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Chance für Neubeginn

Bruckmühls Führungsspitze begründet Stopp des Rathaus-Neubaus

Der Entwurf für das neue Rathaus in 2-D. Ihm stimmten die Gemeinderäte in der Januar-Sitzung mehrheitlich zu.
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Der Entwurf für das neue Rathaus in 2-D. Ihm stimmten die Gemeinderäte in der Januar-Sitzung mehrheitlich zu.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Der Rathaus-Neubau ist gestoppt. Alle Unterlagen waren fertig für die Einreichung der Baugesuche. Doch die Planungen wurden mit der Leistungsphase drei beendet. In dieser Woche kündigte der Markt Bruckmühl seinen Vertrag mit dem Architekturbüro. Eine Klausurtagung des Marktgemeinderates wird anberaumt. Doch musste es so weit kommen? Und wie geht es weiter?

Bruckmühl – „Wir haben die Planungen bis zur Entscheidungsreife vorangetrieben“, erklärt Bürgermeister Richard Richter. Mit jeder Sitzung sei das Rathaus größer, voluminöser und teurer geworden. Er habe schon bei der Kostensteigerung von ursprünglich 15,8 Millionen auf 17,8 Millionen Euro im Januar schlucken müssen, gibt er zu. Doch von den Planern sei versichert worden, dass es zu keiner weiteren Kostensteigerung komme.

Immer größer, voluminöser, teurer

„Drei Monate später waren es dann schon wieder knapp 1,5 Millionen Euro mehr. Und das wurde uns zwei Wochen vor der Sondersitzung des Rates mitgeteilt“, erläutert Richter. Zudem müsse die Marktgemeinde aufgrund der Lage am Bau, der Materialknappheit und der Kostenexplosion mit einer weiteren Steigerung der Investitionssumme auf weit mehr als 20 Millionen Euro rechnen.

„Es war der richtige Zeitpunkt, die Planungen zu stoppen“, bekräftigt auch Markus Zehetmaier, Fachbereichsleiter Immobilienwirtschaft und Wirtschaftsförderung. „Wir wollten in die Zukunft denken und ein modernes Rathaus für unsere Bürger und unsere Verwaltung bauen. Aber wir sind an einem Punkt, an dem wir auch auf Grundlage aller Erfahrungen und Folgen der Corona-Pandemie neu denken müssen.“

Laien brauchen mehr Planungstiefe

Erst mit der Tiefe der Planungen sei dem Gemeinderat wirklich bewusst geworden, was auf ihn zukomme, rechtfertigt Bürgermeister Richter das Umschwenken des Rates von der Zustimmung zu den Plänen im Januar und ihrer Ablehnung im Mai. „Die meisten von uns sind Baulaien. Je mehr man weiß und sich vorstellen kann, desto klarer wird ein Projekt. Deshalb ist es für mich eine unglaublich ehrliche Aussage unserer Räte, dass sie aus der bisherigen Präsentation nicht erkennen konnten, wie das Rathaus aussehen wird“, betont Richter.

Aber auch Baufachleute gehören dem Marktgemeinderat an. Sie hätten die Pläne jetzt genau studieren können und kritisiert, dass viel zu teuer gebaut werde, und die Wünsche des Gemeinderates nicht umgesetzt wurden. „Auch die Antworten auf ihre fachlichen Fragen konnten die Zweifel an der vorgelegten Planung und 3-D-Präsentation nicht ausräumen“, so Richters Eindruck.

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Die Ursachen für die Kostensteigerung sieht der Bürgermeister im Verbau hochwertigster Materialien, im seiner Meinung nach unnötigen Ausbau aller vorhandenen Innentüren, im Gründach, vor allem aber in der Vergrößerung des Bauvolumens um etwa 900 Kubikmeter. „Den Überbau des Nordanbaus beispielsweise brauchen wir für unser Raumkonzept gar nicht“, erklärt Zehetmaier. Dafür sei im Souterrain der Raum für die heimatkundliche Sammlung verloren gegangen.

