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„Wir haben Patienten, die leiden mit dem ganzen Körper“

Genesen aber nicht gesund: Spätfolgen nach Corona-Erkrankung beschäftigen Bad Aiblinger Arzt

Von Corona genesen, aber immer noch beeinträchtigt: Patient bei der Messung der Lungenleistung.
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Von Corona genesen, aber immer noch beeinträchtigt: Patient bei der Messung der Lungenleistung.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Bad Aibling – Wer von einer Krankheit genesen ist, muss nicht gesund sein, wie Dr. Friedemann Müller, Chefarzt für Neurologische Frührehabilitation und Rehabilitation am Schön-Klinikum, aus seiner täglichen Arbeit weiß. Ein Gespräch über den harten Weg von Corona-Erkrankten zurück ins Leben.

Die Inzidenzzahlen gehen runter. Entspannt sich die Lage auch bei Ihnen?

Dr. Friedemann Müller: „Was wir jetzt gerade sehen, dass die Exponentialfunktion nach oben wie nach unten funktioniert. Die Corona-Kurve geht zu unserer großen Erleichterung nach unten. Wir übernehmen Patienten aber noch immer beatmet oder von der ECMO-Maschine, oder Menschen, die gerade frisch von der Beatmung weggenommen werden konnten.“

Wie äußert sich das in Zahlen?

Dr. Müller: „Im Moment haben wir 40 Corona-Patienten (die nicht mehr ansteckend sind), zum Teil auf Intensivstation oder in der Reha. Von Entspannung ist bei uns noch nicht wirklich die Rede. Gut, Normalzustand gibt es da ohnehin nie, aber auch auf dem Höhepunkt der Pandemie hatten wir über 50 Patienten, und davon bis zu 20 zu beatmende Patienten. Das war die Bugwelle. Aktuell haben wir etwa zehn beatmete Patienten.

Das ist in Anbetracht unserer großen Beatmungsstation zwar nicht mehr so viel, aber die Zahl ist immer noch auffällig. Insgesamt bemerken wir bei uns eher zeitlich nachgelagerte Reaktionen auf das allgemeine Infektionsgeschehen: Man hat das Gefühl, es entspannt sich, aber kurz gehen die Zahlen manchmal wieder etwas hoch.“

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Man hört von krassen Spätfolgen bei Menschen, die wieder gesund sein müssten.

Dr. Müller: „Wir haben eine erste Zwischenauswertung aus der ersten Welle. Da waren Patienten so brutal betroffen, dass sie sehr lange an Intensivgeräten versorgt werden mussten. Außerdem haben wir Patienten, die leiden mit dem ganzen Körper und dem Hirn an Entzündungen, an Superinfektionen, die man mit Antibiotika behandeln muss.

Das sind die, die erst wieder lernen müssen zu atmen und zu gehen. Wir verfolgen deren weiteren Weg, in unserer Studie haben wir schon 100 dieser Patienten, die uns erlaubt haben, sie anzurufen. Auch sechs Monate nach der Entlassung spüren die noch deutliche Einschränkungen.“

Dr. Friedemann Müller, Chefarzt Neurologische Frührehabilitation

Welcher Art?

Dr. Müller: „Die können schon wieder gut gehen, brauchen aber zu allem mehr Zeit, alles ist anstrengender, sie sind ein bisschen gebrechlicher, sie brauchen manchmal bei ganz alltäglichen Sachen Hilfe. Nach dem Bartel-Index...“

Dem was?

Dr. Müller: „Dem Bartel-Index, das ist so eine Art medizinisches Daumenmaß. Jedenfalls erreicht ein normal gesunder Mensch nach diesem Index den Wert von 100. Wenn sie von Covid schwer betroffen sind, dann liegen sie bei der Entlassung bei uns vielleicht knapp über 60.

Wenn man die Patienten drei Monate später anruft, liegen sie bei 95, und dort bleiben sie erstmal. Eine andere standardisierte Methode ist die Klinische Frailty Skala, mit der man den Gesundheitszustand von gebrechlichen Menschen oder von Patienten etwa nach der Intensivbehandlung erheben kann.“

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Corona macht einen gebrechlich?

Dr. Müller: „Legt man diese Skala an, dann findet man Patienten, die vor Corona fit waren, wenn auch vielleicht nicht in Marathon-Form, sie sind ja auch oft etwas älter. Wenn man sie jetzt Monate später nachbefragt, stellt man fest, sie sind leicht gebrechlicher geworden. Sie agieren verlangsamt, wirken bei anspruchsvollen Aktivitäten nicht mehr so fit.“

Die Kollegen vom Romed-Verbund haben von schwer fassbarer Erschöpfung gesprochen.

Dr. Müller: „Was wir festgestellt haben, und auch Ärzte anderswo – das ist diese Fatigue. So lange die Patienten bei uns sind, erleben sie diese Aufwärtsbewegung. Es geht voran, sie haben auch Pausen zwischen den Therapieeinheiten, sie haben das Gefühl der Heilung und Besserung.

