Gastgewerbe nach dem Lockdown: Bad Aibling soll Vorbildfunktion übernehmen

„Der Überlebenskampf in der Hotel- und Gaststättenbranche ist mit der Wiedereröffnung noch lange nicht gewonnen“, weiß CSU-Stadtrat Dr. Thomas Geppert, Geschäftsführer des DEHOGA in Bayern. Für den Tourismusstandort Bad Aibling fordert er weitere gemeinsame Anstrengungen mit Vorbildfunktion.
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„Der Überlebenskampf in der Hotel- und Gaststättenbranche ist mit der Wiedereröffnung noch lange nicht gewonnen“, weiß CSU-Stadtrat Dr. Thomas Geppert, Geschäftsführer des DEHOGA in Bayern. Für den Tourismusstandort Bad Aibling fordert er weitere gemeinsame Anstrengungen mit Vorbildfunktion.
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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„Noch einmal jeden Stein umdrehen, um den lokalen Betrieben zu helfen und dem Gastgewerbe im Tourismusstandort Bad Aibling einen bundesweiten Vorsprung zu verschaffen“ – mit diesem Appell richtete sich Dr. Thomas Geppert (CSU) in der jüngsten Stadtratsitzung an die Kommune.

Bad Aibling – Der Landesgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Bayern (DEHOGA) fordert mit Blick auf das Nachbarland Österreich, den Gleichheitsgrundsatz einzuhalten und unter anderem, als erste Stadt in Deutschland regelmäßige flächendeckende Testungen bei allen Beschäftigten des Gastgewerbes durchzuführen.

Herr Dr. Geppert, wie beschreiben Sie den Status Quo der Gastronomie und Hotellerie in Bad Aibling? Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Dr. Thomas Geppert: Die Rückmeldungen sind angesichts der Vielzahl an Betrieben und Betriebstypen sehr unterschiedlich. Insgesamt ist die Lage allerdings äußerst prekär. Für eine Entwarnung ist es noch zu viel zu früh.

Was sind die momentan größten Schwierigkeiten für die Betreiber?

Geppert:Nach dem Lockdown werden die Betriebe wieder hochgefahren. Nach Monaten ohne Umsatz, aber weiterlaufenden Fixkosten, werden nun Mitarbeiter aus der Kurzarbeit geholt, der Wareneinsatz fährt hoch, die Betriebskosten steigen aufgrund der Auflagen, zudem müssen Überbrückungskredite getilgt werden. All diese Kosten müssen gedeckt werden, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu generieren. Doch durch das Abstandsgebot hat gerade die Gastronomie massive Kapazitätseinbußen, die den notwendigen Umsatz selbst bei Vollauslastung nur schwer erzeugen.

Dr. Thomas Geppert

Wie sehen Sie die Perspektive aus momentaner Sicht?

Geppert: Der Überlebenskampf ist hier noch lange nicht gewonnen. Bei der Hotellerie haben wir es zwar geschafft, dass es keine Belegungsgrenze gibt, allerdings können Dienstleistungen wie etwa Wellness- und Spabereiche noch nicht genutzt werden, die Gäste sind noch verunsichert und auch Hochzeiten dürfen noch nicht stattfinden. Die Buchungslage ist so niedrig, dass auch hier kein überlebensfähiger Umsatz generiert werden kann. Wir haben es zwar durch politischen Druck geschafft, dass Tagungen zumindest in Teilen wieder möglich sind, doch der Tagungsbetrieb in den auftraggebenden Unternehmen läuft noch lange nicht im Normalbetrieb. Auch Veranstaltungen dürfen noch nicht stattfinden, Tourismus braucht einfach Planbarkeit und Vorlauf.

Was können die staatlichen Hilfen Ihrer Meinung nach in der Praxis bewirken und wo müsste nachjustiert oder umgedacht werden?

Geppert: Die Soforthilfen und Kurzarbeit waren wichtige Elemente zu Beginn der Krise, um Liquidität in den Betrieben zu halten. Der reduzierte Umsatzsteuersatz wird ebenfalls eine enorm wichtige Wirkung haben, da hierdurch der geringere Umsatz zumindest etwas kompensiert werden kann. Aktuell entscheidend ist jedoch ein weiteres Rettungspaket. Die Betriebe brauchen akut zusätzliche nicht rückzahlbare Überbrückungshilfen, um jetzt ihr Überleben zu sichern. Erst dann kann über weitere Konjunkturimpulse nachgedacht werden.

