Musik als Herzensangelegenheit

Gabi und Bernhard Schweiger sind die „Eltern“ des Spielmannszuges Beyharting

Mit dem Herzen dabei: Für Gabi und Bernhard Schweiger ist der Spielmanns- und Fanfarenzug Beyharting ihre zweite Familie. Seit 36 Jahren prägen sie die Entwicklung der Formation zu einem großen Orchester.
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Mit dem Herzen dabei: Für Gabi und Bernhard Schweiger ist der Spielmanns- und Fanfarenzug Beyharting ihre zweite Familie. Seit 36 Jahren prägen sie die Entwicklung der Formation zu einem großen Orchester.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Im Corona-Jahr ist es still – sogar in Beyharting: Keine 1000 Proben, keine 40 Auftritte pro Jahr. Und doch macht der Spielmanns-und Fanfarenzug mit dem Kulturpreis des Landkreises von sich reden. Den Grundstein für den Erfolg der Musiker haben Gabi und Bernhard Schweiger gelegt.

Tuntenhausen – Der zweite Lockdown hat selbst das leise „Anspiel“ der Spielmannszügler wieder verstummen lassen. Doch als ob im Hintergrund der Taktstock dennoch geschwungen würde, macht der Spielmanns- und Fanfarenzug auch im „staden Jahr“ von sich reden. Dieser Tage wurde er mit dem Kultursonderpreis des Landkreises Rosenheim ausgezeichnet.

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„Das ist vor allem eine Würdigung unserer Jugendarbeit, denn da sind wir Weltmeister“, freuen sich Gabi und Bernhard Schweiger. Auch wenn die beiden 2019 die Leitung des Vereins an die nächste Generation übergeben haben, bleiben sie wohl für immer die „Eltern“ des Beyhartinger Spielmannszuges. „Das ist unser drittes Kind“, sagen sie. Und für ihre Spielleute sind die Schweigers „Anker, Antrieb und Stabilität“, wie Andrea Cardin sagt, selbst schon seit „30 Jahren plus“ als Saxofonistin im Verein.

35 Jahre an der Spitze des Vereins

35 Jahre lang haben Gabi und Bernhard Schweiger die Geschicke des Spielmannszuges als Vorsitzende mitbestimmt. „Nach seinem zehnten Gründungsfest im Jahr 1986 stand der Verein kurz vor seiner Auflösung. Die Luft war einfach raus“, erinnert sich Bernhard. Ein neuer Vorstand wird gewählt: Die Schweigers – damals gerade 19 und 22 Jahre alt – sind dabei.

Die Jugend leitet einen Transformationsprozess ein. „Es musste sich etwas ändern“, erinnert sich Schweiger. Viele gute Musiker gehen zu den Blaskapellen. Auch der allgemein verbreitete Spott, Spielmannszüge könnten nur „scheppern und Krach machen“, kratzt an der Musikerehre.

Spielmannszug geht auch anders

Die Beyhartinger wollen beweisen, dass Spielmannszug auch anders geht. Mit dem Entschluss, künftig auch Ohrwürmer zu spielen, beginnt die Veränderung. Doch die Möglichkeiten von Naturtonfanfaren, bei denen die Töne nur mit den Lippen erzeugt werden, sind begrenzt.

Also werden Blechblasinstrumente mit Ventilen angeschafft: Zuerst Trompeten, Althörner, Sousafone und Konzertflöten. Statt der Naturtonreihe kann nun die gesamte Tonleiter gespielt werden. „Der Sound wurde satter, also haben wir noch Posaunen, Baritone, Oboen und Saxofone dazugestellt“, beschreibt Schweiger die Entwicklung.

Die Musiker feilen am Klang. Dafür beschäftigen sie sich mit Musiktheorie, schulen ihr tonales und rhythmisches Gehör, verfeinern in vielen Übungsstunden ihr Können an den Instrumenten, studieren Rhythmik und Harmonie. Aus der einfachen wird harmonische Blasmusik.

Aus Spielmannszug wird ein Orchester

„Und so wurden wir immer mehr zu einem Orchester“, beschreibt Schweiger. Als sich die Frage stellt, wie ein Orchester geleitet wird, macht der Kfz-Meister Bernhard wieder Kurse, lernt das Dirigieren, die Probenarbeit, das Lesen und Schreiben von Partituren oder die Aufstellung eines Orchesters. Seine Frau – von Beruf Zahnarzthelferin – widmet sich der Jugendarbeit und unterrichtet Musiktheorie mit Gehörbildung.

Kein Tag vergeht, an dem die beiden nicht für ihren Verein auf Achse sind. Ihre Kinder Mathias und Alexandra werden in den Spielmanns- und Fanfarenzuges hineingeboren. Mit sieben beziehungsweise vier Jahren laufen sie das erste Mal beim Oktoberfestumzug mit. Sie sind stolz auf ihre ersten Jobs als Taferlträger. Und ganz selbstverständlich treten sie in die musikalischen Fußstapfen ihrer Eltern. Mathias (28) spielt Posaune, Alexandra (25) Trompete. Heute ist sie die stellvertretende Vereinsvorsitzende und leitet die Registerproben der Trompeter. „Der Verein ist unsere zweite Familie. Hier kennen wir jeden, haben einen großen Freundeskreis“, beschreibt Alexandra das Gemeinschaftsgefühl.

Meister ihres Faches

Der Ehrgeiz der Schweigers hat den Spielmannszug vorangebracht. Die Beyhartinger sind in der Szene bestens bekannt, spielen in der Oberstufe der deutschen Musikverbände, sind zweifacher Bayerischer Meister und Deutscher Vizemeister. Vor einem Jahr haben die Schweigers die Vorstandschaft der Spielleute an die Jugend übergeben. „Es müssen alte Bäume weichen, damit sich junge entfalten können“, sagt Bernhard (57). Als musikalischer Leiter, Dirigent, als Musiker und Ausbilder sind sie zwar immer noch ehrenamtlich in Aktion – nun allerdings aus der „zweiten Reihe“.

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Nachwuchssorgen haben die Beyhartinger nicht. Mit der erweiterten Besetzung ist auch das Interesse am Orchester größer geworden. Wären alle von der Pike auf ausgebildeten Musiker geblieben, gehörten heute wohl um die 250 Leute zum Spielmanns- und Fanfarenzug. Und auch wenn er mit 80 Musikern ein großes Orchester ist, „schmerzt es doch, wenn ein Musiker seiner Wege geht“, gibt Gabi Schweiger zu.

Musik und Spielleuten weiter verbunden

Die gewonnene Freizeit – ganz besonders im Corona-Jahr – füllen die Schweigers mit neuen Aufgaben aus. Gabi (53) leitet jetzt den Bayerischen Landesverband für Spielmannswesen. „Meine Mutter ist eben eine echte Powerfrau“, sagt ihre Tochter. Und Bernhard erfüllt sich einen Kindheitstraum: „Er hockt im Keller und lernt das Gitarrespielen“, verrät Alexandra.

Den Taktstock der Beyhartinger Spielleute schwingen die beiden immer noch – und das nicht nur auf Konzerten. Sie feilen weiter am Klangbild des Orchesters. „Jetzt haben wir endlich Röhrenglocken gekauft“, freut sich Gabi.

Weitere Effektinstrumente wie eine vierte Pauke oder ein Tamtam stehen noch auf dem Plan. Und so kommt der mit 1500 Euro dotierte Kultursonderpreis vor allem im Corona-Jahr gerade recht, denn ohne Auftritte fehlt auch das Geld für neue Instrumente.

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