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Festgenagelt in der Isolation

Menschen mit Behinderung leiden unter der Corona-Krise ganz besonders

In der Videokonferenz am Morgen kann Georg mit seinen Freunden aus der Abschlussklasse der Makarius-Wiedemann-Schule der Stiftung Attl ein wenig ratschen. Seine Schwester Anna hilft ihm dabei. Für Menschen mit Assistenzbedarf ist es besonders schwer, die coronabedingte veränderte Tagesstruktur und Isolation zu ertragen.
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In der Videokonferenz am Morgen kann Georg mit seinen Freunden aus der Abschlussklasse der Makarius-Wiedemann-Schule der Stiftung Attl ein wenig ratschen. Seine Schwester Anna hilft ihm dabei. Für Menschen mit Assistenzbedarf ist es besonders schwer, die coronabedingte veränderte Tagesstruktur und Isolation zu ertragen.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Kontaktbeschränkungen und sich ständig ändernde Regeln während der Corona-Pandemie gehen allen an die Nieren. Zum Glück gibt es kleine Hintertüren, durch die man dem Stress für Momente entweichen kann. Menschen mit Behinderungen aber können das nicht. Wie also bewältigen sie die Corona-Krise?

Bad Aibling – Wer sieht eigentlich noch durch? Alle zwei Tage gibt es neue Corona-Regeln. Wer darf öffnen und wer nicht? Wo darf ich mit Maske rein, wo nur mit einem frischen Corona-Test? Wie ist die Inzidenz in meiner Region? Wann ist Präsenzunterricht erlaubt, wann geht‘s ins Homeschooling?

Die Corona-Pandemie zehrt an den Nerven aller. Doch für Menschen mit Handicap ist es ganz besonders schwer, sich in diesem Wirrwarr zurechtzufinden, „Dort wo die Wahrnehmung eingeschränkt ist, sind feste Strukturen besonders wichtig“, erklärt Karin Erhardt, die Leiterin der Makarius-Wiedemann-Schule.

Allein in Attl sind 700 Menschen betroffen

Mehr als 700 Menschen mit geistigen, körperlichen oder mehrfachen Behinderungen werden in der Stiftung Attl betreut. Sie leben im Wohnheim für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, gehen hier zur Schule und in die heilpädagogische Förderstätte, arbeiten in der Werkstatt oder erhalten ambulante Hilfen.

„Unsere Gesellschaft hat es noch immer nicht geschafft, Menschen mit Assistenzbedarf eine uneingeschränkte Teilhabe am Leben zu ermöglichen“, kritisiert Michael Wagner, Sprecher der Stiftung Attl, die Barrieren im alltäglichen Leben. „Doch mit der Corona-Pandemie sind diese Hürden noch viel höher geworden.“

Aktuelle Artikel und Nachrichten finden Sie in unserem Dossier zur Corona-Pandemie

Die Kontaktbeschränklungen haben Menschen mit Behinderung in eine soziale Isolation zurückgeworfen, die es so schon seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Begegnungen sind erheblich eingeschränkt. Und so ist Inklusion unter Corona-Bedingungen nicht möglich. Allein in der Stiftung Attl fallen 40 Veranstaltungen pro Jahr aus, zu denen etwa 30.000 Besucher kamen: Feste, Konzerte, sportliche Events.

Tagesstruktur ganz wichtig

Mit viel Kreativität wurde der normale Alltag nach dem ersten Lockdown schrittweise wieder angekurbelt: mit dem Training von AHA-Regeln und Maske-Tragen oder der Anpassung von Arbeits- und Lerngruppen an häusliche Verbünde. Damit die Menschen wieder eine Tagesstruktur erhalten.

Damit Kinder in den Wohnheimen nicht unter dem Kontaktverbot leiden. Damit Krisensituationen vermieden werden können. „Unsere Heilerziehungspfleger haben oft auch die Rolle von Mutter und Vater übernommen, weil im ersten Lockdown keine Besuche oder Wochenendaufenthalte in den Familien erlaubt waren“, beschreibt Karin Erhardt die verordnete Einsamkeit.