„Funktionalität vor Optik“, fasst Bürgermeister Richter die Marktgemeinderatssitzung zusammen und macht klar: „Man kann einen Bauherren nicht zwingen, dass er baut, wenn ihm der Entwurf nicht gefällt oder er das Geld nicht ausgeben will.“

Vergabe erfolgte nach Leistungsphasen

Dass die Gemeinde nun mit horrenden Honorarkosten in Millionenhöhe rechnen müsse, glaubt er nicht. „Es ist seriös, wenn man die Planer sofort über das Ergebnis informiert“, sagt der Bürgermeister. Und Zehetmaier ergänzt: „Schon bei der Ausschreibung der Architektenleistung war eine stufenweise Beauftragung der Leistungsphasen drei bis neun ausgeschrieben. Beauftragt waren zunächst nur die Leistungsphasen drei und vier.“ Jetzt erwarte die Verwaltung die Schlussrechnung der Planer. „Sie werden für das bezahlt, was sie geleistet haben.“

Klausurtagung frei von Zwängen

Doch wie geht es mit einem Domizil für die Verwaltung weiter? „Wir haben bei unserem Vermieter angefragt, ob wir die Mietdauer verlängern können“, informiert Richter und ergänzt: „Jeglicher Druck und jeglicher Einfluss von außen müssen raus. Der Gemeinderat soll frei von allen Zwängen beraten können, wie wir mit unserem Rathaus weitermachen“, betont er.

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Die Verwaltung werde umfassendes Material vorbereiten: „Wie gehen wir mit dem Bestandsgebäude um beziehungsweise welche Optionen bietet das Gebäude?“, „Wo gäbe es geeignete Grundstücke oder Räume für Alternativen?“, erklärt Zehetmaier.

Grundsätzliche Fragen werden geklärt

Und es müssten Fragen geklärt werden, wie: „Muss eine große Lösung her, die weit in die Zukunft reicht? Brauchen wir ein offenes Bürgerbüro oder eignet sich ein Großraumbüro doch nicht, um Bürgeranliegen zu besprechen? Brauchen wir einen Trausaal für 60 bis 80 Menschen oder reicht es auch kleiner? Könnte die Verwaltung auch an verschiedenen Standorten sitzen? Brauchen wir einen eigenen Sitzungssaal oder ist es denkbar, die Sitzungen außerhalb des Rathauses zu machen so wie in der Corona-Krise?“, zählt Zehetmaier mögliche Überlegungen auf.

„Wir werden nichts steuern, nichts kanalisieren, sondern unser Rathaus noch einmal ganz neu denken“, betont der Bürgermeister. Er sieht die Klausurtagung als Chance für einen breiten Konsens. Die Fragen werden sein: „Was wollen wir? Was brauchen wir mittelfristig, und was langfristig?“

Architekten erarbeiten Sparpotenzial

Der Entwurf für ein neues Rathaus mit einem Kostenvolumen von 19,2 Millionen Euro hängt in der Warteschleife. Die Planer Anja Kluge und Ingolf Gössel können das nicht nachvollziehen. Im Januar hatten sie den Entwurf und die Kostenberechnung im Gemeinderat vorgestellt, die Abstimmung mit verfolgt und danach auch von Projektsteuerer Albert Dembinski die Information erhalten, dass der Rat die Planung und die vorgelegte Kostenberechnung in Höhe von 17,8 Millionen Euro einstimmig befürwortet habe.

Argumente nicht nachvollziehbar

Die Argumentation der Räte, nach einer 2-D-Darstellung im Januar hätten sie erst anhand einer 3-D-Animation im Mai erkennen können, wie das Projekt tatsächlich aussehe, können die Fachleute nicht verstehen. „An der Planung hat sich im Vergleich zum Januar nichts verändert, alle kannten diese Planungen. Aktuell stehen sie als ein sehr wertiger, konzeptstarker und qualitätvoller Entwurf. Fassade und Größe des Hauses haben sich nicht geändert. Die Planung wurde nur detaillierter. Natürlich können wir sie in Abstimmung mit Bauherr und Entscheidungsgremien auch noch anpassen und verändern“, erklärt Ingolf Gössel.

Der 3-D-Entwurf des neuen Rathauses wurde dem Marktgemeinderat im Mai vorgelegt und mit 22:1 Stimmen abgelehnt.

