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Nach erfolgloser Wohnungssuche

Irrsinn oder letzte Chance? Familie will im Wiechser Sturzflut-Gebiet bauen

Die Felder und Wiesen am Feldweg zwischen Forellenweg und Samerstraße sollten als Wohnbauland in den Bebauungsplan von Wiechs augenommen werden. Die Sturzflut vom 26. Juli 2021 hatte auch diesen Bereich überflutet.
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Die Felder und Wiesen an diesem Feldweg zwischen Forellenweg und Samerstraße in Wiechs sollten als Wohnbauland in den Bebauungsplan aufgenommen werden. Der Bruckmühler Marktgemeinderat lehnte das erst einmal ab, denn die Sturzflut vom 26. Juli 2021 hatte auch diesen Bereich überflutet.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Ist es Irrsinn oder die einzige, wenn auch riskante Chance? Wie auch immer man es nennen mag: Eine Familie aus Vagen will tatsächlich im Sturzflut-Gefährdungsgebiet von Wiechs bauen. So fielen die Reaktionen auf ihre Bauvoranfrage aus.

Bruckmühl - Der Schock sitzt den Menschen in Mittenkirchen, Wiechs und Götting noch in den Knochen. Am 26. Juli 2021 wälzte sich eine Sturzflut von der Irschenberger Leite über die Felder in die Orte. Die braune Flut schoss durch Gärten und Häuser, zerstörte alles, was ihr in die Quere kam.

Ein Jahr später sind noch längst nicht alle Schäden behoben. Doch manch einer scheint die verheerende Flut schon wieder vergessen zu haben, denn kaum ein Jahr später möchte ausgerechnet am südlichen Ortsrand von Wiechs eine Familie bauen. Genau von dort schoss die Flut in den Ort.

Menschen verdrängen Gefahren schnell

„Wir beobachten oft, dass Menschen die Hochwassergefahren schnell wieder verdrängen, und Bauanträge für Bereiche gestellt werden, in denen das Wasser stand“, beschreibt Andreas Holderer vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim das Phänomen. Auch im Bereich Wiechs ist das der Fall. Das Wohnbauland soll ausgerechnet dort entstehen, wo sich noch vor einem Jahr die Sturzflut über den Ort ergoss - links und rechts des Feldweges, der den Forellenweg mit der Samerstraße verbindet.

„So schlimm war das in diesem Bereich nicht“, sagt einer der Bauwerber auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen. Und da hat er nicht ganz unrecht. Denn während sich die Flut auf den Wiesen- und Feldflächen auf einer Höhe von etwa fünf bis zehn Zentimetern ausbreitete, schoss sie mit einem Wasserstand von etwa 50 Zentimetern durch Anwesen in der Samerstraße.

Die Sturzflut schoss am 26. Juli 2021 durch Wiechs. Die braune Wasserwalze erreichte an der Samerstraße eine Höhe von etwa 50 Zentimetern (links). Die betroffenen Anwohner wissen noch genau, woher das Unglück kam: Extreme Regengüsse hatten dafür gesorgt, dass sich die Hangabwässer aus der Irschenberger Leite über die Felder (rechts oben) in den Ort wälzten. Genau für diese Felder am Ortsrand von Wiechs (rechts unten) haben Einheimische nur Baupläne geschmiedet.

Dr. Florian Pfleger von der Bietergemeinschaft cfLab GmbH und SKI GmbH & Co.KG informierte den Bruckmühler Marktgemeinderat erst kürzlich über die ersten Ergebnisse des Sturzflut-Risikomanagements für diesen Bereich. Dazu gehört auch eine Karte der bei einem hundertjährlichen Hochwasser gefährdeten Gebiete. Das potenzielle Baugebiet liegt mittendrin, könnte nicht nur von den Hangabwässern der Irschenberger Leite, sondern auch vom Hainerbach überflutet werden.

Die Überflutungskarte für hundertjährliche Hochwasser (links) zeigt, dass das potenzielle Baugebiet eine ausgewiesene Gefahrenfläche ist, weil es mitten im Überschwemmungsgebiet von Mittenkirchen und Wiechs liegen würde.

Auch der Goldbach würde das gewünschte Wohnbauland im Norden unmittelbar begrenzen. Zwar sorgte er während der 2021er-Flutkatastrophe nicht im Ort, sondern weiter westlich und östlich für Überschwemmungen. Doch entlang des Feldweges ist er für den südlichen Bereich von Wiechs dennoch eine Gefahr. Der Damm, auf dem der Goldbach ab dem Forellenweg bis zum östlich liegenden Wasserkraftwerk verläuft, ist dringend sanierungsbedürftig. Er ist in einem schlechten Zustand, an mehreren Stellen undicht, weshalb es in diesem Bereich schon mehrfach zu Überschwemmungen kam.