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Wie sehr drängt die Zeit?

Geppert: Gehandelt werden muss spätestens, wenn die Grenzen zu Österreich am 15. Juni wieder offen sind. Sollten die Infektionszahlen auf beiden Seiten der Grenzen ähnlich sein, dann müssen auch die Rahmenbedingungen ähnlich sein. Das Virus ist ja nicht weniger gefährlich, wenn man die Grenze überschreitet. Dies gilt in Bezug auf Abstandsgebot, das in Österreich einen Meter beträgt, genauso wie für die Maskenpflicht oder auch die Wellnessbereiche, die in Österreich dann genutzt werden dürfen. Grundsätzlich müssen Entscheidungen nachvollziehbar sein und dem Gleichheitsgrundsatz entsprechen. Anpassungen bei weiter niedrigen Infektionszahlen müssen noch dynamischer vorgenommen werden.

Wie könnte dies aussehen?

Geppert:Virologe Prof. Drosten hatte kürzlich gemeint, dass im Außenbereich die Ansteckungsgefahr so gering ist, dass hier sogar der normale Tischabstand genügen würde. Das sollte man sofort aufnehmen und umsetzen, denn es würde zum Überleben der Betriebe wesentlich beitragen, ohne die Gesundheit der Gäste zu gefährden. Nicht nur beim Lockdown kam es darauf an, entschlossen und schnell zu reagieren, sondern auch beim Wiederhochfahren.

Sie sagen, die Kommune sollte bei weiteren Hilfen jeden Stein umdrehen und Bad Aibling als Positivbeispiel etablieren: Welche Möglichkeiten gäbe es aus Ihrer Sicht?

Geppert: Die Stadt hat gerade unter ihrem neuen Bürgermeister schon viele sehr wichtige und richtige Entscheidungen getroffen. Die Ausweitung der Freischankflächen, die Möglichkeiten für zinsfreie Stundungen kommunaler Steuern und Abgaben, Förderung von regionalem Einkauf und vieles mehr. Es wird sogar geprüft, wie Flächen von Clubs als städtische Ausweichflächen genutzt werden können. Denn es gilt auch diesen Betrieben ein Überleben zu sichern. Das ist vorbildlich. Da der Überlebenskampf allerdings noch länger anhalten wird, braucht es weitere Anstrengungen.

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Welche wären das?

Geppert: Es sollte alles durchdacht werden, um unsere Strukturen zu erhalten. Handel und Gastgewerbe sind Schlüsselfaktoren für eine lebendige Stadt. Die müssen wir mit aller Macht erhalten. Die betrieblichen Hygienekonzepte funktionieren, dennoch sind die Menschen noch zurückhaltend. Wir sollten dem österreichischen Beispiel folgen und überlegen, wie wir als erste Stadt in Deutschland durch regelmäßige Testungen aller gastgewerblichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Maximum an Sicherheit für einen noch sorgenfreieren Aufenthalt in Bad Aibling garantieren können. Hier könnten wir eine Vorreiter““rolle einnehmen und unseren Betrieben direkt helfen. Bad Aibling könnte diesbezüglich bundesweit ein Vorbild sein.

Wie kann der DEHOGA hier unterstützend wirken?

Geppert: Einerseits durch Kontakte, andererseits durch zahlreiche Informationen und Hilfestellungen. Diese stellen wir über die Aib-Kur direkt den Betrieben zur Verfügung. Wir sind immer ansprechbar.

Rechnen Sie mit Insolvenzen und wenn ja, in welcher Größenordnung?

Geppert: Ausgeschlossen sind sie nicht. Die Branche steht erst am Anfang eines langen und völlig offenen Überlebenskampfes. Wir vom DEHOGA kämpfen aber um den Erhalt eines jeden Betriebs.

Gibt es etwas, das Sie (verhalten) optimistisch stimmt oder ist die Lage immer noch viel zu ernst?

Geppert: Die sinkenden Infektionszahlen. Sie sind der entscheidende Maßstab.

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