„Müssen klares Signal setzen“

Die Bahnstrecke trennt schon heute den Ort Großkarolinenfeld. Wenn sie nach den Plänen für den Brenner-Nordzulauf vierspurig ausgebaut würde, müssten auch Häuser weichen. Stache

Großkarolinenfeld. – Fünf wichtige Botschaften waren die Essenz der Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative „Brennerdialog Großkarolinenfeld und Umgebung“ (BI-BD-Karo-U) im Gasthof in Jarezöd.

Erstens: Ganz egal, welche der fünf Grobtrassen für den Brenner-Nordzulauf letztlich auserwählt wird – die Menschen in der Gemeinde Großkarolinenfeld wären in jedem Fall extrem betroffen, viele ihrer Lebensgrundlage beraubt, in ihrer Existenz bedroht, müssten umgesiedelt werden.

Zweitens: Die Bürgerinitiative will sich in den wenigen verbleibenden Monaten bis zu einer endgültigen Entscheidung zum Trassen-Verlauf deutlich mehr Gehör verschaffen und braucht dafür die intensive Unterstützung der Bevölkerung und eine klare Positionierung der Gemeindeverwaltung Großkarolinenfeld. Drittens: Die Bürgerinitiativen der betroffenen Regionen müssen zusammenarbeiten, weil ansonsten ein Ort dem anderen den „schwarzen Brenner-Peter“ zuschieben und die Region gespalten würde.

Viertens: Für die Brenner-Petition an den Deutschen Bundestag werden 50 000 Unterschriften gebraucht, damit ein Vertreter der Re-gion ein 20-minütiges Rederecht im Deutschen Bundestag erhält. Deshalb ist es wichtig, sich schon jetzt auf der Homepage www.brennerdialog.de zu registrieren.

Fünftens: Die Bundesregierung sollte mit aktuellen Studien nachweisen, dass das zu erwartende Verkehrsaufkommen perspektivisch wirklich so enorm wachsen wird, dass der Neubau einer viergleisigen Strecke tatsächlich erforderlich ist und nicht auch der Ausbau der Bestandsstrecke ausreichen würde.

Für ihre Informationsveranstaltung hatte sich die BI-BD-Karo-U einen Experten ins Boot geholt: Willi Messing aus Ellmosen, habilitierter Mathematiker, in seiner Freizeit seit vielen Jahren Umweltaktivist, aber gleichzeitig bekennender Pro-Bahner und Pro-Regio-naler. Mit dem Protest gegen den Bau einer Autobahn von Regensburg zum Inntal-Dreieck (später die „B15 neu“) hatte sein Engagement begonnen. Heute ist er ein Verkehrsexperte, der die Entwicklungen verfolgt und die Erklärungen der Deutschen Bahn zum Bau des Brenner-Nordzulaufes genauestens studiert.

Messing erläuterte den Großkarolinenfeldern, die zum „Wirt von Dred“ gekommen waren, das Thema so verständlich, dass am Ende jeder wusste: Wenn 400 Züge am Tag mit einer Länge von 740 Metern und einer Geschwindigkeit von 230 Kilometern pro Stunde durch das Mangfalltal donnern, dann bedeutet das: alle 3,6 Minuten Lärm und Vibration.

Wenn alle 25 Kilometer Verknüpfungsstellen gebaut werden, die die alten und die neuen Gleise über Weichen miteinander verbinden, dann wird die Landschaft massiv zerstört, dann entstehen zusätzlich zu den Gleisen auf einer Strecke von jeweils mindestens einem Kilometer Trassen von etwa 30 Metern Breite. Und keiner weiß heute, ob sie ebenerdig, vertieft oder erhöht gebaut werden müssen.

„Tunnel muss man sich erstreiten“

Tunnelvarianten werden, wie Messing betont, nicht per se geplant. Nach bisherigen Plänen enden sie an der österreichischen Grenze. Und ganz egal ob gelb, oliv, blau oder violett: Riederbach ist in allen Plänen als potenzielle Verknüpfungsstelle benannt. Dazu kommen Aubenhausen und Großkarolinenfeld.

Im schlimmsten Fall würde eine viergleisige Strecke den Ort Großkaro noch mehr zerteilen als es heute schon die Bestandsstrecke tut. Viele Wohnhäuser müssten dem weichen.

Jetzt erst, so erläuterte Messing, säßen die Ingenieure der Deutschen Bahn über den vertiefenden Planungen, um zu entscheiden, wo die Trassen unter oder über bestehenden Autobahnen oder Gleisen gebaut werden müssten. Jetzt erst schaue man genauer hin, ob und wo sie Häuser zerteilen, Grundstücke oder Felder verwüsten, Umsiedlungen erforderlich machten.

„Wir können aus keiner dieser Varianten das sprichwörtlich Beste für unsere Region machen. Diese Trasse darf einfach nicht kommen. Das ist unser Ende“, rief eine Zuhörerin in den Raum. Ein anderer Gast ergänzte: „Wir dürfen uns gar nicht erst darauf einlassen, über Varianten zu diskutieren, weil wir uns dadurch nur von Ort zu Ort die Probleme zuschieben und uns gegenseitig schwächen. Wir müssen klar sagen, dass wir dieses Projekt nicht wollen.“

Einflussnahme nur über die Politik

Doch welche Chancen auf Einflussnahme haben die Menschen der Region überhaupt, darüber mitzubestimmen, wofür ihre Heimat „benutzt“ wird? Willi Messing hatte eine klare Antwort: „Das geht nur über die Bundespolitik. Und dafür müssen wir ein Signal setzen. Dafür müssen sich die Bürgerinitiativen zusammenschließen, unisono und kraftvoll durch klare Fragen begründete Zweifel anmelden: Ist der Bedarf tatsächlich da? Gibt es aktuelle Studien, die das beweisen? Wa-rum werden die freien Kapazitäten – etwa 50 Güterzüge pro Tag – der Bestandsstrecke nicht schon jetzt ausgeschöpft? Wozu braucht es eine Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h? Würden bei einem Verzicht auf diese Geschwindigkeit nicht auch ganz andere, für die Natur und die Menschen in der Region weitaus verträglichere Lösungen entstehen?“

Gegen 23 Uhr gingen die Besucher voller neuer Eindrücke und gedankenversunken in sternklarer Nacht nach Hause. Über dem Parkplatz Stille. Und als sie auf ihre Fahrräder stiegen, wussten sie: Wenn der Brenner-Nordzulauf kommt, dann donnern in Zukunft – nur 50 Meter entfernt – alle 3,6 Minuten Züge in Höchstgeschwindigkeit durchs Land.

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