Bürgermeister Richard Richter sowie Markus Zehetmaier und Bernd Krist vom gemeindlichen Bau-Team seien bei jedem Detail in die planerische Entwicklung eingebunden gewesen. „Es war ihnen also nicht fremd, was über die neun Monate entstand. Aber es gab keinerlei Abwahl-Wünsche, sondern darüber hinaus nur zusätzliche Ausstattungswünsche“, erklärt Gössel.

Sonderwünsche verursachen Mehrkosten

Auch seien die Mehrkosten nicht aufgrund der Architektur entstanden, sondern aufgrund von Fehlern aus der Vorplanung, die behoben werden mussten. „Zudem zogen die TGA-Planer nach gut vier Monaten mit ihrer Planung und ihrer Kostenberechnung nach und berücksichtigten Zusatzwünsche der Bauherrschaft, was zu erheblichen Kostensteigerungen geführt hat.“ All das erklärten die Architekten auch dem Marktgemeinderat.

Dass der Bau schließlich mit 22:1 Stimmen gestoppt wurde, war für sie eine Überraschung und ein Schock. „Wir haben mit Ende der Leistungsphase 3 einen Stand mit einem hohen Maß an Wissen um den Bestand erreicht und damit eine hohe Kostensicherheit“, betonen sie. Im Januar habe der Gemeinderat eine Netto-Investition von 14,95 Millionen Euro (17,8 Millionen Euro Brutto) freigegeben. „Durch TGA-Mehrkosten und Bauherrnwünsche sind die Kosten auf 16,17 Euro Netto (19,25 Millionen Euro Brutto) gestiegen, lassen sich aber gut wieder reduzieren“, verdeutlicht Gössel.

Verschiebung kostet Zeit und Geld

Eine Verschiebung des Projektes würde nun weitere Zeit und noch mehr Geld kosten. Ebenso sei ein Neubau deutlich teurer, denn dafür müsse entweder das bestehende Rathaus qualifiziert rückgebaut oder saniert werden, und ein Neubau mit zusätzlichen Kosten für Medien, Erschließung, Rohbau und Innenausbau errichtet werden.

Die Architekten wollen das Projekt retten und erarbeiten deshalb in Eigeninitiative ein Einsparpotenzial. „Wir sehen die Möglichkeit von Einsparungen in allen Bereichen mit dem Ergebnis einer Investition von 14,3 Millionen Euro Netto, also circa 17 Millionen Euro Brutto als realistisch erzielbar“, verdeutlich der Architekt.

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Mit der Marktgemeinde abstimmen können sie ihre Vorschläge nun nicht mehr, denn die Zusammenarbeit wurde am Tag nach der Marktgemeinderatssitzung und zum Ende der Leistungsphase drei gestoppt, mit offenem Status über den weiteren Verlauf. Ihre Lösungsvorschläge würden sie aber trotzdem gern in die Klausurtagung des Gemeinderates einbringen.

Alle Planer sind nun aufgefordert, ihre Honorare für die bisherigen Leistungen in einer Abschlagsrechnung zu stellen. Diese Entscheidung hat die Marktgemeinde jetzt mit einem offiziellen Schreiben besiegelt. EU-weit ausgeschrieben zur Beauftragung waren nach Informationen des Architekturbüros gk Gössel und Kluge Generalplaner GmbH die Architektenleistungen vom Entwurf bis zur Fertigstellung, sofern das Projekt realisiert wird.

CSU: Innehalten und Nachdenken

Klaus Christoph, CSU/PW:„Unsere Fraktion hat den Antrag in der Marktgemeinderatssitzung eingebracht, das Projekt am Ende der Leistungsphase drei zur Kenntnis zu nehmen und erst einmal innezuhalten. Wir können die immensen und aktuell unberechenbaren Kosten des Projektes weder verantworten, noch den Bruckmühler Bürgern zumuten. Wir müssen noch einmal ausführlich nachdenken, den Flächen- und Raumbedarf prüfen sowie über moderne Arbeitsplatzgestaltung nachdenken. Das wir das Projekt an dieser Stelle stoppen, ist keine Schwäche unseres Marktgemeinderates, sondern eine wichtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Wir suchen nach Lösungen für unsere Bürger und die Mitarbeiter der Verwaltung, aber wir müssen auch finanziell Maß halten und dürfen uns nicht übernehmen. Der Klausurtagung möchte ich mit Überlegungen nicht vorgreifen.“

Grüne: Standortwechsel oder Neubau?

