"Reiset hin in Frieden"

Dekan Thomas Gruber sowie sein evangelischer Amtsbruder Harald Höschler segneten den neuen Bahnhaltepunkt in Hinrichssegen. Fotos Grosch
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Dekan Thomas Gruber sowie sein evangelischer Amtsbruder Harald Höschler segneten den neuen Bahnhaltepunkt in Hinrichssegen. Fotos Grosch

Bayerische Großstädte wie Würzburg, Regensburg und Erlangen schauten gestern neidisch nach Bruckmühl, denn sie haben nur drei Bahnstationen, wie Hans-Peter Böhner vom bayerischen Innenministerium bei der Einweihung des Bahnhaltepunkts Hinrichssegen scherzte. Warum?

Mit der neuen Zusteigemöglichkeit in der Kommune hat Bruckmühl seine vierte Bahnstation erhalten.

Hinrichssegen - Der Landkreis Rosenheim und der Fahrgastverband "Pro Bahn" hatten schon in den 90er-Jahren die Idee entwickelt, die Mangfalltal-Bahn durch zusätzliche Haltepunkte näher an den Kunden zu bringen. "Sie haben sich auch durch Rückschläge nie von diesem Ziel abbringen lassen, was besondere Anerkennung verdient", so Böhner im Rahmen des Festaktes.

Die DB Station & Service AG habe den Bau und den Betrieb der neuen Station übernommen. Der Bund habe wesentliche Anteile der Kosten getragen. Die bayerische Oberlandbahn bediene den Haltepunkt mit ihren Meridian-Triebwagen.

2009 sei der Bahnhaltepunkt "Kurpark" in Bad Aibling ans Netz gegangen, der heute mit etwa 500 Ein- und Aussteigern pro Tag noch stärker genutzt werde, als prognostiziert. "Möge der heutigen Station der gleiche Erfolg beschieden sein", hoffte der Regierungsvertreter. Er sprach zugleich den barrierefreien Umbau des Bahnsteigs 2 in Heufeld an, der in zwei Jahren erfolgen soll (Bericht folgt). Ihm zufolge werden 2017 die Haltepunkte Rosenheim-Aicherpark und Feldolling in Betrieb genommen. "Danach planen wir noch den Umbau der Bahnhöfe in Bruckmühl und in Kolbermoor", so Böhner.

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2014 ist der Bahnhaltepunkt in Betrieb (wir berichteten). 300 Ein- und Aussteiger sollen damit "bedient" werden, wie der Leiter Bau- und Anlagenmanagement der DB-Station & Service AG für Bayern, Stephan Boleslawsky, betonte. Dass dieses Projekt überhaupt zustande kam, sei den gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Freistaat Bayern, der Marktgemeinde Bruckmühl und der Bahn zu verdanken.

Er hob besonders hervor, dass bei diesem ein Millionen Euro teuren modularen Bauwerk die Bedürfnisse von Blinden, Sehbehinderten und Reisenden, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, berücksichtigt worden seien. "Es ist uns ein Anliegen, unsere Bahnhöfe Stück für Stück an diese Anforderungen anzupassen und so Barrierefreiheit zu schaffen", so Boleslawsky.

Pünktlich zur Einweihung seien die letzten Arbeiten - Installation von dynamischem Schriftanzeiger, Böschungsschutz und Zaunanlage - abgeschlossen worden. "Zur Verschönerung der Station wird im Herbst noch eine Anpflanzung der Böschung erfolgen", kündigte Boleslawsky vor den Ehrengästen, darunter Landtagsabgeordneter Otto Lederer, Altbürgermeister Franz Heinritzi sowie Bürgermeistern des Mangfalltals mit Felix Schwaller (Bad Aibling), Peter Kloo (Kolbermoor) und Bernhard Schweiger (Feldkirchen-Westerham) an. Letzterer kam sinniger Weise mit dem Zug.

