In Bruckmühl dürfen nicht mehr alle mit dem Schulbus fahren – ist das zumutbar?

Wer wartet, darf auch einsteigen? Diese guten Zeiten sind in der Marktgemeinde Bruckmühl seit Beginn des neuen Schuljahres vorbei. Jetzt dürfen nur noch Kinder mit Beförderungsschein mit dem Schulbus mitfahren.
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Wer wartet, darf auch einsteigen? Diese guten Zeiten sind in der Marktgemeinde Bruckmühl seit Beginn des neuen Schuljahres vorbei. Jetzt dürfen nur noch Kinder mit Beförderungsschein mit dem Schulbus mitfahren.
  • vonKathrin Gerlach
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Seit Beginn des neuen Schuljahres dürfen viele Kinder nicht mehr mit dem Schulbus mitfahren. Davon betroffen sind allein an der Justus-von-Liebig-Schule Heufeld 70 Grundschüler. Der Elternbeirat wendet sich jetzt mit einem offenen Brief an den Markt Bruckmühl.

Update 7. Oktober, 15.05 Uhr:

Bürgermeister Richard Richter: „Das Gesetz ist nicht mehr zeitgemäß“

Bürgermeister Richard Richter liegt der offene Brief der Heufelder Eltern noch nicht vor. Trotzdem beantwortet er Fragen zum Thema.

Warum wird bei der Schülerbeförderung jetzt genau hingeschaut?

Richard Richter: Zum neuen Schuljahr musste die Schülerbeförderung neu ausgeschrieben und vergeben werden. Dazu brauchten wir eine Bedarfsanalyse. Dabei haben wir festgestellt, dass viel mehr Schüler den Schulbus nutzen als tatsächlich beförderungsberechtigt sind. Auf einer Linie fuhren sogar dreimal so viele Kinder und Jugendliche mit – 120 statt der berechtigten 40 Schüler.

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Könnte es mehr Busse und mehr Haltepunkte geben?

Richard Richter: Grundsätzlich können wir den Busfahrplan und die Haltepunkte flexibel gestalten. In Corona-Zeiten dürfen auch mehr Busse eingesetzt werden, damit sie nicht so voll sind, aber alles eben nur für beförderungsberechtigte Schüler.

Warum dürfen nicht generell alle Schüler mitfahren?

Richard Richter: Die Grundlagen dafür legt das bayerische Gesetz zur Schülerbeförderung, das auch die Grenzen von zwei Kilometern für Grundschüler und drei Kilometern für Kinder ab der fünften Klasse definiert. Meiner Meinung nach ist das Gesetz nicht mehr zeitgemäß und müsste überarbeitet werden. Seine Grundlagen sind aus dem Jahr 1984 und das Gesetz selbst aus dem Jahr 1994. Seitdem hat sich das Verkehrsaufkommen gewaltig verändert. Aber das wäre Aufgabe der Regierung beziehungsweise des Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr. Ich finde, die Grenzen sollten wegfallen oder wenigstens halbiert werden.

Gibt es Ausnahmen für Kinder, die einen gefährlichen Schulweg haben?

Richard Richter: Die macht das Gesetz möglich und die gibt es auch hier bei uns. Die Eltern stellen den Antrag bei der Marktgemeinde. Die Polizei prüft diesen. Wird der Schulweg als gefährlich eingestuft, hat das Kind einen Anspruch auf Schülerbeförderung.

Wäre es denkbar, dass Eltern dafür bezahlen, dass ihre „nicht berechtigten“ Kinder mit dem Schulbus mitfahren dürfen?

Richard Richter: Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, dafür müsste man eine Kalkulation machen. Wie groß ist der Bedarf? Reicht der reguläre Schulbus dafür aus? Oder werden zusätzliche Busse und Fahrer gebraucht?

Könnten Querungshilfen oder Zebrastreifen die Schulwege in Bruckmühl sicherer machen?

Richard Richter: Wo Querungshilfen möglich sind, legen wir diese auch an. Sie bieten baulichen Schutz. Die Straße kann in Etappen überquert, und der Verkehr viel besser beobachtet werden. Die meisten unserer Bemühungen scheitern an Eigentumsverhältnissen – und dabei geht es oft nur um 20 Quadratmeter. Die Straße muss verbreitert werden. Wenn ein Grundstückseigentümer nicht verkaufen möchte, sind uns die Hände gebunden. Gravierendstes Beispiel dafür war in Hinrichssegen in Richtung Waldheim, wo wir unbedingt eine Querungshilfe bauen wollten. Es war uns nicht möglich. Zebrastreifen wiederum setzen ein bestimmtes Aufkommen an Fahrzeugen und Fußgängern voraus.

Gibt es andere Möglichkeiten, die Schulwege sicherer zu machen?

Richard Richter: An neuralgischen Punkten könnten mehr Schülerlotsen eingesetzt werden. Ich würde mich freuen, wenn sich dafür Eltern in den jeweiligen Schulen ihrer Kinder melden würden.

Wie gehen Sie mit den Bedenken der Heufelder Eltern um?