Stefan Mager, Bündnis 90 / Die Grünen: „Diese Frage stellt sich für uns so nicht“, antwortet der Grünen-Sprecher auf die Frage des Mangfall-Boten, ob die Entscheidung, den Rathausneubau zu stoppen zum richtigen Zeitpunkt kam oder schon weitaus eher erforderlich gewesen wäre. „Es hilft uns nicht, jetzt in der Vergangenheit einen Schuldigen auszumachen. Die Mehrheit des Rates hat die jetzige Entscheidung aufgrund explodierender Kosten getroffen, und da müssen wir jetzt massiv korrigierend eingreifen.

Die Grünen haben in den letzten zwei Jahren viele der Kritikpunkte immer wieder angesprochen und in Änderungsanträgen formuliert, die jedoch im Rat abgelehnt wurden. Das bestätigt uns im Nachhinein, dass unsere Ansätze wohl die richtigen waren. Wir werden daher die Punkte Digitalisierung und die dadurch mögliche Raumeinsparung durch Homeoffice, eventueller Standortwechsel und Neubau mit in die Klausurtagung nehmen und nochmals auf den Tisch bringen. Ob sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings – egal welche Entscheidung auch immer getroffen wird – eine große Kostenersparnis erzeugen lässt, steht noch in den Sternen.“

SPD: „Richtiger Zeitpunkt“

Robert Niedermeier, SPD/PU, Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses:„Nach der Vorentwurfsplanung 2019 des Büros Gerstmeir Inic Architekten BDA war der Marktgemeinderat mit einer Vorstellung zur Investition von rund 14 Millionen Euro in das Projekt ,neues Rathaus‘ gestartet. Mitte 2020 waren es dann rund 17 Millionen Euro. Damit war eine Größenordnung erreicht, die uns die Entscheidung, hierfür grünes Licht zu geben, nicht einfach gemacht hat.

Das nachfolgende Architekturbüro gk Gössel+Kluge Generalplaner GmbH war angetreten mit der Erklärung, den zuvor prognostizierten Kostenrahmen einhalten zu können. Jetzt legte dieses Büro eine Kostenberechnung von 19,25 Millionen Euro vor. Die Kostensteigerungen wurden nachvollziehbar erklärt, ändern aber nichts an der erreichten Summe.

Mit allen Unwägbarkeiten zur weiteren Kostenentwicklung muss eine realistische Kalkulation von erheblichen weiteren Kostensteigerungen für das Projekt ausgehen. Damit sind bei einer Weiterverfolgung der derzeitigen Planung Kosten von deutlich über 20 Millionen zu erwarten. Diese Größenordnung würde, bei langfristiger Finanzierung, den Haushalt der Marktgemeinde zwar nicht überfordern, aber andere wichtige Projekte könnten dadurch blockiert werden.

Aus unserer Sicht sind in den nächsten Jahren Investitionen in den sozialen Wohnungsbau und die Energiewende erforderlich. Deren Finanzierung wäre erheblich erschwert. Daher war jetzt der richtige Zeitpunkt, die Entwurfsplanung zu stoppen und nochmals alle möglichen Alternativen in einer Klausurtagung des Rats zu überdenken.“

OLB: Mit 3-D sind die Lichter aufgegangen

Richard Linke, OLB:„Ich bin froh, dass wir im Januar eine 3-D-Visualisierung gefordert haben. Damit sind vielen von uns erst die Lichter aufgegangen, wie der Entwurf mit Fassade und Schaufenstern in der Realität aussehen würde. Mit diesem Wissen können wir uns nun noch einmal die Frage stellen, ob Bruckmühl das braucht, und ob wir so weiterkommen.“

BP: Kosten gehören runter, nicht rauf

Georg Oswald, Bayernpartei:„Der Entwurf entsprach nicht den Vorstellungen des Marktgemeinderates – allein schon, was die Ausführung des Walmdaches betrifft. Zudem hätten die Kosten von 17 Millionen Euro im Januar runter- und nicht raufgehört. In der Klausurtagung werden wir sehen, wie es weitergeht.“

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