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„Mobilität neu denken“

Rollt bald ein App-gesteuerter Rufbus durch Bad Aibling? 

Per App oder telefonisch kann in Murnau ein Rufbus angefordert werden. Auch ein Thema für Bad Aibling?
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Per App oder telefonisch kann in Murnau ein Rufbus angefordert werden. Auch ein Thema für Bad Aibling?
  • VonNicolas Bettinger
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Anhand eines Modell-Projektes in Garmisch-Partenkirchen beschäftigt sich die Stadt mit einem Rufbussystem. Wie das den ÖPNV auf den Kopf stellen könnte und warum nicht jeder von der Idee begeistert ist.

Bad Aibling – Gut vier Wochen ist es her, als sich Helga Weber zu Wort gemeldet hat. „Gleiches Recht für alle“, forderte die 85-Jährige damals. Sie lebt in der Madau in Bad Aibling und ist unzufrieden mit dem ÖPNV. „Ich sehe hier weit und breit keinen Bus.“ Die Anbindung an eine Buslinie sei in ihrer Gegend, anders als etwa im Zentrum, nicht gegeben. Gerade die eingeschränkte Route des Moor-Express, der neben Patienten und Kurgästen mit Kurkarte auch für Senioren ab 65 Jahren kostenlos ist, schließe zahlreiche Menschen aus den Randgebieten einfach aus, beklagt Weber. Und laut der Seniorin vertreten diese Meinung viele Bad Aiblinger.

Angesprochen darauf zeigten sowohl Bürgermeister Stephan Schlier als auch Dieter Bräunlich (ÜWG), Seniorenbeauftragter der Stadt, Verständnis. Allerdings sprächen diverse Punkte gegen einen Ausbau der Linie in die Madau, etwa zu hohe Kosten und zu geringe Nachfrage. Bürgermeister Schlier betonte jedoch schon Mitte Februar, dass die Stärkung des ÖPNV auch unabhängig vom Moor-Express ein präsentes Thema im Rathaus sei. Deshalb beschäftige man sich mit ganz neuen Ideen.

Einsatz innovativer Technologien für den „Verkehr der Zukunft“

Nun ließ die Verwaltung den Worten erste Taten folgen und stellte dem Ausschuss für Klimaschutz, Stadtentwicklung und Gesamtverkehrsplanung ein Rufbussystem vor. Busse also, die entweder per App oder telefonisch bei Bedarf angefordert werden können, wie es derzeit bereits in Murnau (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) umgesetzt wird. „Die Idee ist, kleinere Busse auf Abruf einzusetzen“, sagte Schlier. Für den Verkehr der Zukunft müsse man den zunehmenden Bedarf und die energie- und klimapolitischen Ziele vereinen. Dafür sei ein verstärkter Einsatz innovativer Technologien und die Nutzung der Digitalisierung notwendig. Neuartige Rufbussysteme nutzten genau diese Digitalisierung, so Schlier.

Helga Weber sieht das Rufbussystem skeptisch.

Dazu begrüßte der Bürgermeister Clemens Deyerlinger, Mitbegründer und Geschäftsführer von „Omobi“. Jenes Start-up-Unternehmen, das für die Rufbusse in Murnau verantwortlich ist. „Wir müssen Mobilität neu denken“, sagte Deyerlinger, der per Videoübertragung dem Gremium zugeschaltet war. Start- und Zielpunkt bestimmen damnach Fahrgäste innerhalb des Betriebsgebietes eigenständig. Der Rufbus habe dabei weder einen festen Fahrplan noch eine feste Route vorgegeben. Stattdessen werde ein „smarter Algorithmus“ verwendet, der die Fahrt-Anfragen sammelt und Routen dynamisch auf Basis des Echtzeit-Bedarfs erstellt, so Deyerlinger.

In Murnau beträgt der Fahrpreis derzeit pro Fahrt zwei Euro. Laut Deyerlinger werde der bisherige ÖPNV so komplett auf den Kopf gestellt. Übliche Bushaltestellen spielten dann auch keine wirkliche Rolle mehr. „Wir sprechen nur noch von virtuellen Haltestellen, also Abholpunkten in allen Ortsteilen“, so der Unternehmer. So gebe es ungleich mehr Zusteigmöglichkeiten wie beim üblichen Haltestellen-System. „Es gibt im Prinzip also keine Stelle mehr, die vom Netz nicht abgedeckt wird.“

Ist ein Rufbussystem für Bad Aibling überhaupt sinnvoll?

Laut Bürgermeister Schlier müsse man sich nun zunächst die Frage stellen, ob ein Rufbussystem für Bad Aibling überhaupt sinnvoll wäre. Eng damit verbunden: Die Frage nach den Kosten. Laut Deyerlinger gebe es hilfreiche staatliche Förderungen. Murnau, rund 12 000 Einwohner, bleibe letzlich auf einem jährlichen Defizit von knapp 100 000 Euro sitzen. Damit komme die Kommune auf ein niedrigeres Defizit als beim klassischen Linienbusverkehr. Hinzu käme eine „bedarfsorientierte Auslastungen“, flexible Strecken sowie Fahrzeiten. Im Übrigen könne man ein Fahrt auch schon im Voraus planen, etwa wenn in einigen Tagen ein Arzttermin ansteht, so Deyerlinger.

Laut der Stadtverwaltung steht Bad Aibling vor der Herausforderung, dass neue Baugebiete mit Wohneinheiten entstehen. Damit einher gehe der Bevölkerungszuwachs im Stadtgebiet, welcher wiederum zusätzlichen Verkehr in die Stadt – sei es durch Anlieferungen, zum Einkaufen oder in Form von Pendelverkehr – bringt. Laut Bürgermeister Schlier will man mit der Idee zunächst mal einen Eindruck von weiteren Möglichkeiten schaffen. Sollte man sich in Zukunft für ein Rufbussystem in Bad Aibling entscheiden, könnte es das bestehende öffentliche Verkehrsangebot ergänzen. Ein gewünschter Effekt könnte dann die Reduzierung gefahrenen Auto-Kilometer sein. „Rufbussysteme können somit einen wesentlichen Beitrag zur selbstbestimmten Mobilität und gleichzeitig zum Umwelt- und Klimaschutz leisten.“

Rufbus? Helga Weber ist skeptisch

Doch was halten die Bürger Bad Aiblings von der innovativen Idee? „Grundsätzlich ist die Idee nicht schlecht, aber vermutlich eher für jüngere Leute interessant“, sagt Helga Weber. Sie kann sich nicht vorstellen, für einen Einkauf einen Bus anzufordern. Zudem glaubt sich nicht an eine zeitnahe Umsetzung. „Bis so etwas kommt, sind wir hier alle gestorben“, so Weber. Auch die technischen Anforderungen, etwa die Bestellung über eine App, sieht sie für ihre Generation skeptisch, so die 85-Jährige. Wenngleich eine telefonische Bestellung möglich ist.

Sie hält dennoch am Wunsch einer Ausweitung der bestehenden Buslinie fest. „Dann kann ich besser planen und weiß, dass ich immer um diese Uhrzeit fahren kann.“ Ihr Anliegen, wonach der Moor-Express auch durch die Madau fährt, bleibt also bestehen. Aufgrund ihres Alters schaffe sie es nicht mehr, viele andere Leute zu mobilsieren. „Ich wäre aber dankbar, wenn jemand zum Beispiel eine Unterschriftenaktion machen könnte“, so Weber. Denn für sie steht fest: Den Wunsch nach einer besseren Anbindung haben viele Bad Aiblinger.

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