Der Jude und die katholische Nonne

Die Regisseure Marina Maisel und Michael Bernstein mit Schwester Elija Boßler im Gespräch mit dem Aiblinger Publikum. Bösswetter
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Die Regisseure Marina Maisel und Michael Bernstein mit Schwester Elija Boßler im Gespräch mit dem Aiblinger Publikum. Bösswetter

Bad Aibling – Mit der Filmdokumentation „Dachauer Dialoge“ über eine ungewöhnliche Freundschaft haben die Veranstaltungen der Aiblinger Max-Mannheimer-Kulturtage die Halbzeit überschritten.

Thema des Films sind Gespräche zwischen dem inzwischen verstorbenen Holocaust-Überlebenden Mannheimer und der Ordensschwester Elija Boßler. Letztere stand den Zuschauern im Anschluss an den Film, der im VHS-Haus gezeigt wurde, ebenso wie die Regisseure Rede und Antwort.

In den Jahren 1963 und 1964 war die Idee realisiert worden, der Totengedenkstätte „KZ Dachau“ eine lebende Gemeinschaft zur Seite zu stellen. Man baute das Kloster „Karmel Heilig Blut“ unmittelbar neben der Folterstätte auf. In diesem strengsten aller Orden, dem Kloster der unbeschuhten Karmelitinnen, ist Schwester Elija Boßler zu Hause. „Max Mannheimer und ich haben uns in der evangelischen Kirche auf dem KZ-Gelände in einem ökumenischen Gottesdienst kennengelernt“, erzählte sie jetzt in Bad Aibling.

Aus dieser Begegnung sei zunächst ein Briefwechsel entstanden, der nach und nach in lebhafte Gespräche per Telefon und in persönliche Treffen überging. „Da ich das Kloster lange Zeit nicht verlassen durfte, fanden die Treffen zunächst immer dort statt“, erläutert die Schwester. „Inzwischen haben sich die Regeln etwas gelockert.“

Eine katholische Ordensfrau und ein Jude, der den Holocaust überlebt hat: Gibt es da eine Basis für Gespräche? Und ob. Die beiden verband seit ihrem ersten Zusammentreffen 1988 eine wachsende Freundschaft. Sie brachten einander in ihren Gesprächen Vertrauen, Zuneigung und Respekt entgegen.

Thema der Unterhaltungen war zunächst der Respekt vor den Mitmenschen. „Jeder sollte zur Humanität erzogen werden. Das beginnt in der Familie“, argumentierte Mannheimer. Und er fuhr fort: „Den an den Verbrechen nicht Beteiligten kann ich vergeben, nicht aber denen, die getötet haben.“

„Argumentationen in höherer Tonlage“

Nicht immer bestand zwischen Mannheimer und Boßler gedankliche Übereinstimmung. Zwar kam es nie zum Streit, aber durchaus zu „Argumentationen in höherer Tonlage“ (Mannheimer).

Der Film zeigt: Driften die Meinungen der beiden auseinander, dann bei der Frage, warum Gott solche Gräuel zulässt und ob es überhaupt einen Gott gibt. Der Jude adaptiert zunehmend die Überzeugung, dass es Gott gibt – aber er betet nicht. Mannheimer berichtet von Erlebnissen, die sich für immer in sein Gedächtnis eingegraben haben. „Ein Auschwitzüberlebender kommt nie von Auschwitz los. Man trägt diesen Ort immer in sich.“ Schwester Elija habe viel dazu beigetragen, sein seelisches Gleichgewicht ins Lot zu bringen.

Beide, Mannheimer und Boßler, arbeiteten daran, dass das Wissen um die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes weitergegeben wird: Mannheimer lange Jahre durch seine Vorträge und Ermahnungen an Schulen – auch in Bad Aibling und Bruckmühl –, Boßler durch ihre Fotografien von KZ-Überlebenden.

Die beiden Regisseure Marina Maisel und Michael Bernstein haben mit „Dachauer Dialoge“ aus diesen Gesprächen einen Film gedreht, der 2015 – ein Jahr vor dem Tod Mannheimers – entstand. Darin fangen sie nicht nur die geistige Übereinstimmung der beiden Gesprächspartner ein, sondern in eingeschobenen Sequenzen Bilder der KZ-Anlage Dachau. Es sind Aufnahmen, die Einsamkeit ausstrahlen, aber auch die Erinnerung an vergangene Grausamkeiten ahnen lassen.

In der Diskussion mit der Ordensschwester, der Regisseurin und dem Regisseur nach der Vorführung in Bad Aibling kam die Frage nach dem Leben im Kloster unmittelbar neben diesem Ort des Grauens auf. Sie und ihre Mitschwestern erhielten häufig aggressive Botschaften, antwortete Schwester Elija Boßler. „Es gibt wieder vermehrt Personen, die eine Erinnerungskultur und eine Vergangenheitsbewältigung ablehnen – eine Gefahr, vor der man nicht die Augen verschließen darf“, ermahnte sie und erinnerte an Mannheimers Worte „Ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht“.

Mannheimer und sie hatten sich versprochen: Wenn wieder Synagogen oder christliche Kirchen angegriffen würden, wollten beide, zumindest symbolisch, gemeinsam dagegen vorgehen.

Eine weitere Frage ging an die Regisseure: „Was gab den Anstoß zu dieser filmischen Dokumentation“? Marina Maisel und Michael Bernstein antworteten, dass sie von der Freundschaft der beiden Kenntnis hatten und überlegten, wie sie diese zwei außergewöhnlichen Personen porträtieren könnten. „Um ein dauerhaftes Vermächtnis zu hinterlassen, war die filmische Darstellung der Dialoge am besten geeignet. So wurde man beiden Charakteren gleichermaßen gerecht.“

„Ohne Gespräche kein Miteinander“

Auf ihre natürliche Art fragte Schwester Elija: „Es wurde bei der Begrüßung gesagt, der Bürgermeister der Stadt sei hier. Darf ich ihn kennenlernen?“ Felix Schwaller erhob sich und schüttelte der Ordensfrau mit lebhaften Dankesworten die Hand. Die abschließende Frage einer Besucherin lautete: „Was können wir, die Zuhörer, mit nach draußen nehmen?“ Die übereinstimmende Antwort der drei lautete: „Gespräche führen! Ohne Gespräche geht kein Miteinander.“

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