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70 Frauen und Kinder in Feldkirchen-Westerham aufgenommen

Bruderkrieg mit Russland schlimmer als Zweiter Weltkrieg: Ukrainische Flüchtlinge erzählen vom Grauen

Trotz der Sorge um ihre Angehörigen in der Ukraine sollen die Kriegsflüchtlinge in Feldkirchen-Westerham gut ankommen und sich wohlfühlen: Sonja (links) und Juliana (rechts) im Gespräch mit (von links) Natalja aus Nikolajew, Inna aus Kiew und Irina aus Charkiw.
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Trotz der Sorge um ihre Angehörigen in der Ukraine sollen die Kriegsflüchtlinge in Feldkirchen-Westerham gut ankommen und sich wohlfühlen: Sonja (links) und Juliana (rechts) im Gespräch mit (von links) Natalja aus Nikolajew, Inna aus Kiew und Irina aus Charkiw.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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„Das sind keine Fake News, das ist die Wahrheit“, sagt Inna (51) aus Kiew. Sie gehört zu den 70 Frauen und Kindern, die es aus dem Krieg in den Frieden geschafft haben. In der Gemeinde Feldkirchen-Westerham wurden sie herzlich aufgenommen. Jetzt erzählen sie vom Grauen, das sie erlebt haben.

Feldkirchen-Westerham – Etwa 70 ukrainische Frauen und Kinder leben derzeit schon bei Familien in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham. Seit Montag, 4. April, treffen sie sich zweimal in der Woche – montags und freitags, jeweils von 9 bis 13 Uhr – im AWO-Raum im Kinder- und Bürgerhaus Westerham. Hier finden sie nach ihrer Flucht aus dem Kriegsgebiet zusammen, knüpfen neue Kontakte, können sich austauschen und versuchen, eine beispiellose menschliche Katastrophe zu überleben. Ihnen zur Seite stehen Menschen, die in Feldkirchen-Westerham schon seit vielen Jahren gemeinsam leben – Deutsche, Moldawier, Russen und Ukrainer.

Es sind schreckliche Bilder Hunderter getöteter Zivilisten, die aus dem ukrainischen Butscha gerade um die Welt gehen. Vergewaltigte Mädchen, mit Kopfschuss hingerichtete Männer, verkohlte Körper. Die ukrainischen Frauen, die im Mangfalltal Zuflucht fanden, haben dieses Grauen gesehen. Unverpixelt. Vor der eigenen Haustür. „Das sind keine Fake News, das ist die Wahrheit“, sagt Inna (51) aus Kiew. Die Tränen laufen ihr über die Wangen, ihre Hände zittern. „Sie wollen uns foltern und erniedrigen, uns Angst machen“, sagt sie.

Sascha ist mit elf Jahren ergraut

Irina (48) hat sich an dem Tag zur Flucht aus Charkiw geflohen, an dem ihr elfjähriger Sohn Sascha ergraute. Sie wurde noch in der Sowjetunion geboren, hat Familie in der Ukraine und in Russland. „Ich habe nicht daran geglaubt, dass Russland uns angreifen und es zu einem Bruderkrieg kommen würde“, gibt sie zu. Doch am Morgen des 24. Februar musste sie mit eigenen Augen sehen, wie über Charkiw Streumunition abgeschossen wurde. „Meine Stadt war wunderschön“, sagt sie traurig: „Heute gibt es sie nicht mehr.“ Die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hätten, sagten, es sei noch schlimmer als damals, erzählt sie.

Mit Sascha und Aljona (21) lebt Irina jetzt bei Hannelore und Georg in Großhöhenrain. Die drei Ukrainer müssen sich noch daran gewöhnen, dass samstagmittags auch im Frieden die Sirenen heulen. In Charkiw konnten sie sich bei Angriffen nur auf den Boden werfen und nicht verstecken, denn einen Luftschutzbunker gab es in ihrer Nähe nicht. Sascha wacht noch immer jede Nacht schreiend auf.

