Kolbermoor: So sehen echte Eselfreunde aus

Irmgard Pross-Kohlhofer mit Esel Amigo.
+
Irmgard Pross-Kohlhofer mit Esel Amigo.

Irmgard Pross-Kohlhofer aus Kolbermoor hat seit 2002 Esel in Schlarbhofen. Warum sie in die Tiere so vernarrt ist, was sie ihnen beibringt und wie sehr die Paten die Tiere lieben, lesen Sie hier.

Von Ines Weinzierl

Kolbermoor – Sie sind zum Knutschen! Die neun Esel, die in Schlarbhofen leben und vor Freude „schreien“, wenn Besitzerin Irmgard Pross-Kohlhofer mit ihrem Auto vorfährt. „Sie erkennen am Geräusch des Wagens, dass ich es bin“, sagt die Kolbermoorerin (48) und streicht Schecki (21) über die Mähne. Schecki ist übrigens mal zum drittschönsten Eselwallach Deutschlands gekürt worden. Der Esel geht wie ein Modell, obendrein hat er einen feinen Körperbau. Schecki ist einer der neun Esel von Pross-Kohlhofer, die zwischen sieben und 23 Jahre alt sind.

Übers Internet zur Esel-Leidenschaft

Pross-Kohlhofer, die Kämmerin der Stadt, hat seit 2002 Esel. „Damals habe ich im Internet ,Esel‘ eingegeben und stieß auf die ,Interessengemeinschaft der Esel- und Mulifreunde Deutschlands‘.“ Sie besuchte ein Eseltreffen – und schon war es um sie geschehen. Aber was macht die Faszination aus? „Sie sind sehr einfühlsam, nehmen Emotionen auf und wenn man traurig ist, sind sie da – zumindest, die die wollen“, sagt sie und lacht. Denn ein bisschen eigenwillig sind sie schon. Aber dafür sehr gelehrig: „Du dummer Esel trifft auf keinen Fall zu.“

Ferdinand geht ohne Strick an ihrer Seite

Das zeigt beispielsweise Ferdinand (7) beim Lauftraining. Auf einer Bahn geht Ferdinand, der ein Stockmaß von 147 Zentimeter hat und somit ihr größter Esel ist, dicht neben ihr her. Ganz ohne Strick und Halfter. Pross-Kohlhofer spricht mit ihm, hält über die Stimme Kontakt. Wenn sie einen Klick mit einem kleinen Gerät verlauten lässt, bleibt er stehen. Gut gemacht!

Obendrein übt Pross-Kohlhofer mit den Tieren auch über kleine Hindernisse zu gehen und sich auf ein Podest zu stellen. Das klappt schon ganz von alleine: Stellt sie die flache Holzkiste auf das Gelände, gehen die Esel hin und stellen die Vorderhufe darauf. Schau mal, was ich kann! Amigo (7) und Kasper (16) machen es vor.

Wandertouren mit den Langohren

Des Weiteren übt sie mit ihnen über Gullideckel zu gehen – das mögen Esel eigentlich nicht. Aber Schritt für Schritt schaffen sie es mit Pross-Kohlhofer. Denn sie unternimmt mit den Eseln auch Wandertouren – und daran können Interessierte auch teilnehmen und einen Esel führen. Interessierte können die Esel auch buchen oder Gutscheine verschenken. So ist beispielsweise Kasper (16) am Palmsonntag in Ottobrunn. „Das macht er prima“, sagt Pross-Kolhofer, die bei solchen Terminen immer an der Seite ihrer Esel ist.

Tieren soll es gut gehen

Das ist ihr wichtig. Denn sie ist verantwortlich für die Esel – „ihnen soll es gut gehen“. Und damit das so ist, stehen sie nicht im fetten Gras: „Esel sind Wüstentiere. Würden sie den ganzen Tag das saftige Gras fressen, zöge das schwere Krankheiten nach sich.“ Und deshalb sind ihre Esel höchstens zwei Stunden am Tag auf der Weide. Die andere Zeit über tummeln sie sich auf einer Sandfläche oder im Stall – wie sie mögen.

Schrecklicher Unfall

Auf dem Gelände liegt auch ein Ball. Ferdinand schießt ihn weg. Könnte der Esel sprechen, würde er sagen „Komm, spiel mit mir“, sagt sie. Dort lag auch mal ein großer Traktor-Reifen – der ist mittlerweile entsorgt. Esel Pedro hatte sich im Frühjahr darin verfangen. Und trotz der unermüdlichen Hilfe Pross-Kohlhofers, der Kolbermoorer Feuerwehr und des Verpächters Werner Stieb ist Pedro an den Folgen des Unfalls gestorben.

Nachdem man den Esel befreit hatte, warteten alle geduldig, bis Pedro sich aufgerappelt hatte und transportfähig war. Die Feuerwehr baute noch eine Trage – und Pedro wurde in die Pferdeklinik gebracht. Doch es hatte sich einfach zuviel Wasser in seiner Lunge gesammelt. Dieser tragische Unfall lässt Pross-Kohlhofer bis heute nicht los. Und als Andenken hängt gleich am Stall zur Seite der Sandfläche hin das Schild „Pedros Platzerl“. Da hat Pedro immer gestanden. Ihr Verpächter Werner Stieb hat sie damals informiert. Er hat gesehen, dass sich der Esel in dem Reifen verfangen hat und sofort geholfen.

