75 Jahre Kriegsende

Von der Front überrollt – Anni Eckleder aus Vagen muss als 15-jähriges Mädchen flüchten

Eine neue Heimat hat Anni Eckleder (89) vor 75 Jahren in Vagen gefunden. Merk
  • vonKathrin Gerlach
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Anni Eckleder ist 89 Jahre alt. Vor 75 Jahren flüchtete sie aus ihrem Heimatort Dirschenhof in Oberschlesien. Doch ihr Treck wurde von der russischen Front überrollt. Sie mussten zurück, in russisch und polnisch verwaltete Gebiete. Was sie dort erlebte, lässt sie bis heute nicht los.

Vagen – „Hier bin ich jetzt glücklich“, sagt Anni Eckleder. Im August wird sie 90 Jahre alt. Ihren Kindern, Enkeln und inzwischen acht Urenkel geht es gut. Und doch wird sie in diesen Tagen auch von einer großen Traurigkeit erfasst. In dem Buch „Die Flucht und Vertreibung aus Oberschlesien“ blättert sie jetzt fast täglich. „Ich denke oft an meinen Vater“, erzählt sie. „Was wird er wohl durchlitten haben, ehe er sterben durfte“, sagt sie traurig. Das Buch hat ihr viele Jahre nach der letzten Begegnung mit ihrem „Vatl“ eine schmerzliche Antwort gegeben.

Im oberschlesischen Ort Dirschenhof – etwa acht Kilometer von Troppau im Sudetenland und nur 100 Meter von der tschechischen Grenze entfernt – leben Johann (44) und Berta (43) Marzadek in ihrem schönen Einfamilienhaus. Gemeinsam mit ihren sieben Kindern und den beiden Enkeln im Alter von neun Monaten und 19 Tagen.

Mit dem Treck in Richtung Westen

Im Frühjahr 1945 geht der Zweite Weltkrieg seinem Ende entgegen. Die Ostfront rückt unaufhaltsam näher. Troppau – heute Opava in Tschechien – wurde schon mehrfach bombardiert. Vater Johann, Zugführer bei der Deutschen Reichsbahn, bereitet die Flucht seiner Familie vor. Einen Wagen und ein Pferd bekommen sie von den Nachbarn. In den späten Stunden des 23. März 1945 bricht die Familie auf. „In der ersten Nacht kamen wir nur fünf Kilometer weit. Wir übernachteten auf der Straße im Stroh, es war frostig kalt“, erinnert sich Anni Eckleder, damals gerade 15 Jahre alt.

Zwei Wochen sind sie unterwegs, erreichen Reigersdorf. Sie wollen weiter, es bis in den amerikanischen Sektor schaffen, doch sie kommen nur bis nach Mährisch-Schönberg (heute Šumperkin in Tschechien). Hier werden sie von der Front überrollt. Wie viele andere Flüchtlinge verstecken sie sich in einem Keller.

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Plötzlich hören sie einen russischen Soldaten schreien: „Naruschu! – Raus!“ Es fällt ein Schuss. „Mein Vater ging als erster hinaus. Zum Glück hat ihn der Schuss nicht getroffen“, erinnert sich Anni. Die Familie wird wieder nach Hause geschickt.

Anni als Mädchen – kurz vor der Flucht.

Alle Wegweiser sind inzwischen auf russisch. Als sie wieder in Dirschkenhof ankommen, wissen sie, dass ihnen nichts geblieben ist. „Das Haus war geplündert worden. Alles, was mein Vater eingemauert und in der Scheune vergraben hatte, war weg“, beschreibt die 89-Jährige das Chaos: „Man kann es sich nicht vorstellen. Alles war zerfleddert und kaputt.“

Doch die materiellen Verluste sind nichts im Vergleich zu dem, was Familie Marzadek nun erwartet. „Meine Tante Mariechen lebte mit zwei kleinen Kindern und ihrem alten Vater nur zwei Häuser weiter“, erzählt Anni. „Sie wurde von mehreren Russen auf den Heuboden gezerrt und vergewaltig. Ihren Vater hatten sie vorher ohnmächtig geschlagen.“ Acht Monate später findet die junge Frauen einen Arzt, der das Kind abtreibt. Zu groß ist die Schande.

