DER LEIDENSWEG DES XAVER ENGL

Mittenkirchener kämpft mit Folgen einer Kinderlähmung und klagt gegen seine Krankenkasse

So kennen die Bruckmühler den Mittenkirchener Xaver Engl. Auf seinem Elektroscooter kommt er ans Ziel, doch das Laufen mit dem Gehstock fällt ihm schwer.
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So kennen die Bruckmühler den Mittenkirchener Xaver Engl. Auf seinem Elektroscooter kommt er ans Ziel, doch das Laufen mit dem Gehstock fällt ihm schwer.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Es gibt nur noch wenige Menschen, die an einer Kinderlähmung erkrankten und heute an den Spätfolgen leiden. Der Mittenkirchener Xaver Engl gehört dazu. Wie sehr diese Krankheit sein Leben einschränkt und wie wenig Unterstützung er von seiner Krankenkasse bekommt, erzählt der 71-Jährige mit der Geschichte über seinen Leidensweg.

Bruckmühl – Xaver Engl ist in Bruckmühl bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“. Er gehört zu den Urgesteinen von Faschingsgilde und Trachtenverein, kümmert sich als Kirchenpfleger ums Mittenkirchener Gotteshaus und ist auf seinem Elektroscooter mit wehenden Fahnen unterwegs. Dass er seit 66 Jahren einen schweren Leidensweg beschreitet, wissen vermutlich die Wenigsten. Doch Xaver Engl kämpft gegen seine Krankheit. Mit eiserner Willensstärke und inzwischen auch mit Anwälten.

Schutzimpfung gab es 1954 noch nicht

„Ich gehöre zur aussterbenen Zunft der Poliopatienten“, beginnt der 71-Jährige seine Geschichte. Der Mittenkirchener ist fünf Jahre alt, als er krank wird. Eine Grippe, denken die Eltern. Doch dann treten Lähmungen auf. Der Junge kann nicht mehr laufen. Die grausame Diagnose: Kinderlähmung – eine Krankheit, die durch Polioviren verursacht wird. Seit 1962 gibt es gegen die Poliomyelitis in Deutschland eine Schluckimpfung. Zu spät für Xaver Engl.

Sauerstoffmaske und Stützkorsett gehören zum Leben des 71-Jährigen.

Für ihn beginnt 1954 eine elfjährige Odyssee. Monatelange Krankenhausaufenthalte. Tagelanges Atemtraining in der Eisernen Lunge. „Am schlimmsten waren die Spritzen vorher und danach“, erinnert er sich. Seine Muskulatur ist so geschwächt, dass ihn die Ärzte wahrlich „aufpeppeln“ müssen. Sein erstes Schuljahr verbringt er im Kinderkrankenhaus.

Ein Leben im Stützkorsett

Schließlich kann er wieder ohne Orthesen gehen. „Doch ich hatte immer offene Knie, weil ich so viel hingefallen bin“, erzählt der 71-Jährige. Von Jahr zu Jahr verbessert sich sein Zustand. Er wird kräftiger. Ein Stürzkorsett gibt seinem Körper Stabilität. „Zum Glück wurde ich nie gehänselt“, ist er dankbar.

Man sieht ihm seine Behinderung nicht an. Mit 16 Jahren läuft er ganz normal, nur nicht so schnell wie die anderen. Er macht eine Lehre zum Buchbinder, arbeitet viele Jahre in der Druckerei des Klosters Gars. „Dann habe ich meine Katharina geheiratet und mit ihr drei tolle Söhne großgezogen“, erzählt er.

Sein Stürzkorsett trägt er immer, legt es erst am Abend ab. Engl engagiert sich in Vereinen, marschiert bei der Faschingsgarde mit, lebt ein ganz normales Leben. Bis er 50 Jahre alt ist.

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Er wird immer schwächer, fühlt sich abgeschlagen und erschöpft. Die Diagnose ist bitter: Postpolio-Syndrom – eine Folge der Poliomyelitis-Erkrankung. „Bei manchen Menschen, die eine Kinderlähmung hatten, tritt diese Erkrankung mehrere Jahrzehnte nach der Infektion auf“, erklärt Engl. Er gehört dazu.

Er ist nicht mehr belastbar, wird mit 51 Jahren berentet. Die Muskelschwäche schreitet fort. Kraft und Ausdauer gehen zur Neige. Die Gelenke versteifen sich. Die Muskeln schmerzen und krampfen. Das Atmen fällt immer schwerer. „Ich habe eigentlich immer Schmerzen“, beschreibt Engl sein Leben. Doch er beißt sich durch: Geht zur Ergotherapie, damit die Finger weniger verkrampfen. Findet einen Physiotherapeuten, der sich mit der Behandlung von Poliopatienten auskennt. Nutzt eine Schlinge, um sein Hemd zuzuknöpfen, und eine Anziehhilfe für seine Socken.

Sauerstoffgerät hilft beim Atmen

Schlafen kann er nur noch mit einem Beatmungsgerät, das ihn über eine Mund-Nasen-Maske mit Sauerstoff versorgt. Ein Pulsoximeter kontrolliert seine Atmung. Seine Söhne bauen ihm die Wohnung behindertengerecht um, passen Couch und Stühle so an, dass der Vater allein aufstehen kann.

Mit der Corona-Pandemie gehen auch die Möglichkeiten für Xaver Engl zur Neige, aktiv etwas gegen seine Schmerzen zu tun. Wassergymnastik ist nicht mehr erlaubt. Die Fitnessstudios sind geschlossen. Leichte Übungen könnten den Muskelschwund wenigstens eindämmen. Aufzuhalten ist er nicht. Engl weiß, dass er über kurz oder lang auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird.

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Zu allem Übel muss er auch mit seiner Krankenkasse um jedes Hilfsmittel streiten. Ein Pflegebett wird ihm verwehrt, obwohl er Hilfe zum Aufstehen braucht. Also lässt er sein Bett auf eigenen Kosten umbauen. Will er aufstehen, zieht er sich am selbst gebauten Bettgalgen hoch. Einen Leichtrollator bekommt er nicht, obwohl er das Gehen mit dem Gehstock kaum mehr schafft. „Ich bin so unsicher auf den Beinen, dass ich immer auf den Boden schaue, um nicht zu fallen“, sagt er.

Reha seit Wochen nicht genehmigt

Die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Kassen erkennen ihm nur den Pflegegrad I an, obwohl er weitaus mehr Hilfe braucht. „Ich kann mich nicht mehr richtig bewegen, nicht einmal mehr Brot schneiden“, beschreibt er. Also klagt er sein Recht ein. Zusätzlicher seelischer Stress.

Im Poliozentrum Wiesenbad erfährt er, dass ihm jährlich eine Reha zusteht. Seit fünf Jahren weiß er, dass sie ihm guttut. „Danach bin ich für zwei Monate schmerzfrei“, beschreibt er. Doch auch hier lässt ihn die Krankenkasse hängen. „Ich habe acht Wochen auf eine Antwort auf meinen Reha-Antrag gewartet. Jetzt kam die Ablehnung“, ist er enttäuscht. Dabei will er seinen Leidensweg einfach nur unterbrechen, wenigstens für ein paar Wochen.

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