Wenn sie dann aber ins Leben zurückkehren und wir befragen sie, dann stellen wir fest, dass es eine Reihe von Patienten gibt, die auch sechs Monate später diese Fatigue, diese Erschöpfung deutlicher spüren als vorher, obwohl man das Gegenteil erwarten könnte. Das bleibt viele Monate ein Problem für die Menschen.“

Ist das physisch oder eher psychisch bedingt?

Dr. Müller: „Unikliniken sind dabei, Ambulanzen einzurichten, um dem nachzugehen. Bislang haben wir nur Hypothesen, etwa, dass das Ganze mit der Schädigung des Geruchsnervs zusammenhängt. Aber wir wissen es einfach nicht. Wir haben diese Beobachtung ernst zu nehmen.“

So wie die Krankheit selbst, was viele Menschen jetzt noch nicht tun.

Dr. Müller: „Tja. Wenn man sich eine Überblicksarbeit anschaut, die englischsprachigen und spanischen Studien, die auf reichhaltiger Datenlage beruhen, dann leiden die Menschen da sogar noch sehr viel mehr als bei uns unter Fatigue, nämlich bis zu 60 Prozent der ehemals Covid-Kranken. Das scheint mir ein wenig hoch, aber zeigt das erhebliche Potenzial an Komplikationen durch das Virus.“

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Ist das vergleichbar mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom?

Dr. Müller:„ Ein posttraumatisches Belastungssyndrom wäre ein psychisches Phänomen. Bei dieser Fatigue sind aber auch körperliche Ursachen dabei, glaube ich, wenngleich man sie noch nicht verstanden hat. Aber natürlich hat „Long-Covid“ auch eine psychologische Komponente, weil Patienten, die bereits vorher unter Depressionen gelitten hatten, danach oft noch stärker darunter leiden.“

Und das liegt nicht an der schmerzhaften Erfahrung, mit einem Schlauch intubiert auf dem Bauch zu liegen?

Dr. Müller: „Die Frage ist, wie viel bekommen die Patienten davon mit? Sie werden sediert und in ein künstliches Koma versetzt. Ich glaube schon, dass man da was mitbekommt, ein bisschen zumindest. Also, das glaube ich, wir wissen es aber nicht. Die traumatische Wirkung ist für Zuschauer der Bilder im Fernsehen vielleicht belastender. Aber es gibt natürlich auch Beginn und Ende dieser Phase, wenn man aufwacht, und wenn man sich nicht mehr rühren kann. Insofern hat das sicher auch einen psychologischen Effekt. Übrigens hängt der Schweregrad der Fatigue nicht davon ab, wie schwer der Covid-Verlauf gewesen war.“

Vielleicht ist es ja auch die allgemeine bleierne Müdigkeit nach 15 Monaten Pandemie.

Dr. Müller: „Ja, sicher gibt es auch eine Corona-Fatigue. Aber das Genervtsein durch Lockdown und die anderen Maßnahmen ist etwas anderes, als wenn ich’s selbst mitgemacht habe. Natürlich merken wir alle etwas. Ich war seit Monaten auf keinem Konzert mehr, andere waren nicht auf dem Fußballplatz – aber deswegen habe ich nicht Schwierigkeiten, wenn zum Beispiel Überweisungen auszufüllen sind oder anderer alltäglicher Verwaltungskram zu tun ist. Vielmehr ist es eine allgemeine Belastung.“

Eine Krankheit voll tückischer Überraschungen, auch noch nach über einem Jahr der Pandemie?

Dr. Müller: „Keiner von uns weiß, was mit der Corona-Pandemie noch abgeht. Klar ist: Jeder, der sich nicht impfen lässt, wird Corona kriegen, ob mit Symptomen oder ohne. Davon darf man ausgehen. Wie es weiter geht, wird davon abhängen, wie viele sich impfen lassen, und zweitens davon, was die Mutanten anstellen. Beides schwer abzuschätzen.“

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Optimistisch hören Sie sich nicht an...

Dr. Müller: „Na, wir haben vor etwas mehr als einem Jahr auch gesagt, na gut, kaufen wir schon mal Masken und Alkohol für die nächste Welle, klar das machen wir! Aber so richtig ernst hat das niemand genommen. Aber eigentlich bin ich schon optimistisch. Es ist schon ein grandioser Erfolg, diese Impfstoffe in so kurzer Zeit, und der Impfstoff mit bester Wirkung und dem besten Nutzen wurde auch noch in Deutschland entwickelt. Das darf einen stolz machen. Und es wird uns extrem helfen.“

Werden wir die Masken irgendwann mal wieder ablegen?

Dr. Müller: „Wir werden irgendwann wieder ohne Maske leben, davon gehe ich aus. Wenn wir geimpft sind, brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Was wir nicht wissen ist, ob wir in Herbst oder Winter eine dritte Impfung draufsetzen müssen.“

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