Interview mit Dr. Michael Riffelmacher

„Ich dachte bis dahin, ich habe alles erlebt“ - Notarzt über seinen Einsatz beim Zugunglück

Dr. Michael Riffelmacher rettete einem 17-Jährigen beim Zugunglück von Bad Aibling das Leben.
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Dr. Michael Riffelmacher rettete einem 17-Jährigen beim Zugunglück von Bad Aibling das Leben.
  • Jennifer Bretz
    vonJennifer Bretz
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Am 9. Februar 2016 kamen bei dem tragischen Zugunglück zwölf Menschen ums Leben, 89 weitere wurden verletzt. Heute jährt sich das Unglück zum fünften Mal. mangfall24.de hat mit Dr. Michael Riffelmacher, der als einer der ersten Ärzte am Ort des Zugunglücks in Bad Aibling war, über das Erlebte gesprochen.

Bad Aibling - „Ich dachte bis dahin, ich habe alles erlebt in der Notfallmedizin“, sagt Dr. Michael Riffelmacher, der seit 30 Jahren als Notarzt unterwegs ist.“ Doch etwas Derartiges habe er noch nie gesehen. „Das hatte eine Qualität und eine Dimension, sowas hat keiner von uns bis jetzt erlebt.“ Nicht nur was die Größe, sondern auch die Heftigkeit des Schadens angehe, so der Mediziner, der sich im Zug zu den Schwerverletzten vorgekämpft hat. „Da wird eine kinetische Energie frei mit Deformierungen nicht nur vom Material, sondern auch vom Menschen, das ist unvorstellbar. Das sind Verletzungsmuster, die kennen wir Mediziner aus dem Straßenverkehr oder anderen Bereichen, aber nicht mit dieser Heftigkeit. Ich will gar nicht so genau beschreiben, was ich da alles gesehen habe.“

Erste Meldung: Unfall mit Zug

Er selber sei am Tag des Unglücks in der Früh bereits im OP der Schönkliniken in Bad Aibling gewesen, wo er Chefarzt der Anästhesie ist und wollte gerade eine Narkose einleiten, als sein Piepser ging. Die Meldung: Unfall mit Zug. Erst später kam dann die Meldung: Zug gegen Zug. Er habe sich dann sofort bei der Leitstelle gemeldet und ist runter Richtung Unglücksstelle gefahren. „Dort waren schon einweisende Kräfte. Auf Grund der schwierigen geografischen Gegebenheiten musste ich zu Fuß zur Unfallstelle laufen. Vor Ort hat die Sanitätseinsatzleitung eine Verletztenablage und einen Behandlungsplatz organisiert. Die Leitung hat ein sehr erfahrener Kollege übernommen“, erzählt der Mediziner. Er sei dann in den Zug hinein und habe eine ärztliche Sichtung vorgenommen. „Eine erste Vorsichtung hatte schon stattgefunden, ich habe dann auch gleich angefangen Patienten unter außergewöhnlichen Bedingungen kurz zu versorgen. Die haben Infusionen und Schmerzmittel bekommen und wurden möglichst schnell aus dem Zug gerettet.“

Kreuze und Kerzen erinnern auf Höhe der Unfallstelle an die Opfer.

Der Notarzt leistete beispielsweise einem damals 17-jährigen Schwerverletzten über drei Stunden medizinische und menschliche Hilfe, bis er schließlich durch die Feuerwehr aus dem Unglückszug geborgen werden konnte. „Es war ein enormer Kraftakt, bis wir den Unterarm des jungen Mannes freigelegt haben, damit ich ihm vorsichtig was spritzen und eine Infusion legen konnte.“ Rifflmacher betonte in dem Zusammenhang die exzellente Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen, insbesondere mit den Feuerwehren vor Ort und Rosenheims Kreisbrandrat Richard Schrank. „Etwas abgerückt von der Einsatzstelle hat die übergeordnete Sanitätseinsatzleitung den Einsatz koordiniert und geleitet. Die hier geleistete Arbeit kann man nicht hoch genug bewerten. Die Situation war zu jeder Zeit extrem, nicht nur was die medizinische Versorgung der Patienten betraf, sondern vor allem auch die techniche Hilfeleistung und ganz besonders die psychische Belastung der Einsatzkräfte. Schon frühzeitig haben eingens geschulte Psychologen mit der psychozozialen Betreuung der Einsatzkräfte begonnen.“

Eindrücke arbeiten lange nach

Großes Glück sei gewesen, dass an dem Faschingsdienstag keine Schulkinder im Zug und viele Einsatzkräfte verfügbar waren. „Es war auch eine Tageszeit, zu der die OPs noch nicht belegt waren. Berteits frühzeitig hat die Sanitätseinsatzleitung OP-Kapazitäten der regionalen und überregionalen Krankenhäuser abgefragt und gegebenenfalls schon geplante Operationen absagen lassen“, so der Notfallmediziner. Auch die milden Temperaturen hätten die Arbeit erleichtert. „Wenn das ganze an einem normalem Werktag passiert wäre, hätten wir die Zahl der Opfer um den Faktor zehn nach oben setzen können.“

„Natürlich arbeiten derartige Eindrücke über längere Zeit nach. Man schleppt mehr mit nach Hause als einem zunächst bewusst ist. Wenn die Zeit zum Nachdenken gekommen ist, dann wird einem sehr schnell diese Endlichkeit bewusst“, erzählt Riffelmacher. Was ihm extrem geholfen habe, seien die Gesprächsrunden im Rahmen der psychosozialen Notfallversorgung und ein tragfähiges soziales Umfeld. „Das tut einfach gut, viel drüber zu sprechen.“

Zwölf Tote bei Zugunglück

Das Zugunglück von Bad Aibling jährt sich heute zum fünften Mal. Am 9. Feburar 2016 prallten kurz vor sieben Uhr in der Früh zwei Nahverkehrszüge zusammen.  Sofort wurde die Rettungskette in Gang gesetzt, hunderte Frauen und Männer von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr wurden an der Unglücksstelle zusammengezogen. Es war eine extreme psychische und physische Belastung für die Einsatzkräfte. Die Bilder und Erinnerungen verfolgen die Rettungskräfte bis heute. Die traurige Bilanz des kräftezehrenden Einsatzes: Zwölf Menschen waren tot, 89 verletzt.

Das Denkmal für die Opfer des Zugunglücks von Bad Aibling.

Fahrdienstleiter spielte Computerspiel vor dem Unglück

Große Schuld an dem Unglück hatte der diensthabende Fahrdienstleiter, der kurz vor dem Unglück mit einem Computerspiel an seinem Handy beschäftigt war. Der Mann wurde wegen fahrlässiger Tötung in zwölf Fällen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, im August 2018 wurde der Mann auf Bewährung entlassen. Aber kein Richterspruch kann die Toten zurückholen, oder die seelischen Wunden der Angehörigen und Einsatzkräfte heilen. Schmerz und Trauer bleiben.

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