in einem kleinen Leiterwagerl zu Ende gegangen.“

Ludwig Weber, der heute in Bad Aibling lebt, hat nie erfahren, um welchen Sprengkörper es sich damals gehandelt hat. Aber vom Versorgungsamt wurde diese Verletzung als Kriegsfolge anerkannt und auch entsprechend bewertet. „Übrigens: Auch mit meinen Verletzungen an den Händen hatte ich nie ein Empfinden einer Behinderung. Auch die Tastatur vom PC bediene ich noch wie eine Schreibkraft. Nein, nur fast so gut.“

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