KUNDGEBUNG IN FELDKIRCHEN-WESTERHAM

„Jetzt handeln! Sofort!“ – Lokale Agenda 21 fordert mehr Tempo im Klimaschutz

Die Klimademo vor dem Rathaus in Feldkirchen fiel aufgrund der steigenden Fallzahlen coronakonform sehr klein aus: Bürgermeister Hans Schaberl (links) nimmt von Helmut Schulte, Quirin Lechner und Theo Schneider (von links) die aktuellen Forderungen der Lokalen Agenda21 entgegen.
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Die Klimademo vor dem Rathaus in Feldkirchen fiel aufgrund der steigenden Fallzahlen coronakonform sehr klein aus: Bürgermeister Hans Schaberl (links) nimmt von Helmut Schulte, Quirin Lechner und Theo Schneider (von links) die aktuellen Forderungen der Lokalen Agenda21 entgegen.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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No More Empty Promises – Keine leeren Versprechungen mehr“ – unter diesem Motto fanden gestern Protestaktionen in mehr als 150 Ländern statt. Auch in Feldkirchen-Westerham demonstrierten Vertreter der Lokalen Agenda21 und der Fridays-For-Future-Bewegung vor dem Rathaus.

Feldkirchen-Westerham – Sprecher Helmut Schulte erklärt im Interview, was vor Ort gegen die Klimaerwärmung getan werden kann.

Herr Schulte, was wollen Sie mit der Kundgebung in Feldkirchen erreichen?

Helmut Schulte: Die Eindämmung der Klimakrise beginnt vor Ort. Auch unsere Gemeinde muss ihren Beitrag dazu zu leisten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Wenn wir die Ziele der Weltklimakonferenz erreichen wollen, müssen wir unsere Anstrengungen verdreifachen.

Zum Beispiel mit einem Nahwärmenetz in der Gemeinde?

Helmut Schulte: Es gibt bereits einige private und ein kleines Netz der Gemeinde. Aber: Die Nahwärmenetze auf Basis regenerativer Wärme müssen weiter ausgebaut werden. In Westerham gibt es in der Nutzung industrieller Abwärme großes, bislang ungenutztes Potenzial.

Welche regenerativen Energien sollten stärker genutzt werden?

Helmut Schulte: Windkraft auf dem Gemeindegebiet wäre eine ganz wichtige und interessante Ergänzung zur Fotovoltaik. Im Rahmen einer Bürgerbeteiligung könnten alle davon profitieren.

Wie steht es um den Flächenverbrauch?

Helmut Schulte: Wir versiegeln in unserer Gemeinde wertvolle Flächen in atemberaubendem Tempo. Da müssen wir rigoros umdenken – weniger und dafür dichter bauen. Vor allem muss der Flächenfraß durch neue Straßen in absehbarer Zeit tabu sein.

Welches ist Ihr dringendstes Anliegen an den Gemeinderat?

Helmut Schulte: Wir können nicht so weitermachen. Es muss sich dramatisch etwas ändern. Die Gemeinderäte müssen sich noch intensiver mit der Klimakrise auseinandersetzen, ihre Dimension und Dramatik erkennen. Wir haben nur noch wenig Zeit gegenzusteuern. Die kommenden Jahre sind entscheidend. Wir müssen bis 2035 klimaneutral sein, nicht erst 2050. Es besteht jetzt Handlungsbedarf. Sofort! Auch in unserer Gemeinde. Klimaschutz muss zur Chefsache werden, höchste Priorität kriegen. Aber natürlich ist nicht nur der Gemeinderat gefordert. Jeder Einzelne kann und muss seinen Teil zum Klimaschutz beitragen.

Was die Gemeinde Feldkirchen-Westerham für den Klimaschutz bisher unternommen hat

• Der Gemeinderat hat im Jahr 2000 das Leitbild der Lokalen Agenda 21 für Feldkirchen-Westerham einstimmig verabschiedet.

• 2009 hat der Gemeinderat den Arbeitskreis Energie eingerichtet, der sich mit lokalen Beiträgen zur Energiewende beschäftigt.

• Im Jahr 2014 entstand ein Klimaschutzkonzept.

• 2015 wurde in der Verwaltung eine Klimaschutzmanagerin eingestellt. Ihre Aufgabe ist es, Maßnahmen aus dem Klimaschutzkonzept zu verwirklichen. 70 Prozent davon sind bereits umgesetzt. Ihre Tätigkeit wird durch eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit und eine zusätzlich geschaffene Teilzeitstelle forciert.

• Die Gemeinde hat von 2017 bis 2020 im Kommunalen Energie-Effizienz-Netzwerk Südbayern mitgearbeitet. Erreicht wurden Einsparungen von 22 Prozent elektrischer und 18 Prozent thermischer Energie, das entspricht insgesamt einer Einsparung von 438 Megawattstunden für Strom und Wärme pro Jahr.

• Feldkirchen-Westerham betreibt seit zehn Jahren ein kommunales Energiemanagement. Seitdem ist die Hälfte der kommunalen Gebäude im Wärmebereich auf erneuerbare Energien umgestellt worden. Damit hat die Gemeinde das Einsparziel der Bundesregierung von 40 Prozent bis 2020 bereits erreicht.

• Die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED wird 2021 abgeschlossen, wodurch mehr als 60 Prozent des bisherigen Stromverbrauchs eingespart werden.

• Mit dem Einbau einer Mikrogasturbine wurde die Effizienz des Klärwerks gesteigert.

• Die Gemeinde bezieht Ökostrom für die gemeindeigenen Gebäude und die Straßenbeleuchtung.

• Auf dem Parkplatz am Rathaus gibt es seit 2016 eine Schnellladesäule.

• Seit 2017 beteiligt sich die Gemeinde am Stadtradeln.

• Seit 2019 gibt es das Projekt „Innerörtliche Mobilität“. Ziele sind E-Car-Sharing, Bürgerbus, Mitfahrbankerl sowie eine geh- und fahrradfreundliche Gemeinde.

• Über das Solarkataster der Gemeinde kann jeder Bürger seit 2019 prüfen, inwieweit sich eine Solarthermie oder Fotovoltaikanlage für sein Dach eignet.

• Seit Februar sind aktuelle Stromerzeugung und -verbrauch im Gemeingebiet durch den Energiemonitor auf der Homepage der Gemeinde sichtbar.

• Feldkirchen-Westerham nimmt ab April am Klimaschutz-Qualitätsmanagement „European Energy Award“ teil. Dafür wurden 72 000 Euro in den Haushalt eingestellt, und eine Firma beauftragt, die Verwaltung zu unterstützen.

• In diesem Jahr ist geplant, ein Elektrofahrzeug für die Verwaltung anzuschaffen.

• Derzeit prüft die Verwaltung, ob Gemeindemitarbeitern Dienstfahrräder angeboten werden könnten.

• Für das Projekt „Fernwärme aus Industriewärme“ wurden in den Investitionsplan der Gemeinde 2,6 Millionen Euro eingestellt.

• Mit 357 000 Euro ist der Radschnellweg im Investplan verankert.

• Die Gemeinde unterstützt das FFH-Artenmonitoring von April 2021 bis 2023.

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