Sicheres Versteck im Kornfeld

Die 15-jährige Anni entgeht diesem Schicksal. „Sobald mein Bruder russische Soldaten sah, kam er angerannt, um uns zu warnen. Dann haben wir Mädchen uns solange im Mais- oder Kornfeld versteckt, bis die Luft rein war.“

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Dann übernehmen die Polen die Kontrolle im einstigen Oberschlesien. „Sie waren voller Hass, haben geprügelt und sich für all das gerächt, was ihnen die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges angetan haben“, erinnert sich die 89-Jährige voller Verzweiflung. Sie ist sich der Schuld der Deutschen bewusst. Doch sie weiß auch, dass die Rache auch unschuldige Menschen zu Opfern machte. Menschen wie ihren Vater. „Die Polen haben damals alle Männer abgeholt, die in der NSDAP waren“, erzählt sie. „Mein Vater hätte noch flüchten können, doch er stellte sich, denn er hatte ja nichts getan.“

An der Front war der 44-Jährige nicht. „Er hat im Krieg nur den Passagierzug von Troppau nach Berlin begleitet“, erzählt sie. Nie hat sie ihren Vater wiedergesehen. „Wir haben damals auch nicht erfahren, wohin er gebracht wurde und was mit ihm passiert ist“, berichtet die Tochter.

Der Vater stirbt im August 1945

Bis sie einen Brief erhalten: Mit der Nachricht, dass der Vater am 2. August 1945, um 19 Uhr verstorben sei. „Auf polnisch war der“, sagt sie. „Das Wort Pochowanie konnten wir aus dem Mährischen ableiten. Es heißt Bestattung.“ Doch dass ihr Vater tatsächlich bestattet wurde, glaubt sie bis heute nicht.

Erinnerungen an die Familie aus dem Jahr 1942: Das ist eines der letzten Fotos, die Anni Eckleder von ihrem Vater Johann (rechts) hat, der im Arbeitslager starb.

Erst viele Jahre später erfährt Anni Eckleder, dass ihr Vater im Kohlebergwerk „Laurahuta“ in Semjowice arbeitete. In der Nähe von Krakau – einer polnischen Stadt, in der die Nazis im Zweiten Weltkrieg fast die Hälfte der Bevölkerung und fast die gesamte jüdische Gemeinde auslöschten.

Das Buch, das die 89-Jährige dieser Tage wieder in den Händen hält, hat sie auch über das Schicksal ihres Vaters aufgeklärt: „Der 44-jährige Johann Marzadek starb an den Misshandlungen.“ Noch heute schmerzt ihr Herz, wenn sie sich vorstellt, was ihr Vater durchlitten haben muss.

Im Westen war Welt noch „in Ordnung“

Am Abend des 5. Dezember 1945 kam die 15-jährige Anni mit ihrer Mutter und den Geschwistern nach einer beschwerlichen und lebensgefährlichen Flucht in Vagen an. „Hier gab es sogar einen Nikolaus. Es war unbeschreiblich, wie gut es den Menschen hier ging. Wir glaubten, wir seien im Märchenland angekommen. Auch wenn der Bahnhof in Rosenheim zerbombt war, war hier im Westen die Welt noch irgendwie heil. Und der Osten blutete. Was war da für eine Not und ein Elend!“

In Vagen hat sich Anni Eckleder ein neues Leben aufgebaut. Erst mit ihrer Mutter und den Geschwistern. Dann mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Heute auch mit Enkeln und Urenkeln.

Spuren in der alten Heimat

Oft ist sie in den vergangenen Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt – nach Dirschkenhof, dem heutigen Dirschkowitz in Polen. „In unserem Haus lebt jetzt eine polnische Familie. Sie haben es sich wirklich schön gemacht“, erzählt sie. Und eines Tages wurde Anni sogar gefragt, ob sie zurückkehren und ihr Haus wiederhaben wolle: „Das hat mich sehr gerührt. Aber nein, das wollte ich natürlich nicht. Die polnische Familie sollte dort in Ruhe weiterleben können. Und wir haben doch jetzt in Vagen eine neue Heimat gefunden.“

Auch ihr Vater Johann hat 75 Jahre nach seinem Tod einen würdigen Platz erhalten. „Direkt gegenüber der einstigen Hütte ist eine Kriegsgräbergedenkstätte. Und dort steht jetzt auch der Name meines Vaters“, ist die 89-Jährige dankbar dafür, dass er seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

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