AKTUELLES INTERVIEW MIT BARBARA DISTEL ANLÄSSLICH DER HEUTIGEN STRASSENBENENNUNG NACH MAX MANNHEIMER

Ein Mahner gegen das Vergessen

Barbara Distel und Max Mannheimer bei einer Preisverleihung Schulter an Schulter. Bei ihrem gemeinsamen Einsatz gegen das Vergessen entstand eine enge Freundschaft. Gegenüber unserer Zeitung sprach die ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte in Dachau über die heutige Straßenbenennung nach Mannheimer und sein Leben.
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Barbara Distel und Max Mannheimer bei einer Preisverleihung Schulter an Schulter. Bei ihrem gemeinsamen Einsatz gegen das Vergessen entstand eine enge Freundschaft. Gegenüber unserer Zeitung sprach die ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte in Dachau über die heutige Straßenbenennung nach Mannheimer und sein Leben.

Max Mannheimer kämpfte sein Leben lang gegen das Vergessen. Er führte die Grausamkeiten der NS-Diktatur und des Holocausts auf unvergleichliche Art und Weise den Menschen vor Augen. Ihm wird heute im Rahmen einer Feierstunde eine Straße im Schulzentrum gewidmet. Barbara Distel sprach mit unserer Zeitung über ihren engen Freund und Weggefährten.

Bad Aibling– Barbara Distel, langjährige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, hat mit Max Mannheimer über viele Jahre hinweg eng zusammengearbeitet.

Frau Distel, Sie haben eine ganz besondere Verbindung zu Max Mannheimer. Was waren Ihre gemeinsamen Ziele?

Während unserer Zusammenarbeit ist Max Mannheimer ein enger Freund geworden. 1985 erschienen in der ersten Ausgabe der ,Dachauer Hefte‘, ein Jahrbuch zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, die Erinnerungen von Max, die er in den 60er-Jahren niedergeschrieben hatte. Dies war der Beginn seiner Karriere als Zeitzeuge. Ziel der Publikation war es, der Stimme der überlebenden Opfer Gehör zu verschaffen. Dies war auch ein gemeinsames Ziel mit Max Mannheimer.

Sie sind beide „Botschafter des Nicht-Vergessens“. Ist das in der heutigen Zeit beziehungsweise angesichts von Diskussionen mit rassistischem Hintergrund nicht wichtiger denn je?

Im Laufe der Jahre hat Max Mannheimer immer stärker in der Öffentlichkeit gewirkt und er hat mit großer Sensibilität auf Antisemitismus, Rassismus, Fremdenhass reagiert und, so weit er dazu Gelegenheit hatte, seine Stimme erhoben.

Tausende von Schülern kannten Mannheimer von seinen Vorträgen. Mich eingeschlossen. Und noch heute kann ich sagen, dass keine Veranstaltung prägender war. Was war das Besondere in der Art, wie er seine Anliegen vermittelt hat?

Es hätte ihn gefreut zu erfahren, dass Sie ihn auch als Schülerin erlebt haben und von ihm beeindruckt waren. Ich denke, dass seine Aufgeschlossenheit und Offenheit allen Menschen – aber vor allem Jugendlichen gegenüber –es seinen Gesprächspartnern immer leicht gemacht hat ihn gerne zu haben und ihm zuzuhören. Dazu kamen sein Humor und seine Selbstironie. Er hat seine Geschichte erzählt, sich aber nie als Opfer stilisiert.

Durch seinen Tod ist nicht nur ein Zeitzeuge gestorben. Wie kann sein Erbe, die Erinnerungsarbeit, fortbestehen?

Die Überlebenden sterben, und bald wird der Dialog mit ihnen nicht mehr möglich sein. Sie haben aber ihr Erbe in Form von Erinnerungsberichten, Tonbandaufzeichnungen und Filmaufnahmen hinterlassen in der Hoffnung, dass auch nach ihrem Tod ihre Geschichte nicht vergessen wird. Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob es auch unter den nachfolgenden Generationen genug Menschen geben wird, die es für wichtig halten, diese Aufklärungsarbeit fortzuführen.

Und inwieweit kann dies die Gesellschaft für die Zukunft rüsten?

Max Mannheimer war überzeugt, dass er Aufklärungsarbeit leisten muss, als einen Beitrag, künftig ähnliche Entwicklungen zu verhindern. Inwieweit das gelingen kann, weiß man nicht. Die Hoffnung richtet sich auf die jungen Menschen, die die Zukunft mitbestimmen und gestalten.

Mit der Straßenbenennung am Schulzentrum ist ein geeigneter Ort gefunden. Es gab Diskussionen in den politischen Gremien darüber. Wobei nicht das ob, sondern das wo in Frage stand. Wie stehen Sie zu derlei Würdigungen?

Eine Straßenbenennung wird sicherlich nicht viel bewirken. Aber sie ist ein öffentliches Zeichen der Würdigung von Maxs Bemühungen und es besteht die Hoffnung, dass die Wahl im Umfeld des Schulzentrums vielleicht eine Anregung sein kann, die Anliegen von Max Mannheimer dort auch im Unterricht zu thematisieren.

Haben Sie den Wirbel um die Namensvergabe mitbekommen? Wie beurteilen Sie die Diskussion?

Die Argumente in der Auseinandersetzung um die Namensbenennung in der Lokalpolitik glichen vielen ähnlichen Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahrzehnten (langjährige Ablehnung einer internationalen Jugendbegegnungsstätte in Dachau, Widerstand gegen die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer des Dachauer Todesmarsches im April 1945). Letzten Endes ist es jedoch am wichtigsten, dass es nun eine Max-Mannheimer-Straße in Bad Aibling gibt.

Welche Worte sollten jedem präsent sein, wenn er an Max Mannheimer denkt?

Mannheimer hat so viele Menschen bewegt, wie kaum ein anderer seiner Leidensgenossen. Es bleibt zu hoffen, dass viele von ihnen seine Anliegen weitertragen. Sein Ziel war, junge Menschen für die Demokratie zu stärken. Er wollte ihnen beibringen, dass sie nicht für die Vergangenheit verantwortlich sind, aber für die Zukunft.

Weggefährtin Barbara Distel

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