Richard Richter: Ich werde auf jeden Fall das Gespräch mit ihnen suchen und möchte die Schulwege gemeinsam mit ihnen abgehen, damit ich nachvollziehen kann, wo genau Eltern Gefahren für ihre Kinder sehen, und ob sich dort schnelle Lösungen finden lassen.

7. Oktober, 11.38 Uhr:

Plötzlich müssen Schüler draußen bleiben

Bruckmühl – Was ist passiert? Übervolle Schulbusse am Morgen und nach Schulschluss waren vor der Corona-Krise keine Seltenheit in Bruckmühl. Oft mussten sogar zusätzliche Busse eingesetzt werden, um die Schülerströme aufnehmen zu können. Mit der Corona-Krise kam der Schülerverkehr zum Erliegen. Bevor er wieder anrollte, haben die Verantwortlichen geprüft, wer mitfährt und wer mitfahren darf.

Wer darf mit dem Schulbus mitfahren?

Grundsätzlich besteht nach der „Bayerischen Verordnung über die Schülerbeförderung“ eine Beförderungspflicht für Grundschüler, deren Schulweg weiter als zwei Kilometer ist. Ab der fünften Klasse gilt eine Grenze von drei Kilometern. Seit Beginn des neuen Schuljahres wird dieses Gesetz nun auch in Bruckmühl umgesetzt. Damit ist das „Gentlemen’s Agreement“ von einst Geschichte. „Seit geschätzt 40 Jahren hat der Schulbus alle Kinder mitgenommen, die an der Haltestelle warteten“, erklärt Jule Schubert, die Vorsitzende des Elternbeirates der Justus-von-Liebig-Schule. Neuerdings gibt es für die Schüler Busberechtigungsscheine. Wer sie nicht vorweisen kann, darf nicht mehr einsteigen.

Problem für die Eltern

„Für uns ist der Schulbus die altersentsprechende Möglichkeit der Verkehrserziehung“, betont Schubert. Viele Eltern hätten ihre Arbeitszeiten danach ausgerichtet und mit ihren Kindern den kurzen Weg zum Bus geübt. Nun müssten die Kinder eigentlich bis zu zwei Kilometer allein laufen. Für jene, die schon in weiterführende Schulen gehen, mag das kein Problem mehr sein. Für die kleinen im Alter von sechs bis zehn Jahren aber schon. Also sind die Bruckmühler wieder aufs Eltern-Taxi umgestiegen. Das schadet der Umwelt und erhöht den Verkehr vor der Schule.

Doch das Fahrrad ist keine wirkliche Alternative: „Erst nach bestandener Fahrradprüfung in der vierten Klasse dürfen Kinder allein mit dem Fahrrad fahren. Die Eltern müssten sie also noch begleiten“, erklärt Arabella Quiram, Rektorin der Heufelder Schule. Dafür fehlt Berufstätigen die Zeit. Zudem seien die Radwege zur Schule nicht sicher, kritisieren die Elternvertreter. „Die Kinder zu Fuß zu bringen, ist für viele Eltern eine enorme zeitliche Belastung“, weiß Quiram. Selbstständige müssten sich diese Zeit freischaufeln und ihre Arbeit in die Abendstunden verlegen. Wer im Angestelltenverhältnis arbeite, brauche andere Lösungen.

Gefährlicher Schulweg

Gleichzeitig zeigen die Eltern in ihrem Schreiben an den Bruckmühler Bürgermeister Gefahrenquellen auf dem Weg zur Schule auf: fehlende, schlechte oder zugeparkte Gehwege; schwer einsehbare Straßen, unbeschrankte Bahnübergänge; fehlende Querungshilfen, Zebrastreifen und Fußgängerampeln sowie starker Berufs- und Lieferverkehr.

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„Aus unserer Sicht sollte für die Grundschüler wieder ein Transfer ermöglicht werden, da der Schulweg für Kinder dieses Alters besondere Gefahren birgt“, betont die Elternbeiratsvorsitzende und beruft sich auf eine Sonderregelung im Schülerbeförderungsgesetz. Denn: „Eine Beförderungspflicht besteht auch dann, wenn die Zurücklegung des Schulwegs auf andere Weise nach den örtlichen Gegebenheiten und nach allgemeiner Verkehrsauffassung nicht zumutbar ist.“

An pragmatischer Lösung interessiert

Die Eltern wollen nicht „meckern“ – sie sind an schnellen und praktischen Lösungen interessiert. Die Chance, auf den öffentlichen Nahverkehr in Bruckmühl umzusteigen, haben sie nicht. „Wir würden analog zum ÖPNV auch für den Schulbus Tages- oder Monatskarten kaufen“, betont Jule Schubert. Falls das nicht möglich sein sollte, wollen die Eltern in Kooperation mit der Marktgemeinde nach anderen Wegen suchen. Schubert: „Beispielsweise mit übergeordneten Stellen in Kontakt treten, um die Aktualität des Schülerbeförderungsgesetzes von 1994 und des Gesetzes über die Kostenfreiheit des Schulwegs von 1984 zu hinterfragen.“

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