„ALMARAUSCH“ AUF 600 SEITEN

Ostermünchener Trachtenverein feiert 100-jähriges Jubiläum mit eigener Chronik

Die Fahnenweihe 1935
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Die Fahnenweihe 1935: Dafür hatten die Ostermünchener Trachtler viele Jahre lang gespart. Die Namen fast aller abgebildeten Trachtler sind bekannt. Nur sieben fehlen noch. Wer sie kennt, wird gebeten, sich bei Dorothea Niedermaier unter der 08067/672 zu melden. Niedermaier
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Auch wenn die Ostermünchner Trachtler ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum nur in ganz kleinem Rahmen feiern konnten: In diesem Jahr steht dem Trachtenverein „Almarausch“ eine unerwartete Überraschung ins Haus. Die Chronik erscheint – keine übliche Festschrift, sondern ein Buch mit 600 Seiten.

Tuntenhausen – „Ich bin schuld daran, dass aus einem ursprünglich gedachten Bildband nun eine Chronik entsteht“, sagt Dorothea Niedermaier. Und das liegt wohl vor allem an ihrem Beruf, denn als Fotografin schaut sie sich Motive und Menschen genau an.

Bis in die 60er-Jahre war fast keines der vorhandenen Vereinsfotos mit Namen und Jahr beschriftet. „Also habe ich versucht, möglichst alle Namen herauszufinden und auch die Orte, an denen die Fotos entstanden sind, zu identifizieren. Dadurch habe ich mich immer weiter in die Recherche gegraben“, erzählt sie.

Umfassende Recherche

Die Fotografin fragt sich durch: von Jung bis Alt, von hier nach dort. Viele stehen ihr zur Seite und helfen mit. Besonders Hans Thiel, Lorenz Asböck und Josef Mitterberger, die mit ihr und Brigitte Kiemer eine Arbeitsgruppe bilden, werden immer wieder mit diversen Aufträgen bedacht, um die Chronik zu vervollständigen.

Die Ostermünchner, aber auch ehemalige Vereinsmitglieder und deren Angehörige, wälzen ihre Familienalben. Mitglieder anderer Trachtenvereine kramen in ihren Chroniken und vergleichen die Bilder, die ihnen übersandt wurden. Mitarbeiter von Archiven und Museen durchforsten gemeinsam mit Dorothea Niedermaier historische Unterlagen. Die Ergebnisse vergleicht sie mit der eigenen Vereinschronik.

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Dabei entdeckt sie so manches historisch wertvolle Foto wieder – so beispielsweise das „Drischeldreschn-Wagen-Foto“ vom Rosenheimer Herbstfest von 1925. „Das kann nun dem Eintrag im Schriftführerbuch zugeordnet werden, in dem vermerkt ist, dass die Ostermünchner Trachtler sehr viel Arbeit in den Wagen steckten, aber nur mit einem Einheitspreis – einem Zinnpokal – bedacht wurden und darüber so verärgert waren, dass sie kurzerhand aus dem Inngautrachtenverband austraten“, erzählt die Chronistin.

Puzzleteile für ein vollständiges Bild

Ebenso kam ein Bild vom „Sterntanz“ zutage, dem Vereinstanz der Ostermünchener Aktiven. Jetzt kann dokumentiert werden, dass dieser 1938 beim Gaufest in Bad Aibling zum ersten Mal aufgeführt wurde. „Sogar die Rechnungen für die neuen Trachtengewänder sind noch original vorhanden. Unsere Trachtler haben sich damals zwei Jahre lang auf diesen Tag vorbereitet“, berichtet Niedermaier.

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Nach ihrer fast schon kriminalistischen „Fotoanalyse“ erscheint auch in einem neuen Licht, wie die Vereinsgründung eigentlich zustande gekommen ist. Doch da will sich die Chronistin noch nicht festlegen, denn ihre Spurensuche dauert an.

Suche beschert unerwartete, glückliche Momente

Selbst die Gründungsmitglieder werden in der neuen Chronik nun noch näher benannt. Niedermaier entdeckt unter anderem in Aufzeichnungen aus dem Jahr 1937 neue Hinweise, verfolgt sie bis nach Hannover und macht dort eine alte Dame glücklich, denn: „Sie hat ihren Vater auf den alten Fotos von 1922 erkannt und sich riesig darüber gefreut.“

Auf diese Weise hat Dorothea Niedermaier mit der Hilfe vieler hilfsbereiter Menschen für den Bildband des 100-jährigen Trachtenvereins „Almarausch Ostermünchen“ viele fehlende Puzzle-Teile gefunden.

Sie ist fasziniert von der Geschichte der Menschen, die den Verein gründeten: „Allein die Fahnenweihe 1935 lässt erahnen, wie viele Hürden unsere Vorfahren meistern mussten.“ So erzählen historische Notizen und Kassenbücher, dass sich die Trachtler in den Anfangsjahren mit ihrer Theatergruppe immer wieder Geld erspielten.

Dann kam der Erste Weltkrieg, kurz nach ihm die Weltwirtschaftskrise. „Das Geld wurde immer wieder entwertet, trotzdem haben sie nicht aufgegeben.“

Auch 100 Jahre später haben das die Ostermünchener nicht. Sie konnten ihr großes Jubiläum nur mit einem Mini-Gaufest und einem kleinen Festzug begehen. Doch bald werden sie mit einer 600-seitigen Chronik belohnt, die nicht nur Zuversicht vermittelt, sondern auch neue „alte“, spannende Geschichten der Trachtler erzählt.

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