Die marode Stauanlage erinnert an das alte Elektrizitätswerk, das es einst in Wiechs gab. Der Damm des Goldbachs ist in diesem Bereich in einem sehr schlechten Zustand, sogar an mehreren Stellen undicht, weshalb es hier schon mehrfach zu Überschwemmungen kam. Eine Dammsanierung mahnen die Behörden schon seit langem beim Betreiber an. Vergeblich. Inzwischen haben sich die Eigentumsverhältnisse geändert, sodass es aktuell gar keinen Ansprechpartner für die Behörden gibt.

Nach Informationen der Marktgemeinde Bruckmühl sei der jeweilige Betreiber des E-Werks für die Dammunterhaltung zuständig. Bei ihm mahnten die Behörden schon vor Jahren eine Dammsanierung an. Allerdings vergeblich. Zwischenzeitlich sei der Betreiber verstorben, heißt es aus der Verwaltung. Über die Nachfolge lägen noch keine gesicherten Kenntnisse vor. Kurzum: Es gibt aktuell keinen Ansprechpartner. Und das Risiko, dass die anliegenden Wohngebäude beim Bruch des Goldbachdammes überflutet werden, besteht weiter.

Den einheimischen Bauwerbern gehören links und rechts des Feldweges zwischen Forellenweg und Samerstraße in Wiechs alle freien Grundstücke. Um sie als Wohnbauland nutzen zu können, müsste der Bebauungsplan geändert und der Außenbereich integriert werden. Das lehnte der Marktgemeinderat ab.

Kinder möchten im Mangfalltal bleiben

Den Bauwerbern gehören alle freien Grundstücke links und rechts des Feldweges zwischen Forellenweg im Westen und Samerstraße im Osten. Die Familie ist seit vielen Jahren in der Marktgemeinde Bruckmühl und den umliegenden Gemeinden eng verwurzelt, in zahlreichen Vereinen aktiv, wie sie selbst in ihrem Antrag erklärt. So ist es nur verständlich, dass auch Kinder und Kindeskinder in ihrer Heimat bleiben möchten. Die angespannte Lage auf dem Immobilienmarkt aber mache es ihnen nach eigenen Informationen unmöglich, in der Region eine Wohnung zu finden. Die familieneigenen Flächen in Wiechs als Wohnbauland nutzen zu dürfen, wäre also eine Alternative.

Antrag auf Änderung des Bebauungsplanes

Deshalb beantragten die Bauwerber am 2. August dieses Jahres, den Geltungsbereich des Bebauungsplanes für Wiechs aus dem Jahr 2005 um ihre Grundstücke zu erweitern. Der Marktgemeinderat lehnte das erst einmal ab. Nicht nur, weil sich alle Grundstücke im Überflutungsgebiet befinden, sondern auch, weil es sich laut Baurecht um einen Außenbereich handelt. Nach den Vorgaben des Regionalplanes der Region 18 „Südostoberbayern“ liegen der Ortsteil Wiechs und seine unmittelbare Umgebung zudem in einem wasserwirtschaftlichen Vorranggebiet zur Trinkwasserversorgung.

Im Flächennutzungsplan der Gemeinde (1998) ist der Bereich außerdem als Grün- beziehungsweise landwirtschaftliche Fläche definiert. Zudem sollen die dörflichen Strukturen von Mittenkirchen und Wiechs erhalten bleiben. Auch im Entwicklungskonzept (1998) für den Ortsteil Wiechs wurde festgeschrieben, dass lediglich in den bereits als Bauflächen dargestellten Bereichen des Ortes eine Bebauung zugelassen werden solle.

Hinzu kommen Belange des Umweltschutzes wie die bayerische Flächensparinitiative und das Gebot, mit Grund und Boden sparsam umzugehen. Flächenversiegelung soll eingedämmt, der Innenentwicklung der Orte Vorrang gegeben werden.

Ein weiteres Problem: Weder der gemeindlichen Feldweg mit einer Breite von vier Metern noch der Forellenweg wären für die Erschließung des Baugebietes geeignet. Der Forellenweg müsste von derzeit fünf auf 6,50 Meter ausgebaut werden, was aufgrund seiner Begrenzung durch den Hainerbach im Westen gar nicht möglich ist.

Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagt

Die Argumente gegen eine Erweiterung des Bebauungsplanes für die gewünschte Wohnbebauung sind massiv. Gleichzeitig hatte der Marktgemeinderat natürlich auch Verständnis für den Wunsch der Grundstückseigentümer, für ihre nachfolgenden Generationen Wohnbauland zu schaffen. Deshalb wurde im Beschluss des Marktgemeinderates auch kein kategorisches Nein formuliert. Vielmehr wurde die Entscheidung über eventuelle bauleitplanerischere Maßnahmen zurückgestellt. Die Ergebnisse des Sturzflutrisikomanagements und die Sanierungsmaßnahmen am Goldbachdamm sollen abgewartet werden.

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