Den Ehemann und Vater mussten sie zurücklassen. „Er wurde gerade am Herzen operiert, hat einen Stent bekommen“, berichtet Irina. „Trotzdem darf er mit 54 Jahren das Land nicht verlassen.“ Er ist in der Wohnung geblieben. Ohne Licht und Strom. Die Fenster sind unter den Detonationen der nahen Bomben geborsten. Nachts herrschen Minusgrade. Lebensmittel gibt es keine mehr, auch Medikamente nicht. Irina macht sich große Sorgen um ihren Mann. „Er braucht sieben verschiedene Medikamente am Tag. Es geht ihm sehr schlecht.“ Eine Whatsapp ploppt auf, während sie erzählt: „Jetzt fallen in Charkiw gerade wieder Bomben“, liest sie die Nachricht ihres Mannes vor. Die 48-jährige Bahndisponentin ist mit den Kindern in Sicherheit, doch: „Aufatmen können wir trotzdem nicht.“

Wollen die Heimat wieder aufbauen

Auch in den Augen von Natalja (52) steht das Leid geschrieben. Sie hat es aus Nikolajew rausgeschafft, einer stark umkämpften ukrainischen Verteidigungslinie zwischen Cherson und Odessa.

Jewgenia (38) stammt aus Cherson. Als der Flughafen bombardiert wurde, ist zur Mutter nach Energodar bei Saporischschja geflohen. Mit einem Flüchtlingstransport des Roten Kreuzes wurde die Familie über einen humanitären Korridor gerettet. Ihre Mutter ist krank, hatte Angst, die Flucht nicht zu schaffen. Sie ist mit der Schwester zurückgeblieben. Ihr Mann begleitete Jewgenia und ihre Tochter Milana (7) sicher bis an die Grenze. In Lwiw musst er sich verabschieden.

Jeder von ihnen hat unglaubliche Zerstörung, unvorstellbares Leid gesehen. Und doch wollen sie so schnell wie möglich wieder nach Hause. „Ich bin bereit, alles wieder aufzubauen, Hauptsache es ist kein Krieg mehr“, sagt Irina.

Jetzt sind etwa 70 Frauen und Kinder in der Gemeinde in Sicherheit. Auch ein paar Männer sind unter den Geflüchteten. Das verwundert im ersten Moment, doch die einen sind längst Rentner. Ein jüngerer Mann hat vier Kinder und erklärt: „Bei Familien mit mehr als drei Kindern dürfen auch die Väter das Land verlassen.“

Die meisten der ukrainischen Flüchtlinge haben ihre Unterkünfte über Freunde und Bekannte gefunden. Ein junges Paar kam zuerst in der Turnhalle in Bruckmühl an. Beide studierten in Charkiw, als der Krieg begann. Sie stammt aus Aserbaidshan, er aus Marokko. Sie erwarten ein Kind, und dürfen jetzt bei einer Familie in Vagen leben.

Stündlich treffen am Montagvormittag neue Flüchtlinge im Westerhamer AWO-Treff ein und begrüßen ihre Landsleute mit der Frage: „Charkiv? Cherson? Odessa? Nikolajew?“

„Es gibt noch ein paar Schwierigkeiten mit der Anmeldung“, berichtet Sonja Harig von der Volkshochschule. Wer sich online registriere, warte vergeblich auf eine Antwort. Die persönliche Registrierung in Rosenheim sei aktuell sehr kompliziert. Daher werde gerade empfohlen, sich in der Gemeinde anzumelden.

Immer mehr Helfer vernetzen sich in einer Whatsapp-Gruppe. Darunter auch die Dolmetscherin Tatjana oder die Maschinenbau-Ingenieurin Juliana, die in Russland geboren wurden, aber schon seit 20 Jahren in Deutschland leben. Sie helfen beim Übersetzen und Ankommen. Genauso wie Stefan aus Bruckmühl. Er wurde in Moldawien geboren, wuchs in der Nähe von Odessa auf und spricht fließend russisch. Damit er helfen kann und sein Unternehmen trotzdem weiterläuft, hat er am Wochenende gearbeitet. Auch Helferinnen des Sozialen Netzwerkes sind vor Ort. Und so versucht jeder, seinen Beitrag zu leisten, um das Leid zu lindern. Damit es den Kindern besser geht, dürfen sie bereits die Grund- und Mittelschule in Feldkirchen-Westerham besuchen.

Kontakt und Spendenkonto

Spendenkonto:

Soziales-Netzwerk Feldkirchen-Westerham

IBAN: DE67 7115 0000 0020 0493 83

BIC: BYLADEM1ROS

Verwendungszweck „Ukrainehilfe“

Soziales Netzwerk

Telefon: 0 80 63/9 72 94 74

E-Mail: servicestelle@soziales-netzwerk-fw.de

Helferkreis

E-Mail: ukrainehilfe@feldkirchen-westerham.de

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