Brauchtum

Jetzt sind wieder Rauhnächte: Was sie bedeuten, weiß diese Bad Feilnbacherin genau

Agnes Pfeiffenthaler aus Bad Feilnbach Feilnbach kennt sich aus mit dem Brauch des Ausräuchern. Sie hat zahllose Weihrauchmischungen, die nicht nur in den Rauhnächten positive Wirkungen haben sollen.
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Agnes Pfeiffenthaler aus Bad Feilnbach Feilnbach kennt sich aus mit dem Brauch des Ausräuchern. Sie hat zahllose Weihrauchmischungen, die nicht nur in den Rauhnächten positive Wirkungen haben sollen.
  • vonJohannes Thomae
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Rauhnächte verschaffen den Dienstboten eine ersehnte Auszeit und lehren das Fürchten. Woher die alten Bräuche stammen und warum ein Wäschestück zum Leichentuch wird, erklärt Agnes Pfeiffenthaler.

Bad Feilnbach/Oberaudorf – Die Regel, dass zwischen Weihnachten und Heilig Dreikönig keine Wäsche gewaschen und vor allem nicht zum Trocknen aufgehängt werden sollte, kennt fast jeder. Sie ist das, was sich vom alten Volksglauben um die sogenannten Rauhnächte fast überall bis heute erhalten hat.

Wäschteil wird zum Leichentuch

Mit den Rauhnächten sind die zwölf Nächte vom 24. Dezember bis zum 6 Januar gemeint, an denen die „wilde Jagd“ unterwegs ist. Das ist ein Heer von jenseitigen Wesen, oft auch begleitet von jüngst Verstorbenen, das mit Sturmgebraus um die Häuser zieht. Sie kümmern sich eigentlich nicht weiter um die Menschen, es sei denn, sie verfangen sich in einer Wäscheleine. Dann werden sie böse. Und finden sie dort auch noch ein weißes Wäschestück, dann ist der, dem es gehört, dem Tod geweiht: Binnen Jahresfrist, so hieß es früher, wird das Wäscheteil zu seinem Leichentuch.

In früheren Jahrhunderten, in denen es noch keine All-Überall-Beleuchtung gab, waren die Nächte noch wirklich finster – und auch unheimlich. Vor allem in der Jahreszeit um Weihnachten herum, in denen sie am längsten waren, dabei Haus und Hof oft tief verschneit. In diesen Rauhnächten versuchte man, sich durch vielerlei Bräuche vor den bösen Geistern zu schützen. Thomae

Wenn es stürmt und dunkel ist

Dass man gerade um die Weihnachtszeit die Nachtgespenster ums Haus stürmen hörte und sah, hat einen nachvollziehbaren Grund: Die Zeit um die Jahreswende ist schon immer eine Phase unbeständigen Wetters gewesen, Winterstürme waren und sind nicht selten. Zudem sind um die Weihnachtszeit herum die Nächte besonders lang und Nacht war in früheren Zeiten immer bedrohlich.

Funzelige Laternen als einzige Lichtquelle

Das ist für heute kaum noch nachzuvollziehen, da man auch die Nacht zum Tag machen kann und eher über Lichtverschmutzung klagen muss. Früher aber, als die einzige Beleuchtung bei der Stallarbeit funzelige Laternen waren, blieb fast alles im Dunkeln und Ungewissen: Da wurde jede an der Stallwand hängende Jacke zum Gespenst, jedes Strohbüschel zur Fratze, die jenseitigen Wesen also sichtbar, die Grenzen zwischen hier und der Anderwelt aufgehoben. Das wurde auch nicht viel besser, als später einzelne Glühlampen den Stall erleuchteten, denn er blieb trotzdem überwiegend dunkel.