Langohren leben artgerecht

Das jetzige Esel-Zuhause sei perfekt. „Hier können die Langohren artgerecht leben.“ Es gibt in der Tenne auch einen Platz, wo alle Halfter hängen. Alle sind mit Namen versehen – Pedros Halfter hängt auch noch dort.

Sie ist mit ihrer Esel-Liebe nicht alleine. Ihre Esel haben Paten. Sie besuchen die Tiere, kuscheln mit ihnen, striegeln sie und manchmal gibt es auch Leckerlies. Im Juli 2006 gründete sie die „Eselfreunde Kolbermoor“ – ein Zusammenschluss von Eselpaten und Eselfreunden.

Tiere bauen Bindung auf

„Die Tiere bauen eine enge Bindung zu den Paten auf.“ Kasper (16) hatte welche, die nach Amerika ausgewandert sind. „Als sie sich verabschiedet haben, war es sehr traurig.“ Auch Kasper spürte das. Als die Paten nach Jahren zu Besuch kamen, hat Kasper sie wiedererkannt, erinnert sie sich. Esel haben ein Gedächtnis wie ein Elefant.

Tina Zenthöfer und ihre Tochter Laura (10) aus Zorneding (Landkreis Ebersberg) sind seit Pfingsten Paten von Benny (20). „Wir sind begeistert“, sagt Tina Zenthöfer. „Wenn ich den Kindern sage, wir fahren in die Berge, haben sie keine Lust. Sage ich, es geht zu den Eseln, sind sie sofort dabei.“ Nach dem Striegeln und Kuscheln gibt‘s für alle Esel noch klein geschnittene Äpfel und gelbe Rüben.

Geritten werden die Tiere nicht

Geritten werden die Esel nicht. Pross-Kohlhofer erklärt, dass sie höchstens 20 Prozent ihres Eigengewichtes tragen sollten: Hausesel wieden im Schnitt zwischen 200 und 250 Kilo. Somit sollten sie höchstens zwischen 40 und 50 Kilo tragen. Und deshalb setzt sie auf geführte Ausflüge.

Ansprechpartnerin für Noteselhilfe

Pross-Kohlhofer ist bayerische Ansprechpartnerin des Vereins „Noteselhilfe“. Sie war zehn Jahre Referentin für die Ausbildung zur „Tiergestützten Pädagogik / Therapie / soziale Arbeit am Bauernhof“ des Österreichischen Kuratoriums für Landtechnik und Landentwicklung. Seit 2010 gibt sie auch Grundlagen-Kurse zur Haltung. Interessierte kommen aus der ganzen Republik, sogar aus Österreich und der Schweiz.

Benny lebte einst in Schafherde

Sie informiert darin über die Anatomie, Krankheiten, Stallungen und Ernährung. Obendrein über das Sozialverhalten der Tiere. Denn wichtig ist, dass Esel Artgenossen an ihrer Seite haben. Benny (20) lebte bevor er 2002 als erster Esel zu Pross-Kohlhofer kam, in einer Schafherde. „Das war nicht angenehm für ihn, da keine anderen Esel dort waren. Aufgrund dessen fing er an die Schafe hochzuheben und zu schütteln.“ Seit 18 Jahren ist er nun in Schlarbhofen. Und genießt es in Harmonie mit seinen Eselfreunden – ob Zwei- oder Vierbeiner.

Verein Noteselhilfe

Die Initiative hat sich 2006 gegründet. Ziel ist es, Esel und Mulis in Not zu helfen und in ein gutes, neues Zuhause zu vermitteln, erklärt Irmgard Pross-Kohlhofer. Sie ist für das Bundesland Bayern unter anderem die Ansprechpartnerin. Obendrein berät der Verein Tierschutzvereine und Privatpersonen über artgerechte Haltung von Eseln. Was der Verein nicht tut: In Not geratene Tiere kauft der Verein nicht frei – aus Gründen des Tierwohls. „Jedes auf diese Weise verkaufte Tier führt dazu, dass unseriöse Händler dieser armen Esel unterstützt werden. Das führt dazu, dass sich solche Menschen neue Esel besorgen und dass mit kranken Eseln gezüchtet und neues Elend erzeugt wird.“

Weitere Informationen im Internet unter www.noteselhilfe.org.

Patenschaften möglich

Irmgard Pross-Kohlhofer bietet für ihre Esel auch Patenschaften an. Bei der aktiven Patenschaft, die mindestens sechs Monate sein soll, haben die Paten auch die Möglichkeit, nach Vereinbarung mit der Besitzerin und dem Esel zu wandern. Infos und weitere Angebote unter www.eselfreunde-kolbermoor.de sowie bei Pross-Kohlhofer unter 01 60/8 26 69 09.

Kasper war schon in Ottobrunn beim Palmsonntags-Zug dabei.
Ferdinand folgt – ohne Halfter und Strick.
Nur mal ganz kurz hinlegen: Benny macht Pause und ruht sich aus.
Mmh, das schmeckt! Laura Zenthöfer (10) füttert Schecki. Sie und ihre Familie sind Esel-Paten.
Ganz ohne Aufforderung stellt sich Amigo (hinten) auf die Kiste – Tschortschi überlegt noch.

Kommentare