Eigenes Testzentrum am Netz

Inzwischen hat Attl ein eigenes Testzentrum. „Zudem haben wir bereits eine sehr hohe Impfquote erreicht, sind etwa 90 Prozent der Bewohner und 80 Prozent der der Werkstattbeschäftigten geimpft“, informiert Wagner. Mit eigens produziertem Hausfernsehen wird die Distanz innerhalb des Einrichtungsverbundes überbrückt. Auf Rundwegen finden wieder erste Feste „to go“ und ohne Gegenverkehr statt. Und auch die Schüler sehen sich im Distanzunterricht wenigstens einmal am Tag in einer Videokonferenz.

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„Guten Morgen Verena“, ruft Georg seinem Handy entgegen. Mit den Händen formt er ein großes Herz und fasst sich ans Ohr. So sieht der Guten-Morgen-Gruß in Gebärdensprache aus. Der 18-Jährige gehört zur Abschlussklasse der Berufsschule. Seine Gruppe war zwei Wochen in Quarantäne, das morgendliche Ratschen ihr einziger Kontakt.

Wie man das Warten ertragen kann

Doch ab heute darf er wieder nach Attl, beginnt sein Praktikum in der Hauswirtschaft. Georg hat Glück. Er lebt auf einem Bauernhof, hat vier Geschwister und ist so nie allein. Trotzdem sehnt er sich nach seinen Klassenkameraden. Er kann sich nicht einfach mal schnell durch die Hintertür verdrücken, aufs Moped steigen und sich mit seinen Kumpels heimlich am See auf eine Halbe treffen.

Wie andere Jugendliche mit Handicap auch ist Georg darauf angewiesen, dass die Kontaktbeschränkungen gelockert werden, damit er daheim nicht mehr „festgenagelt“ ist und aus der familiären „Isolation“ wieder ins bunte Leben eines Jugendlichen zurückkehren kann. „Ausflüge nach Rosenheim machen. Ins Museum gehen. Ein Eis essen.“

Das ist es, was sich der 18-Jährige wünscht. So lange das nicht möglich ist, schreibt er Briefe, um sich mitzuteilen und erträgt das Warten geduldig. Was ihn tröstet, ist die Vorfreude: auf Tischtennis- und Kicker-Turniere, Konzerte, das Zirkusprojekt an seiner Schule und auf einen Besuch im Lokschuppen.

Europäischer Protesttag für Inklusion

Der 5. Mai ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. An diesem Tag finden in normalen Zeiten deutschlandweit Aktionen statt, um Menschen mit Handicap eine Stimme zu geben, auf ihre Situation aufmerksam zu machen und ihre Forderungen nach mehr Rechten und uneingeschränkter Teilhabe zu unterstützen.

Doch in diesem Jahr kann auf dem Max-Joseph-Platz weder ein roter Teppich ausgerollt werden, noch sind Begegnungen bei Kaffee und Kuchen, Podiumsdiskussionen oder Demonstrationen möglich.

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Trotzdem wollen die Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen des Landkreises und der Stadt Rosenheim ihnen eine Stimme verleihen. Deshalb heißt ihr Motto in diesem Jahr: „Gib deine Stimme für Inklusion und ruf an!“

Telefon-Hotline am 5. Mai

Am Mittwoch, 5. Mai, bieten Irene Oberst und Christiane Grotz, die beiden Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen des Landkreises Rosenheim sowie Christine Mayer, die Beauftragte der Stadt Rosenheim, und Hans Loy vom Arbeitskreis Inklusion eine Telefon-Hotline an.

Unter der Nummer 0 80 31/3 92 22 32 sind sie an diesem Tag von 14 bis 18 Uhr zu erreichen, außerdem jederzeit per E-Mail an behindertenbeauftragte@rosenheim.de.

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Anrufen können alle, die sich für die Belange von Menschen mit Behinderungen einsetzen möchten oder selbst betroffen sind: Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Handicap, ihre Eltern oder Geschwister, ihre Therapeuten, Lehrer, Betreuer, Freunde und Bekannten.

Die Hotline ist zum einen als Sorgentelefon gedacht, über das Betroffene ihren Sorgen und Nöten Luft machen und sie an der richtigen Stelle anbringen können. Andererseits sind auch Ideen und Anregungen gefragt, um die Situation von Menschen mit Assistenzbedarf in Stadt und Landkreis zu verbessern.

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