INTERVIEW MIT KINDERARZT DR. THOMAS NOWOTNY

Bad Aibling: „Big Friends“ hilft Kinder nicht nur beim Abnehmen

Einmal pro Woche geht‘s auf die Waage. Auch das ist Teil des Programms „Big Friends“, mit dem der Verein „Lufti-Team“ übergewichtige Kinder und Jugendliche ein Jahr lang begleitet und schult.
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Einmal pro Woche geht‘s auf die Waage. Auch das ist Teil des Programms „Big Friends“, mit dem der Verein „Lufti-Team“ übergewichtige Kinder und Jugendliche ein Jahr lang begleitet und schult.
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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Runter mit den Kilos, gesünder leben und mit anderen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen dabei auch noch etwas lernen und Spaß haben: Der Verein Lufti-Team aus Rosenheim macht‘s mit seinem Programm „Big Friends“ auch heuer möglich – trotz Corona.

Bad Aibling - Sich gesund ernähren, ausreichend bewegen, etwas abnehmen und dann das Gewicht halten ist für viele Menschen nicht einfach. Erst recht nicht in Zeiten der Pandemie und des Lockdowns. Zu spüren bekommen das auch die Betreuer und Teilnehmer von „Big Friends“, der Trainingsgruppe für übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche aus der Region. Doch setzt der Verein „Lufti-Team“ alles daran, mit dem neuen Kurs im Mai an den Start zu gehen.

Einer der Experten, der den Teilnehmern zur Seite steht, ist Kinderarzt Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen, der seit 20 Jahren im Verein tätig ist, lange Zeit Asthma-Kurse – und in diesen oft auch übergewichtige Kinder – betreut hat und sich nun für die „Big Friends“ da ist.

Herr Nowotny, aus Ihrer Erfahrung heraus: gibt es tatsächlich immer mehr übergewichtige Menschen?

Dr. Thomas Nowotny: Ja, Adipositas hat in jedem Alter in den vergangenen zehn, 20 Jahren deutlich zugenommen.

Wird das Problem durch den Lockdown verstärkt?

Dr. Nowotny: Das kommt im wörtlichen Sinn erschwerend dazu. Das haben wir im Kurs 2020 gemerkt, der direkt zum Lockdown startete. Da mussten wir zum Teil Gewichtszunahmen bis zu zehn Kilo bei den Teilnehmern feststellen. Der Sportkurs, zu dem sie sich einmal pro Woche nach der Schule treffen, konnte zum Teil nur online stattfinden, sie waren mehr zuhause, das hat sicher etwas ausgemacht.

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Konnte der Rückschritt aufgeholt werden?

Da muss ich die Teilnehmer wirklich loben. Sie konnten das Gewicht teilweise wieder reduzieren. Zum Glück sind sie alle noch im Wachstum und so ist bei fast allen inzwischen das Verhältnis von Größe zu Gewicht in Bezug auf das Alter besser geworden, als es zu Beginn des Kurses war.

Warum ist es so wichtig, schon in jungen Jahren bei Übergewicht gegenzusteuern?

Dr. Nowotny: Zum einen sind Kinder noch beeinflussbar, was die Lebensweise angeht. Je älter sie werden, desto problematischer wird es. Zum anderen sind die medizinischen Folgen von Adipositas sehr gravierend und betreffen alle Organe. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall ist erhöht. Diese Krankheiten treten zwar meist erst im mittleren Erwachsenenalter auf; aber Bluthochdruck und erhöhte Blutfette sind schon bei adipösen Kindern häufig. Selbst eine Fettleber ist oft schon bei Jugendlichen ein Problem. Weitere Folgen sind zum Beispiel Asthma und Gelenkprobleme wegen des Übergewichts. Hinzu kommen die psychischen Belastungen. Die gute Nachricht: Bei einer Gewichtsnormalisierung verschwinden auch die meisten Folgeerkrankungen.

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Was können Sie bei „Big Friends“ dagegen tun?

Dr. Nowotny: Wir versuchen das Selbstwertgefühl zu stärken und Wege aufzuzeigen, wie sich die Teilnehmer auch selbst helfen können. Wir geben viele Informationen zu Bewegung und Ernährung an die Hand. Gewogen wird einmal pro Woche, gemessen alle sechs Wochen. Ganz wichtig ist die gemeinsame Sportstunde, die leider zur Zeit nur online stattfinden kann. Es ist schon paradox: Unser Ziel war immer, die Kids vom Bildschirm wegzuholen – und jetzt können wir nur darüber kommunizieren. Der Unterricht findet in Gruppen via Zoom statt.

Wie können Sie motivieren?

Dr. Nowotny: Wir schauen, wo es bei den Einzelnen hapert. Wir ermutigen und haben auch Verständnis, wenn gerade jetzt wegen Corona vieles wegfällt. Die Weihnachtsferien zum Beispiel sind immer eine kritische Phase, wo das Gewicht oft wieder nach oben geht. Dann geben wir den Teilnehmern mit, wo sie noch mehr machen müssen – aber sie gehen immer auch mit einem anerkennenden Wort nach Hause.

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Wie animieren Sie zum Beispiel zur Bewegung oder zu gesunder Ernährung, wenn nur Online-Kontakt möglich ist?

Dr. Nowotny: Etwa durch eine Art gemeinsames Puzzle, für das jeder draußen im Wald ein bestimmtes Motiv erstellt und fotografiert hat. Aus den einzelnen Bildern haben wir am PC den Stern von Bethlehem zusammengestellt und ihnen dann zugeschickt. Oder die Jugendlichen bekamen die Aufgabe, einen Turm aus Schnee zu bauen, die Höhen zu messen, oder Früchte von Tannen und Laubbäumen zu suchen und zu vergleichen. Ernährungswissenschaftlerin Bettina Kuba hat mit ihnen online Chili con Carne oder Ofengemüse gekocht – jeder musste zu Hause mitmachen. Das positive Feedback aus der Familie, der es gut geschmeckt hat, motiviert natürlich, es wieder zu tun.

Hier geht‘s zur Übersicht von Adipositas-Selbsthilfegruppen

Das erwartet die Teilnehmer

„Big Friends“ ist das Trainingsprogramm des Vereins „Lufti-Team“ für übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche. Ein Jahr lang schulen und begleiten Experten aus Medizin, Sport, Ernährungswissenschaft und Pädagogik die Teilnehmer ab zehn Jahren, „die es dick haben, zu dick zu sein“. Mit Mannschafts- und Individualsport, Ausdauer-, Beweglichkeits- und Krafttraining , Spielen und Exkursionen kommt die Bewegung bei den wöchentlichen Treffen in Bad Aibling nicht zu kurz. Zudem gibt es Tipps zur Freizeitgestaltung, Gespräche und Hilfe zur Selbsthilfe.

Info-Veranstaltung am 8. März

Die Info-Veranstaltung zum neuen Kurs findet am Montag, 8. März, von 18 bis 18.45 Uhr, online via Zoom statt.

Mehr Infos finden Sie hier

  • Kursstart: 17. Mai
  • Ansprechpartnerin: Bettina Kuba
  • Telefon 0 15 20/6 32 99 50
  • Geschult wird in kleinen Gruppen von acht bis zwölf Kindern oder Jugendlichen im Alter von zehn bis 14 oder zwölf bis 16 Jahren

Die Kosten werden zu einem großen Teil von den Krankenkassen übernommen. Die AOK Bayern bietet ihren Mitgliedern sogar einen Vertrag an. Bei allen anderen Kassen müssen Kostenübernahmeanträge gestellt werden.

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