Finger in die Wunde: Bruckmühler protestieren gegen Mahd der Hainerbach-Uferböschung

Die Böschung des Hainerbachs wurde geschlegelt. Das Heu verrottet. Dadurch wird die Grasnarbe geschwächt. Gerlach

Nach dem Bienenvolksbegehren wurde das Naturschutzgesetz geändert. Jetzt sind fünf Meter breite Wiesenstreifen am Rand von Gewässern Pflicht. Am Bruckmühler Hainerbach sind sie von Natur aus gegeben. Doch der Grat zwischen für den Hochwasserschutz notwendiger Pflege und Naturschutz ist schmal.

Von Kathrin Gerlach

Bruckmühl– Sissi und Ralf Lenhart ärgert das schon seit langem. Doch ihre Bemühungen, das zu ändern, verliefen bislang im Sande. Ihr Garten am Forellenweg in Mittenkirchen ist eine urwüchsige Idylle. Die Beiden lassen der Natur ihren Lauf und erfreuen sich an den Tieren, die sich hier wohlfühlen: Blindschleichen, Ringelnattern, Frösche, Finken, Kernbeißer, Spechte und Insekten.

Natürliches Paradies wird beschnitten

Dieses natürliche Paradies endet hinter ihrer Thuja-Hecke. Dabei plätschert direkt vor ihrem Grundstück der Hainerbach. „Seine Uferböschung wird immer wieder so intensiv bewirtschaftet, dass Pflanzen und viele Kleinlebewesen vernichtet werden“, beschreibt Sissi. Sie hat „zermähte“ Frösche und Schlangen fotografiert, in der Marktgemeinde Bruckmühl und beim Wasserwirtschaftsamt in Rosenheim auf die Probleme aufmerksam gemacht. „Doch geändert hat sich nichts“, sagt sie.

Erst vor zwei Wochen bekam ein Uferabschnitt wieder einen Radikalschnitt. Diesen Widerspruch zwischen Gesetz und Realität können die Lenharts nicht nachvollziehen: „Wir machen ein Volksbegehren, um die Bienen zu retten, ändern das Naturschutzgesetz, zwingen die Bauern, fünf Meter breite Gewässerrandstreifen in Blumenwiesen umzuwandeln. Und dann werden naturnahe Uferböschungen wie hier am Hainerbach einfach abgemäht“, bringen sie ihre Kritik auf den Punkt.

Der „schwarze Peter“ ist schwer auszumachen. „Die Behörden schieben einander die Verantwortung in die Schuhe. Keiner will es gewesen sein“, gibt Sissi Lenhart die Antworten wider, die sie in den vergangenen Jahren erhielt.

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Tatsächlich liegt die Verantwortung für den Hainerbach in unterschiedlichen Händen. „Um diese Zeit mähen wir an keinem Bach. Das ist eine tödliche Situation“, wettert Martin Göhly von der Marktgemeinde Bruckmühl. „Die Pflanzen müssen erst abblühen, ihre Samen auf der Böschung verteilen.“

Marktgemeinde ist sensibilisiert

Die Marktgemeinde hat auf den Hinweis der Anrainer reagiert. „Ich sehe das genauso wie die Lenharts“, betont Bürgermeister Richard Richter. Er hat sein Team sensibilisiert. Deshalb werde jetzt nur noch einmal im Jahr gemäht.

Trotzdem wurde auf einem etwa 200 Meter langen Bachabschnitt im Verantwortungsbereich der Gemeinde die Uferböschung geschlegelt. „Jetzt liegt die Mahd rum und vergammelt. Das schwächt die Grasnarbe der Uferböschung und kann bei Hochwasser zur Verstopfung der Durchlässe führen“, sagt Göhly empört.

Er hat recherchiert, wer die Verantwortung trägt, sich im gemeindlichen Bauhof und bei den Subunternehmen umgehört. Keiner seiner Leute will es gewesen sein.

Hochwasserschutz contra Naturschutz?

„Wir waren das“, informiert Paul Geisenhofer, der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim nach Rücksprache mit seinem Flussmeister. Im Oberlauf gilt der Hainerbach nicht als Gewässer dritter Ordnung in der Verantwortung der Kommune. Hier ist er ein ausgebauter Wildbach und wird vom Wasserwirtschaftsamt „gebändigt“.

