Lockdown: „Hoffentlich hilft’s wenigstens“

„Es hilft ja nichts“: Auch Hannes Rott schließt sein Bad Aiblinger Café samt Terrasse ab kommender Woche. Er hofft, dass die Maßnahmen unterm Strich wenigstens auch wirksam sind beim Stoppen der Infektionswelle. Lagler/re
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„Es hilft ja nichts“: Auch Hannes Rott schließt sein Bad Aiblinger Café samt Terrasse ab kommender Woche. Er hofft, dass die Maßnahmen unterm Strich wenigstens auch wirksam sind beim Stoppen der Infektionswelle. Lagler/re

Bad Aibling/Kolbermoor/Feldkirchen-Westerham/Bruckmühl

– Ab Sonntagabend ist wieder Schluss – zum zweiten Mal geht es für viele Branchen wieder in den Lockdown. Auch Hannes Rott vom Café Rott in Bad Aiblings Innenstadt wird die Türen zur Stube wieder schließen und die wegen des schlechten Wetter bereits gestapelten Stühle im Garten vorerst an Ort und Stelle lassen: „Es hilft ja nichts.“

Immerhin den Ladenverkauf kann er aufrecht erhalten – und in der Backstube gibt es für den Konditormeister auch während der vorerst für den Monat November anberaumten Schließung der Gastronomie genug zu tun, während das Personal wieder in die Kurzarbeit geschickt wird.

Schmankerl abjetzt wieder „to go“

„Augen zu und durch“, lautet sein Motto, wobei er von einem „gewissen Unverständnis“ bezüglich der Regelung spricht: „Die Gastronomie ist ja kein Hauptüberträger.“ Mit den Auflagen und Hygienevorschriften sei man seit der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown gut gefahren.

„Im März war es sehr schlimm. Irgendwie eine Schockstarre, wir wussten ja gar nichts. Jetzt wissen wir immerhin, wie das Spiel läuft und alles ist ein bisschen planbarer.“ Aber eine Prognose gebe es eben nicht. Momentan warte man noch auf Details bei den Vorgaben aus der Bayerischen Staatsregierung, stelle sich aber auf eine vierwöchige Schließung ein. Wobei Rott vor allem eines hofft: „Dass all die Maßnahmen unterm Strich auch wirklich wirken und damit nicht umsonst sind.“

Darauf setzt auch Evelin Caggiano, Pächterin des Tagescafés „Gleis 2“ im Kolbermoorer Bahnhof. Und sie erklärt: „Ich habe mir gedacht, dass so etwas kommt.“ Sie sperrt am Samstagabend die Türen ihres Tagescafés zu und bietet ab Montag Gerichte zum Mitnehmen an. „Für uns ist es furchtbar“, sagt sie – ihre drei Mitarbeiter schickt sie wieder in die Kurzarbeit. „Ob wir den zweiten Lockdown schaffen?“, fragt sie sich. „Ich weiß es nicht – den Schock muss ich erst mal verdauen.“

Bei Giacomo Anzenberger steht das Telefon nicht mehr still: „Viele Wirte rufen an und sind verzweifelt“, sagt der Vorsitzende des Kolbermoorer Gewerbeverbandes. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Als „bitter“ beschreibt Veranstalter Roland Fröhlich aus Feldkirchen-Westerham die Entscheidung. Aber: „Ich kann es verstehen“, sagt der Organisator des „Kulturherbstes“ in Feldkirchen-Westerham. Im November hätten vier Veranstaltungen auf dem Programm gestanden – unter anderem wären die Wellküren aufgetreten. Jetzt muss Fröhlich den Künstlern absagen – und auch den Bürgern, die bereits Tickets gekauft haben. Wann Ersatztermine möglich sind, stehe noch nicht fest, sagt er. Ob ein wirtschaftlicher Schaden entsteht? „Klar, ich bleibe auf vielen Kosten sitzen“, erklärt er, „beispielsweise auf den Werbekosten und den Ausgaben für den Druck der Tickets.“ Aber es helfe nichts. „Wir müssen jetzt alle zusammenhalten.“

Rainer Lechner, Inhaber des Ausflugslokals und des Hotels „Aschbacher Hof“ in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham, fand klare Worte: „Weit überzogen, irrsinnig, beinahe ein vorsätzlicher Frontalangriff auf die Gastronomie.“ Die finanziellen Folgen sind immens: „Wir hatten 5400 Gäste im November 2019 in unseren Lokalen“, so Lechner. „Auch die Hotel-Zimmer waren zur Hälfte ausgebucht, da kann sich jeder ausrechnen, was das finanziell bedeutet.“

Auf etwa eine Million Euro beziffert Renate Holland ihre bisherigen durch die Corona-Pandemie verursachten Verluste. Die Inhaberin von sieben Fitnessstudios – darunter eines in Bruckmühl und eines in Bad Aibling – hat 55 Mitarbeiter. In ihren Clubs trainieren mehr als 15 000 Menschen. Für den zweiten Lockdown hat sie kein Verständnis, denn: „Wir haben viel Geld in Luftreinigungsgeräte, Desinfektion, Hinweisschilder und andere Hygienemaßnahmen investiert. Die Sicherheitsabstände werden eingehalten. Unsere Mitarbeiter sind top geschult. In unseren Studios gab es nicht einen Corona-Fall. Und jetzt schließen sie alles? Ich kann das nicht mehr nachvollziehen.“ Beim ersten Lockdown gingen die Mitarbeiter in Kurzarbeit. „Dass die Mitglieder bereit waren, ihre Gebühren weiterzuzahlen, hat uns gerettet“, sagt die Unternehmerin. Doch die Einbußen verschieben sich, denn „für das ausgefallene Training gab es Gutscheine, die irgendwann eingelöst werden. Also schlagen die Verluste später auf.“ Holland kann nicht verstehen, dass Sport und Fitness gerade nicht als systemrelevant betrachtet werden. Dabei seien sie für die Gesundheit der Menschen von immenser Bedeutung.

Ist Fitness nichtsystemrelevant?

Holland: „Im Fitnessstudio tun sie etwas für ihre Gesundheit, stärken Herz und Kreislauf, ihr Immunsystem, den Bewegungsapparat.“ Der Fitnessbranche komme eine Schlüsselrolle bei der Senkung der Gesundheitsausgaben zu. Der geschätzte jährliche volkswirtschaftliche Nutzen liege bei circa 21 Milliarden Euro. „Nun werden die Menschen wieder zum Nichtstun verdammt“, kritisiert Holland. Sie hofft trotzdem auch diesmal auf die Unterstützung der Mitglieder, denn Mieten und Löhne müssen weiter gezahlt werden, und in die Kurzarbeit will sie ihre Mitarbeiter kurz vor Weihnachten nicht schon wieder schicken.

Geschlossen: Ab Montag steht Renate Holland wieder allein in ihrem Fitnessstudio in Bruckmühl.
Veranstalter Roland Fröhlich organisiert heuer den „Kulturherbst“ in Feldkirchen-Westerham.

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