Bayernweit ist mit dem Bahnhaltepunkt Hinrichssegen nun der 1017. Bahnhof entstanden. Seit der Bahnreform 1994 sind somit 60 neue Haltepunkte im Freistaat realisiert worden. Eine Offensive mit 20 weiteren Stationen stehe bevor. So soll es bis 2018 acht neue Haltepunkte geben.

1857 gab es die erste Bahn zwischen Holzkirchen und Rosenheim, erinnerte Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig. Wie wichtig diese Strecke nach wie vor sei, betonte sie. "Dies ist eine bedeutende Verkehrsader und ein wesentlicher Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung entlang der Strecke", sagte die Abgeordnete. Mit diesem Haltepunkte gehe ein lang gehegter Wunsch der Gemeinde in Erfüllung. "Die gute Zugänglichkeit kommt zudem jedermann zugute", so Ludwig. Sie stellte in diesem Zusammenhang die Fördergelder des Bundes für dererlei Projekte heraus.

Landrat Wolfgang Berthaler wiederum freute sich über die nun erfolgte Realisierung des Haltepunkts. "Altbürgermeister Franz Heinritzi sagte gerade zu mir, schön, dass ich das noch erleben darf." Wie berichtet, hatte es von der ersten Planung bis zum Spatenstich 17 Jahre gedauert. An den amtierenden Bürgermeister Richard Richter wandte sich Berthaler in Anspielung an Diskussionen in Rosenheim mit dem Appell: "Jetzt musst Du nur noch einen Hauptbahnhof ernennen."

Richter selbst weihte binnen weniger Tage die zweite "Bahn-Sache" ein: Nach der Taufe des Triebwagens "Bruckmühl" (wir berichteten), freute er sich, dass die "Zeit des Reifens" für den Haltepunkt Hinrichssegen vorbei sei. Auch die Frage aus dem Gemeinderat und von Bürgern "Brauchen wir diese Station überhaupt? beantwortete er mit einem klaren "Ja". Drei bewohnerstarke Ortsteile, Heufeldmühle, Heufeld und Hinrichssegen, würden nun täglich "mit Mobilität versorgt." Ihm war es zugleich ein Anliegen an die Auflösung der so genannten Langsamfahrstrecken in Heufeld zu appellieren. "Hier beteiligt sich die Gemeinde, in dem wir einen Straßenausbau an der Waldheimer Staße durchführen und dabei Mehrkosten tragen." Es wäre schön, so Richter, "wenn wir durch ein Entgegenkommen der Bahn die Langsamstrecke in Bruckmühl ebenfalls auflösen könnten, da an diesem Bahnübergang täglich 10500 Fahrzeuge queren".

Wolfgang Günther, Vertreter des Fahrgastverbandes "Pro Bahn" hat eigenen Angaben zufolge 26 Jahre auf die Umsetzung der neuen Station gewartet. "Ich kann mich noch gut erinnern, als 1996 nach einer Sitzung des Ministerrates in Rosenheim Staatssekretär Spitzner verkündete, dass in zwei bis drei Jahren die Mangfalltal-Bahn ausgebaut sei. Schon damals seien die vier Haltepunkte Kurpark Bad Aibling, Hinrichssegen, Rosenheim-Aicherpark und Feldolling genannt worden.

Reisende

schon in der Bibel

Dekan Thomas Gruber und seinem evangelischen Amtskollegen Pfarrer Harald Höschler oblag es dann den Haltepunkt ökumenisch zu weihen. Dabei waren die beiden Geistlichen auf eine Schwierigkeit gestoßen: "Es gibt keinen Segen für Bahnstationen - "wohl für Schiffe, Flugzeuge sowie Brücken", schlüsselte Gruber auf. Dabei sei die Bibel voller Menschen, die unterwegs seien, wenn man nur an Abraham oder Mose denke. Parallelen sah Pfarrer Höschler bei den Ein- und Aussteigern der Bahn mit den Ankommenden sowie den Aufbrechern in der heiligen Schrift. Gruber schloss den Festakt mit dem abgewandelten Gruß "Reiset hin in Frieden."

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