Notbetreuung – so funktioniert sie im „Haus für Kinder Löwenzahn“ in Bruckmühl

Magdalena Aimer

Seit sieben Wochen sind die Kindertageseinrichtungen geschlossen. Die Eltern müssen Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen. Doch wie sieht es in den Kindereinrichtungen aus? Wie funktioniert die Notbetreuung. Das „Haus für Kinder Löwenzahn“ in Bruckmühl stellt sich vor.

Bruckmühl – Stellvertretend für die Einrichtungen im Diakonischen Werk Rosenheim beschreibt Magdalena Aimer, die Leiterin des „Hauses für Kinder Löwenzahn“ in Bruckmühl, wie der eingeschränkte Alltag dort aussieht.

Frau Aimer, wie fühlt sich ein Haus für Kinder so ganz ohne Kinder an?

Magdalena Aimer: Es ist eine sonderbare Stimmung. In einer Einrichtung, in der im Normalfall täglich mehr als 100 Kinder ein- und ausgehen, spielen, lernen, lachen und toben, ist es plötzlich sehr ruhig.

Was macht das Personal?

Magdalena Aimer:In der ersten Woche ohne Kinder war das Personal voller Tatendrang, stellte Raum für Raum auf den Kopf, sortierte aus, ordnete, putzte, wusch, desinfizierte, brachte Müll zum Bauhof, machte Besorgungen im Baumarkt, holte frische Erde von der Kompostieranlage für die Hochbeete… Doch niemand konnte das Ausmaß der Schließung einschätzen.

Bieten Sie eine Notbetreuung an?

Magdalena Aimer:Wir haben die Eltern über die Möglichkeit der Notbetreuung für systemrelevante Berufe informiert. Anfangs kam ein Kind zur Betreuung, in der zweiten Woche waren es dann drei Kinder. Dafür haben wir jeweils zwei Kolleginnen eingeteilt.

Nach der Ausweitung in der vergangenen Woche laufen derzeit zwei Gruppen, die wir auf eine maximale Gruppenstärke von acht Kindern auffüllen. Haben wir mehr Anfragen, werden wir weitere Gruppen zusammenstellen.

Die Kapazitäten sind beschränkt, weil sich die Gruppen im täglichen Ablauf nicht begegnen sollen, nur begrenzt Räume zur Verfügung stehen und auch beim Toilettengang die Hygienevorschriften strikt eingehalten werden müssen.

Auch für den Garten gilt die Vorgabe, dass jeweils nur eine Gruppe dort spielen kann, was den kleineren Kindern schwer zu erklären ist, verbringen sie doch bei uns generell sehr viel Zeit im Freien.

Sind die Kinder auch in der Notbetreuung in ihren Stammgruppen?

Magdalena Aimer:Wer sein Kind in die Notbetreuung gibt, kann nicht davon ausgehen, dass sein Kind in seiner Stammgruppe und mit der gebuchten Zeit betreut wird, weil auch von den Mitarbeitern nicht alle im Kinderdienst eingesetzt werden können.

Teilweise müssen sie ihre eigenen Kinder im Wechsel mit dem Partner betreuen, stehen nur Teilzeit zur Verfügung, sind alleinerziehend oder dürfen aus ärztlicher Sicht gerade nicht arbeiten, weil sie zur Risikogruppe gehören.

Bereiten Sie das neue Kita-Jahr schon vor?

Magdalena Aimer:Die Planungen für das Kitajahr 2020/21 laufen. Wir haben die Zusagen an die Eltern gegeben, deren Kinder ab September zu uns in die Einrichtung kommen sollen. Jetzt sind wir bei der Personalplanung und -akquise. Gespräche werden geführt, Integrationsanträge für heilpädagogische Förderungen, neue Betreuungsverträge und Einstellungsunterlagen vorbereitet.

Fehlen Ihnen die Kinder?