Einfach mal ausruhen

Wie viele Volksbräuche hat auch die Mahnung, keine Wäsche zu waschen, zudem einen durchaus vernünftigen Sinn: Sie verschaffte den Bauersfrauen und Mägden damals eine Auszeit, in der sie nicht nur nicht waschen mussten, sondern eben gar nicht durften: einmal ein bisschen Ausruhen, ganz ohne schlechtes Gewissen, zumal in dieser Zeit auch nicht gesponnen werden sollte – auch in den Spinnrädern hätte sich die wilde Jagd verfangen können.

Damals gab es ja keinen Urlaub

Wie Katharina Kern, Ortsbäuerin in Oberaudorf, erklärt, sind solche garantierten Frei-Zeiten früher ungeheuer wichtig gewesen: In Zeiten als es keinen Urlaub gab, waren sie wie auch alle Feiertage die einzige Chance für Bauern und Dienstboten, überhaupt zu einer Erholungszeit zu kommen.

Einen durchaus rationalen Hintergrund hat auch der Brauch, dem Vieh in den Rauhnächten besonderes Futter zukommen zu lassen. Es ging dabei darum, dem Vieh in einer Jahreszeit, in der kräftige Nahrung zusehends Mangelware wurde, gewissermaßen aufzuhelfen. Deshalb wurde nicht nur Salz verfüttert, das in der Osternacht geweiht worden war, sondern vor allem auch Kräuter, die man zu Christi Himmelfahrt gesammelt und zu Buschen gebunden hatte.

Brauch im christlichen Glauben verankert

Damit war der Brauch auch im christlichen Glauben verankert, nämlich als eine Handlung, die drei der christlichen Hochfeste inhaltlich zusammenbringt. Natürlich steckt auch hier noch ein bisschen Aberglaube mit drin: Man konnte so die tierischen Mitbewohner freundlich stimmen, denn in den Rauhnächten können sie um Mitternacht herum sprechen. Diese Möglichkeit nutzen sie, um den Hausgeistern zu sagen, ob sie gut behandelt wurden. War das nicht der Fall, hatten die Menschen im folgenden Jahr alle möglichen Zwischenfälle zu erwarten.

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Dieser Brauch des besonderen Fütterns wird auch heute noch in einigen Bauernfamilien wachgehalten, ist aber einer, der eher still und für sich gepflegt wird. Etwas anders verhält es sich mit dem Ausräuchern von Stall und Wohnhaus. Auch dieser Brauch hat einen rationalen Hintergrund: Die Inhaltsstoffe des Weihrauches wirken desinfizierend, können das Immunsystem stärken und sollen sogar Angstgefühle verringern helfen. Das Ausräuchern des gesamten Hofes im Grunde also eine Art Gesundheitsvorsorge. Und der Glaube, dass dadurch alle winterlichen Nachtgespenster verscheucht werden, die Mensch und Tier Böses wollen, nur die volkstümliche „Übersetzung“.

Brauch des Räucherns bis heute erhalten

Das Räuchern ist dabei aus den Rauhnachtsbräuchen der Einzige, der eine weitere Verbreitung erfahren und Eingang in die moderne Lebenswelt gefunden hat. Agnes Pfeiffenthaler aus Bad Feilnbach etwa hat in ihrem Hofladen eine ganze Regalwand voll der unterschiedlichsten Räuchermischungen für so gut wie jede Lebenslage, die speziell für sie zusammengestellt werden. Darunter aber auch das, was man als „klassische Rauhnachtmischung“ beschreiben könnte, eine Mischung gedacht zur Reinigung von Wohnung und Haus, die neben Weihrauch auch noch Kampfer und Wacholder enthält.

Familientraditionen in der staden Zeit

Die meisten anderen Rauhnachtsbräuche aber sind „stille“ Bräuche, die sich als reine Familientradition erhalten haben, vor allem dort, wo noch Landwirtschaft betrieben wird. Sie sind damit echtes Volksbrauchtum, das gelebt, aber weder an die große Glocke gehängt noch irgendwie touristisch vermarktet wird. Hier, in diesen Hausbräuchen, zeigt sich die Weihnachtszeit wirklich noch als das, was sie einmal war: als die stade Zeit.

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