Kirchdorfer beschreiten den bayerischen Kreuzweg

Maria Grabichler (links) und Johanna Hell tragen den in bayerischer Mundart verfassten Kreuzweg am Vorabend der Kreuzerhöhung vor.
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Maria Grabichler (links) und Johanna Hell tragen den in bayerischer Mundart verfassten Kreuzweg am Vorabend der Kreuzerhöhung vor.

Es hatte einen ganz besonderen Grund, dass die Pfarrgemeinde St. Vigilius Kirchdorf den „Menzinger Kreuzweg“ beschritt: Die Kreuzerhöhung am 14. September ist ein 1685 Jahre altes und fast vergessenes Fest. Zudem feiert ihre Kirche heuer ihr 550. Gründungsjubiläum.

Von Kathrin Gerlach

Bruckmühl – Am 13. September 320 – also vor 1700 Jahren – soll Kaiserin Helena in Jerusalem das Kreuz Jesu gefunden haben. Ihr Sohn Konstantin ließ daraufhin an dieser Stelle eine Kirche errichten. 15 Jahre später – am 14. September 335, am Tag nach der Kirchenweihe – soll das wahre Kreuz auf eine Anhöhe getragen und gezeigt (erhöht) worden sein. „Seitdem wird am 14. September das Fest der Kreuzerhöhung begangen, das eine noch viel längere Tradition als das Weihnachtsfest hat“, erklärt Johanna Hell.

Kirche ist der Mittelpunkt des Ortes

Sie gehört zu den Kirchdorfer Gemeindegliedern, die im coronabeschränkten Kirchenjahr gemeinsam mit der Katholischen Landvolkbewegung nach Möglichkeiten suchen, die Kirche wieder „zum Mittelpunkt des Dorfes zu machen“. Architektonisch ist sie das ohnehin, denn das gotische Bauwerk weist schon aus der Ferne auf die 900-Seelen-Pfarrei hin, die als Urgemeinde von Bruckmühl gilt. St. Vigilius soll vor allem ein Ort der Gemeinschaft sein. Und so war der Sonntag nicht nur der Tag, an dem die Kirchdorfer einen coronabedingten kleinen Vereinsjahrtag feierten, sondern zugleich Gelegenheit zum Innenhalten.

Dafür hatten sie nicht nur ihren Kreuzpartikel im Altarraum aufgestellt, der ein Stück des wahren Kreuzes Jesus im Herzen trägt und sonst nur zum Wettersegen verwendet wird. Sie hatten sich für diesen Abend auch den „Menzinger Kreuzweg“ auserkoren – ein in altbayerischer Mundart eigens für die bayerische Seele gedichteter Text. „Als ich ihn das erste Mal las, hatte ich Gänsehaut“, erinnert sich Maria Grabichler. Drei Jahre ist das jetzt her. Zweimal hat sie ihn bisher vorgetragen.

Leidensweg eindrucksvoll geschildert

An diesem Abend schlüpft sie ein drittes Mal in die Rolle des Menschen, der den Leidensweg Christi mit beschreitet. Und wieder ist sie berührt. Im vertrauten Dialekt schildert der „Menzinger Kreuzweg“ die 14 Stationen. Mit eindrucksvollen Gedanken und Gefühlen wird die Verbindung ins Heute geknüpft. Eindringlich und unmissverständlich.

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Maria Grabichler und Johanna Hell tragen die Texte vor: ehrfürchtig, einfühlsam und nachdenklich. Kirchenmusiker Karl H. Vater begleitet an der Orgel. „Ich lasse mich von den Texten inspirieren, spiele aus dem Gefühl heraus“, kündigt er an. Ennio Morricone hätte keine bessere Dramatik erzeugen können: „Er hat die Orgel wieder brausen lassen“, sagt Johanna Hell später bewundernd, denn wer nicht schon vom Text eine Gänsehaut hatte, bekam sie spätestens von Vaters Orgelmusik.

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Auch wenn an diesem Abend höchstens 20 und nicht wie am Morgen 95 Menschen andächtig in den Kirchenbänken saßen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“, zitiert Johanna Hell Matthäus 18.20 und strahlt: „Wichtig ist uns, immer wieder auf unsere Kirche aufmerksam zu machen und die Menschen einzuladen.“

Pfarrgemeinde plant Kirchensanierung

Denn die Kirchdorfer haben ein großes Projekt vor Augen: „Wir möchten den Innenraum unserer Kirche komplett sanieren“, erklärt Regina Grabichler, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Das ist dringend notwendig, denn die Wandmalereien wurden 1927 ein letztes Mal aufgefrischt. Auch einige Risse ziehen sich schon durch die Kreuzgewölbe.

Mindestens zwei Millionen Euro wird die Sanierung kosten. Zehn Prozent davon muss der Pfarrverband Heufeld-Weihenlinden aufbringen, zu dem auch Kirchdorf gehört. „Im Frühjahr ist unser Anliegen wieder im Vergabeausschuss des Bistums München und Freising“, blickt Regina Grabichler hoffnungsvoll auf einen positiven Bescheid.

Der Dichter

Der katholische Pfarrer Matthias Pöschl (1924-2007) war unter anderem in Landshut, Prien und München als Seelsorger tätig. Er zählt zu den namhaften Vertretern der katholischen Literatur des 20. Jahrhunderts in Bayern.

Zu seinem Werk gehören unter anderem sieben Bücher mit bayerischen Mundartgedichten und acht Theaterstücke in bayerischer Mundart. Den „Menzinger Kreuzweg“ dichtete er 1995 für seine damalige Pfarrgemeinde München-Untermenzing.

Dieser Kreuzpartikel soll ein Stück des wahren Kreuzes Jesus enthalten.

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