Magdalena Aimer:Natürlich vermissen wir die Kinder. Und umgekehrt vermissen auch sie uns und ihre Kita-Freunde. Das wissen wir aus vielen Telefonaten, persönlichen Kontakten und Mails.

Und das sieht man auch an unserer Gartenmauer. Wir haben mit der Botschaft „Wir vermissen euch“ die Kinder dazu animiert, ihre Kunstwerke bei einem Spaziergang in der Kita abzugeben – so kommen sie oft an ihrem vertrauten Ort vorbei, freuen sich über jedes neue Bild und oft auch zufällige Begegnungen mit Abstand.

Wissen Sie, wie die Stimmung in den Familien ist?

Magdalena Aimer:Durch steten Kontakt zum Elternbeirat und auch über Fragebögen an die Eltern erhalten die Erzieherinnen zusätzliche Stimmungsbilder. Viele Familien genießen die kitafreie Zeit, erleben ihre Kinder wieder von einer ganz anderen Seite und haben plötzlich Zeit, auf ihre Interessen einzugehen. Aber es gibt auch Familien, die es schwer haben.

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Vor allem Alleinerziehende oder Familien, die beengt wohnen und neben ihren Kitakindern auch Schulkinder beschäftigen müssen. Wenn man dann im Homeoffice noch beste Leistungen erbringen soll oder vielleicht sogar finanzielle Sorgen hat, gerät man schnell an seine Grenzen.

Wir versuchen, Kontakt zu den Eltern zu halten, bieten Telefonzeiten an, empfehlen auch Beratungsstellen und Hilfen in dieser besonderen Zeit.

Gibt es Eltern, die überfordert sind?

Magdalena Aimer:Wir machen uns durchaus Sorgen um den Kinderschutz, der nicht außer Acht gelassen werden darf, vor allem weil ja noch nicht absehbar ist, wann die Kitas in dem Umfang wieder öffnen dürfen. Besonders gefährdete Kinder haben wir bereits in der Notbetreuung berücksichtigt.

Wie werden die Kinder auf ihren Neustart vorbereitet?

Magdalena Aimer:Das bereitet uns große Sorgen. Auch die Eltern fragen nach, wie die Eingewöhnung nach der Wiedereröffnung aussehen kann, wie sich die Übergangskinder in den neuen Gruppen zurechtfinden sollen, und ob wir unsere Vorschulkinder wirklich mit gutem Gewissen an die Schulen abgeben können?

Normalerweise beginnen wir im Mai mit den Kindern, die in eine höhere Gruppe wechseln, mit Hospitationen. Sie lernen ihre neuen Räume und Bezugspersonen näher kennen und freuen sich im Herbst auf die Herausforderungen.

Neue Kinder dürfen für einen Vormittag zum Schnuppern kommen, was wir in diesem Jahr voraussichtlich gar nicht möglich machen können. Ob die Eingewöhnungen zum geplanten Zeitpunkt stattfinden können, muss abgewartet werden. Wir arbeiten derzeit an entsprechenden Eingewöhnungskonzepten.

Und was ist mit den Vorschulkindern?

Magdalena Aimer:Die Vorschulkinder haben ihre Schule schon vor der Einschreibung kennengelernt, hätten aber auch nochmal an einer Schulstunde teilnehmen dürfen. Die Gruppenerzieher bereiten speziell für die knapp 20 Kinder in unserer Einrichtung wöchentlich Arbeiten vor, die sie zu Hause ausführen können.

Das ersetzt natürlich nicht alles, deshalb wäre es zu begrüßen, wenn man diese Kinder noch für vier bis sechs Wochen im Kindergarten betreuen könnte, damit sie die notwendigen Kompetenzen für den Schulübergang erlangen.

Nicht alles ist „abgesagt“, vieles läuft, einiges muss wegfallen oder ist noch offen und wird es in den nächsten Wochen wohl auch bleiben. Wichtig ist, dass wir weiter zusammenhalten, Änderungen und Abweichungen akzeptieren können und diesen Weg mit Zuversicht weitergehen.

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