Schon seit 1962 ist der Freistaat nach dem Bayerischen Wassergesetz für den Ausbau der Wildbäche zuständig, da Siedlungen und Infrastruktur immer weiter in gefährdete Gebiete hineindrängten, und die Sicherung der Wildbäche mit hohen Kosten und technischen Anforderungen verbunden war.

„Die Wildbäche am Irschenberg führen bei Starkregen große Wassermengen, können schnell ausufern“, macht Geisenhofer auf die Gefahren aufmerksam. Deshalb müsse man Prioritäten setzen und zugleich Kompromisse finden: „Wir müssen den Hochwasserquerschnitt freihalten, aber wir wollen auch naturnahe Gewässer und keine Entwässerungsgräben. Deshalb pflegen wir die Uferbereiche unter ökologischen Gesichtspunkten“, betont der Amtsleiter. Es werde so spät wie möglich gemäht, damit die Wiesenböschungen ausblühen und Samen verteilen können.

„Ende Juni ist ok, da sind die Frühblüher abgeblüht. Diese Vorgehensweise ist schon ein kleiner Fortschritt“, bestätigt Reinhard Mehlo, der Bruckmühler Ortsvorsitzende des BUND Naturschutz Bayern.

Das Bayerische Landesamt für Umwelt hat schon 2013 eine Arbeitshilfe zur Unterhaltung von Gräben herausgegeben. Dort heißt es: „Sofern abflusstechnisch möglich nur einseitig im jährlichen Wechsel mähen. Wertvolle Bestände stehen lassen. Nur den unteren Teil im Abflussbereich mähen. Möglichst selten mähen (seltener als einmal pro Jahr), um das Entstehen von naturschutzfachlich wertvollen Strukturen zu begünstigen.“

Uferböschungen des Moosbachs werden im Jahreswechsel gemäht

Genau so machen es die acht Landwirte vom Wasser- und Bodenverband Moosbach, die den Bachlauf zwischen Noderwiechs und dem ehemaligen Fliegerhorst pflegen. „Einmal im Jahr muss man aber mähen, damit das Gras mehr Wurzelmasse bildet und die Uferböschung stabilisiert wird“, erklärt Georg Pritzl. Er gehört zu den Landwirten, die entlang des Moosbaches den Ackerbau reduzieren mussten und fünf Meter breite Grünstreifen anlegten. Auf eigene Kosten.

Auch die Marktgemeinde Bruckmühl mäht ihren Bereich des Hainerbachs nun nur noch einmal im Jahr und erst im September: „Gemäht wird von unten nach oben und mit einem Mähkorb“, betont Göhly. „Insekten und Kleintiere werden dabei verschont, denn sie können rausschlüpfen.“

Doch wie können Natur- und Hochwasserschutz am Hainerbach noch besser in Einklang gebracht werden? „Indem man gar nicht mäht“, meint Sissi Lenhart: „Schließlich sollen Gewässerrandstreifen ein artenreicher Lebensraum sein und die Gewässer beschatten – und zwar ganzjährig.“

Widerspruch steckt schon im Gesetz

Gerade an seinem Oberlauf könne man die Ufer des Hainerbachs naturnah belassen, stimmt ihr Mehlo zu und ergänzt: „Der Hainerbach ist wieder ein Beispiel für die typisch bayerische Strategie: Wir machen ein Volksbegehren und setzen es dann nicht konsequent um. Wir verbieten entlang der Gewässer garten- und ackerbauliche Nutzung und erlauben intensive Wiesenbewirtschaftung.“

Der BUND-Naturschutzbeauftragte sieht aber noch ein ganz anderes Problem: „Die Landschaft ist in diesem Bereich schon vor vielen Jahren mit künstlichen oder ausgebauten Bachläufen verändert worden. Der Hainerbach ist typisches ,Grünkaputt‘, eigentlich nur noch ein gemauerter Entwässerungskanal.“

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Die beste Lösung wäre eine Renaturierung seines Oberlaufes mit Aufweitung der Rinne. „Aber dafür fehlen sicherlich die Grundstücke.“ Mehlo bezweifelt auch, dass es wirklich erforderlich ist, den Bachlauf regelmäßig mit der Grabenfräse auszuräumen und so neu entstandene Lebensräume immer wieder zu zerstören.

Viele Pflanzen wie Königskerze oder Wilde Karde, die Sissi Lenhart noch vor Jahren am Ufer bewunderte, gibt es schon nicht mehr. Wie lange Mädesüß, Blutströpfchenblume oder Kräuter der regelmäßigen Mahd trotzen, bleibt abzuwarten.

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