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6. Jahrestag des Zugunglücks von Bad Aibling

Aiblingerin (56) überlebte diese Katastrophe - eine winzige Entscheidung rettete ihr Leben

Rettungskräfte stehen am 9. Februar 2016 an der Unfallstelle des Zugunglücks von Bad Aibling.
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Rettungskräfte stehen am 9. Februar 2016 an der Unfallstelle des Zugunglücks von Bad Aibling.

Als die beiden Züge am 9. Februar 2016 ineinander rasen, sitzt sie im ersten Wagen. Wie eine Frau aus Bad Aibling die Katastrophe überlebt hat und warum sie sechs Jahre danach noch immer darunter leidet.

von Nicolas Bettinger

Bad Aibling – 9. Februar 2022 – der sechste Jahrestag des Zugunglücks von Bad Aibling. Wo am Faschingsdienstag 2016 nach und nach das entsetzliche Ausmaß des Zusammenstoßes zweier Regionalzüge auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor deutlich wurde, Rettungshubschrauber kreisten und unzählige Einsatzkräfte bis zur Erschöpfung arbeiteten, herrscht am 6. Jahrestag der Katastrophe überwiegend Schweigen.

Als die beiden Züge damals ineinander rasten, saß sie im ersten Wagen – gegen die Fahrtrichtung. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt eine Überlebende, wie sie die Katastrophe erlebt hat und warum sie noch heute darunter leidet.

„Ich saß gegen die Fahrtrichtung“

Sie kann wieder Zug fahren. Für Margit Klein aus Bad Aibling, die eigentlich anders heißt aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist das eine gute Nachricht. Die 56-Jährige saß am 9. Februar 2016 im ersten Wagen in einem der beiden Züge, die um 6.47 Uhr frontal ineinander rasten. „Ich saß gegen die Fahrtrichtung“, sagt Klein und betont, dass das ihr Glück war. Der Aufprall drückte sie in ihren Sitz, anstatt sie durch die Luft zu schleudern.

Es fällt ihr schwer über die Erinnerungen zu sprechen, auch sechs Jahre nach dem Unglück. Ihre Motivation: „ Die Hilfskräfte, Sanitäter, Feuerwehrleute, Polizisten. Das sagt oft niemand aber ich will betonen, dass sie Großartiges geleistet haben.“ Generell bekämen ehrenamtliche Helfer viel zu wenige Anerkennung.

(Original-Video vom Februar 2016)

Erinnerungen an die Sekunden des Aufpralls

Als die Katastrophe am Faschingsdienstag 2016 eintrat, war Klein gerade auf dem Weg in den Urlaub. Dann geschah das Unvorstellbare. Ohne Vorwarnung darauf, dass sich das Leben nun von einem auf den anderen Moment schlagartig verändern wird. Die Erinnerungen an die Sekunden des Aufpralls, gehen ihr noch so nah, dass sie im Detail nicht darüber sprechen kann. „Ich war jedenfalls nicht bewusstlos, bin durch den Zusammenstoß dann auf den Boden gestürzt und habe mich dann wieder hingesetzt“, sagt Klein. Wie sie das schaffen konnte, weiß sie nicht mehr. Denn danach konnte sie sich nicht mehr bewegen.

Die Minuten, bis die Rettungskräfte eintrafen, seien dann „ganz unwirklich“ wie in einem Traum vergangen. „Ich habe mich dann mit einem anderen Mann aus dem Zug über ganz andere Dinge als den Unfall unterhalten“, so Klein. Dann sei noch ein weiterer Passagier gekommen, um seine Hilfe anzubieten. Wie lange sie noch im verschrotteten Zugabteil gewartet hat, kann Klein nicht mehr sagen. Aber ihr ist klar: „Ich bin einfach dankbar, dass ich überlebt habe“, so Klein.

Überlebende lobt die Rettungskräfte

„Dann kam irgendwann die Feuerwehr und von diesem Moment an habe ich gedacht: ‚jetzt wird alles gut‘“, sagt Klein, die dabei durchaus mitbekommen habe, welches Ausmaß der Zusammenstoß der Züge eingenommen hatte. Die ganze Rettungsaktion sei perfekt organisiert gewesen. „Meine volle Bewunderung für diese Menschen.“ Nach der Erstversorgung an der Unfallstelle wurde Klein zunächst in die Turnhalle in Kolbermoor gebracht, danach ins Krankenhaus.

Dass auch Seelsorger im Einsatz waren, habe ihr sehr gutgetan. „Als ich im Krankenhaus meine Familie wieder gesehen habe, ist mir klar geworden, wie viel Glück ich eigentlich hatte. Ich hätte auch tot sein können.“ Sie könne sich nicht vorstellen, welches Leid die Angehörigen der Todesopfer erleben mussten. „Sie wurden von einem auf den anderen Moment aus dem Leben gerissen.“

(Original-Video vom Februar 2016)

„Wenn man wieder daran denkt, kommt alles hoch“

Klein verbachte zwölf Tage im Krankenhaus, danach musste sie fünf Wochen zuhause liegen. Neben Verletzungen an der Wirbelsäule und dem Brustbein hat sie vor allem psychische Folgen davongetragen. „Ich hatte anfangs immer wieder Panikattacken“, sagt die Frau, die nach dem Unfall für insgesamt ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt war. Währen der Reha sei dann ein wichtiges Ziel gewesen, wieder Zug fahren zu können. Und das erreichte sie einige Monate danach. Doch losgelassen hat sie das Unglück nie, auch nicht Jahre später. „Wenn ich Bremsgeräusche höre oder diese Warnhupen von Zügen, dann rast mein Herz“, sagt Klein. Bis heute habe sie Schwierigkeiten, mit Stresssituationen fertig zu werden. „So richtig hat mich das Ganze natürlich nie losgelassen.

Der Jahrestag habe für Klein deshalb eine besondere Bedeutung. „Wenn man dann wieder daran denkt, kommt alles hoch“, sagt sie und findet es gut, dass es einen Ort zum Gedenken gibt. Gelegentlich besucht sie das Denkmal, häufiger bleibt sie jedoch an der Unglücksstelle direkt stehen. „Am Bahndamm steht ein kleines Kreuz, dazu habe ich noch einen größeren Bezug.“

Kein offizieller Gedenk-Akt im Jahr 2022

Im vergangenen Jahr, zum fünften Jahrestag, hatte die Stadt Bad Aibling ein offizielles Gedenken veranstaltet, bei dem Bürgermeister Stephan Schlier vom „schwärzesten Tag in der jüngeren Geschichte“ sprach. In diesem Jahr gibt es keine offizielle Veranstaltung, erst wieder zum zehnten Jahrestag, teilte die Stadt auf Nachfrage mit.

Der damalige Fahrdienstleiter wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt.