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Vor Hochwasser geschützt, wie es alle 100 Jahre passiert

Hangrutsch am Brechries zerstört Wanderweg – Wie sicher ist Bad Feilnbach?

Der Wirtschaftsweg am Jenbach wurde im oberen Bereich weggespült. Aus dem Brechries löste sich erneut Geschiebe und rollte in Tal.
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Der Wirtschaftsweg am Jenbach wurde im oberen Bereich weggespült. Aus dem Brechries löste sich erneut Geschiebe und rollte in Tal.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Wie sicher ist unser Ort? Diese Frage bewegt die Bad Feilnbacher angesichts der schweren Unwetter in der Region. Erst im vergangenen Jahr hatten sich etwa 50.000 Kubikmeter Geschiebe aus dem Brechries gelöst und waren ins Tal geschwemmt worden. Jetzt ist der Wanderweg wieder gesperrt.

Bad Feilnbach – Aus dem Brechries hat sich erneut Geschiebe gelöst. Auf einer Länge von etwa 50 Metern ist der Wirtschaftsweg komplett weggespült.

Sanierung beginnt in dieser Woche

An den Resten erkennt man Ausspülungen mit einem Ausmaß von etwa einem Meter. In dieser Woche rollen die Bagger an, um das Bachbett von Geröll und Material zu befreien, den Jenbach in sein ursprüngliches Bett zurückzuverlegen und den Wirtschaftsweg wieder aufzubauen.

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Doch wie sicher ist Bad Feilnbach? Immerhin weist die Farrenpoint eine der größten Hangbewegungen in den bayerischen Alpen auf. „Ihre Westflanke bewegt sich in Richtung Jenbachtal“, erklärt Andreas Holderer vom Wasserwirtschaftsamt in Rosenheim. Diese Bewegung betrifft einen Bereich von etwa 15 Hektar, der sich über eine Höhe von rund 330 Meter erstreckt – insgesamt sieben Millionen Kubikmeter Geschiebe. Die Stirnseite dieses „bewegten Berges“ – das Brechries – besteht aus Kalken, Kalkmergel und stark verwitterungsanfälligen Tonsteinen.

Die Farrenpoint ist in Bewegung

„Die Folge sind großflächige Hanginstabilitäten und Felsstürze, die enorme Gesteinsmengen in den Jenbach eintragen können“, erläutert der Experte. Insgesamt sind hier etwa sechs bis sieben Millionen Kubikmeter in Bewegung. Seit 1989 wird die Westflanke der Farrenpoint mit Vermessungsinstrumenten in Bohrungen im Berg und auf der Oberfläche sowie seit 1999 mit einer automatischen Messstation überwacht. „Seitdem hat sich der Berg etwa 2,50 Meter in Richtung Tal bewegt, pro Monat sind es also etwa ein bis zwei Zentimeter“, interpretiert Holderer die vom Landesamt für Umwelt ausgewerteten Messergebnisse.

Bis zu diesem Absturz hat es das Geröll beim jüngsten Hangrutsch geschafft. Weiter unten kam nur noch Schwemmholz an.

Die Geologen stufen den Abgang von sehr großen Massen aus dem Brechries als unwahrscheinlich ein, rechnen auch nicht mit ruckartigen Bewegungen, sondern eher mit einem langsamen Abbau der Rutschmassen und im Ereignisfall mit einer Hangrutschung von bis zu 50.000 Kubikmetern.

Hochwasserschutz für den Ort funktioniert

Im August 2020 kam es zu diesem Ereignisfall: Im oberen Bereich wurde der Forstweg auf einer Länge von mehreren Hundert Metern komplett zerstört. Weiter unten wurde er teilweise unter- oder ganz weggespült. Am Wasserfall zerstörte die Flut Teile des mit Gitterrosten gesicherten Steigs.

Der Hochwasserschutz am Jenbach funktionierte 2020 und auch in diesem Jahr wieder. „Die Verbauung dieses Wildbachs hat schon vor etwa 120 Jahren begonnen“, berichtet Holderer. Etwa 40 bis 50 Querbauwerke befinden sich an seinem Lauf. In den vergangenen Jahren hat das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim die Hochwasserschutzmaßnahmen weiter verbessert.

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Geschiebesperre und Wildholzrechen, die 2010 für 1,7 Millionen Euro errichtet wurden, halten auf, was ins Tal rollt. Abstürze konsolidieren nicht nur das Flussbett, sondern sollen den „jähen Bach“ auch besänftigen. Vom Brechries bis zum Parkplatz im unteren Jenbachtal gibt es Geschieberückhalteraum für rund 200.000 Kubikmeter. Auch bei Hochwasser kann so im Tal nur noch Wasser, nicht aber Geröll ankommen.

Bislang hat das funktioniert. Das vom Brechries abrutschende Geröll ist auch diesmal wieder im oberen Bereich zum Stehen gekommen. Es kann im Gebiet verbleiben, wird im Laufe der Zeit beim Transport durch das Wasser ins Tal zerkleinert und bis zur Geschiebesperre weiterbewegt. Was zu viel ist, wird abtransportiert und zur Stabilisierung anderer Bachquerschnitte – wie beispielsweise an der Kalten – benutzt.

Bei Hochwasser kommen 70.000 Liter pro Sekunde

Das Treibholz hat sich an Abstürzen, Wildholzrechen und Geschiebesperren abgelagert und wird regelmäßig abtransportiert. Wichtig für die Festigkeit der Hänge und den Hochwasserschutz in den Bergen ist aber auch der Wald. „Die Wurzeln stabilisieren den Hang, halten Erde und Geröll zurück“, erklärt Holderer.

Das Einzugsgebiet des Jenbachs ist etwa 13 Quadratkilometer groß. Der Wildbach entspringt am Wendelstein, wird aus den Bergen gespeist und überwindet auf dem Weg ins Tal etwa 1100 Höhenmeter. Seine Tücken: „Wildbäche haben eine stark wechselnde Wasserführung, bei Starkregen kann es wahnsinnig schnell zu viel Wasser kommen.“ Dann stürzen etwa 70.000 Liter pro Sekunde – das sind etwa 350 Badewannen – ins Tal hinab.

Flächige Sturzfluten nehmen zu

Bei einem Jahrhunderthochwasser ist diese Sperre bis an den Rand gefüllt. Der Rechen soll das Holz zurückhalten, das Wasser darüber abfließen.

„Für ein HQ 100, also ein statistisch gesehen alle 100 Jahre auftretendes Jahrhunderthochwasser bieten die Hochwasseranlagen für den Ort Bad Feilnbach einen Grundschutz“, versichert der stellvertretende Leiter des Wasserwirtschaftsamtes und schränkt gleichzeitig ein: „Wenn sich über der Region eine stationäre Gewitterzelle ergießen würde, könnte es auch zu einem größeren Ereignis kommen. Dann würden an Campingplatz und Klinik etwa 20 Zentimeter Hochwasser stehen.“

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Holderer macht darauf aufmerksam, dass es nicht mehr nur Flusshochwassser gebe, sondern flächige Sturzfluten aus Bergen, Bächen und Feldern als Folge heftiger Niederschläge in kurzer Zeit auf einer kleinen Fläche zunehmen. „Wir müssen künftig anders denken, eine wassersensible Bauleitplanung machen und hochwassergerecht bauen.“

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