Feldkirchen-Westerham: So sinnvoll ist die Bestandsaufnahme des Verkehrs

Über diese Straße hat der Gemeinderat hinsichtlich einer 30er-Zone schon mehrmals diskutiert: Beengte Verbindung über die Naringer Straße in Westerham in Richtung Holzolling.
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Über diese Straße hat der Gemeinderat hinsichtlich einer 30er-Zone schon mehrmals diskutiert: Beengte Verbindung über die Naringer Straße in Westerham in Richtung Holzolling.

„Jahrelanges Weiter-Analysieren“: Theobald Schneider, Sprecher der Arbeitskreises Verkehr – Agenda 21 Feldkirchen-Westerham, über angedachte Verkehrsbestandsaufnahme durch ISEK. Was er davon hält, was am dringendsten angepackt werden muss und was er der Kommune vorwirft, lesen Sie hier.

Von Ines Weinzierl

Feldkirchen-Westerham – Mithilfe des „Integrierten Städtebauliche Konzeptes“ (ISEK) soll eine umfassende Bestandsaufnahme des Verkehrs auf den Weg gebracht werden. Dazu hat sich der Gemeinderat Feldkirchen-Westerham einstimmig entschieden.. Wie Theobald Schneider, Sprecher vom „Arbeitskreis Verkehr – Agenda 21 Feldkirchen-Westerham“ diese Bestandsaufnahme beurteilt und warum er die Kommune „jahrelanges Weiter-Analysieren“ vorwirft, verrät er hier.

Herr Schneider, wie bewerten Sie, dass der Gemeinderat jetzt Stärken und Schwächen im Verkehr mithilfe des ISEK analysieren lassen will?

Theobald Schneider: Verkehr als Zukunfts- und Planungsthema in ein „städtebauliches Entwicklungskonzept“ zu integrieren ist logisch und sinnvoll. Den Ratsbeschuss vom März 2019, in diversen Wohngebieten nach Möglichkeit Tempo 30-Zonen einzurichten, hätte man dafür nicht – wie im Zuge des ISEK-Beschlusses geschehen – aufheben müssen. Die Freude über jahrelanges Weiter-Analysieren dürfte sich in den Tempo 50-Wohngebieten in Grenzen halten.

Welche Stärken und Schwächen im Verkehr gibt es Ihrer Meinung nach?

Schneider: Noch attraktivere Mangfalltalbahn, die Trends zu Home-Office und leiseren E-Autos sowie der Leitbildbeschluss des Gemeinderats vom März 2000 „Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer im innerörtlichen Bereich“ sind Chancen – falsche Prioritäten und immer noch mehr LKW-Transporte parallel zur mautpflichtigen Autobahn sind Risiken. Wir haben nicht zu wenig Straßen, sondern zu viel und zu oft rücksichtslosen motorisierten Durchgangsverkehr.

Laute Verkehre beruhigen

Was muss Ihrer Meinung nach am dringendsten angepackt werden?

Schneider: Prioritäten und alltägliche Entscheidungen an den Notwendigkeiten des 21. Jahrhunderts ausrichten. Klimaschutz ernst nehmen hieße, dem Auto- und LKW-Verkehr nicht noch attraktivere Straßen zu bauen. Laute Verkehre ab 2021 beruhigen statt ab 2031 auf neue Trassen lenken.

Sie sagen, die Kommune ist quasi in der Dauer-Analyse, wie meinen Sie das?

Schneider: Ein umfassendes Verkehrskonzept für die Zukunft sollte kein Ersatz für konkrete Maßnahmen heute sein. Mit der Aufhebung der 2019er-Beschlüsse zur Verkehrsberuhigung sind wir nun wieder in der Konzept- und Analysephase angekommen. Beim Sektor Energie käme niemand auf die Idee, einen 2019er Solarstrom- oder Nahwärmebeschluss 2020 wieder aufzuheben, weil man ihn erst noch in ein „Gesamtkonzept“ integrieren möchte.

Wo sehen Sie in der Gemeinde den dringendsten Handlungsbedarf was Tempo 30 betrifft?

Schneider: Man muss zwischen Tempo 30-Strecken und Tempo 30-Zonen unterscheiden. Erstere werden leider oft erst nach Unfallhäufungen genehmigt. Zu Tempo 30-Zonen in Wohngebieten hatte die Polizeiinspektion Bad Aibling vor der Bauausschuss-Sitzung vom November 2011 „angeregt, ein Gesamtkonzept für die ganze Gemeinde zu erstellen“. Dafür hätte der nun aufgehobene Ratsbeschluss vom März 2019, ein schlichtes Tempo50-Bedarfsnetz in einen Plan der Gemeinde Feldkirchen-Westerham einzuzeichnen, der entscheidende Baustein sein können.

Forderung an die Kommune

Was wünschen Sie sich von der Kommune?

Schneider: Einen Klimaschutzbeschluss auch für den Sektor Verkehr. Beton und Asphalt verursachen extrem viel Kohlenstoffdioxid. Mehr und schnellere Straßen verursachen in Summe noch mehr Verkehr. Verkehrsberuhigung auch auf der Staatsstraße ist realistisch, wenn man sich etwa am Pilotprojekt Bad Endorf oder an Siegsdorf ein Beispiel nähme. Keine Landschaftsopfer und Tunnelträume, dafür Tempo 30 mit Vorfahrt im Ortskern. Und Tempo 30-Zonen in Wohngebieten auch unabhängig von Städtebaukonzepten.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Gemeinde?

Schneider: Seitens des AK Verkehr waren die Vorschläge offensichtlich nicht gut genug. Seit dem Ratsbeschluss vom März 2019, ein Tempo50-Bedarfsnetz der Gemeinde festzulegen, um dann in der Restfläche Tempo30-Zonen zu ermöglichen, wurden Kooperationsangebote des AK Verkehr nicht mehr angenommen. Auch nicht zu den in der damaligen Ratssitzung obligatorisch gemachten Bürgerbefragungen in den Orten Feldkirchen, Westerham, Feldolling, Altenburg, Aschbach und Reit. Hier hatte 19 Monate lang ein Tempo30-Zonen-Beschluss gegolten.

Was kann jeder Bürger tun?

Schneider: Nach der kürzlichen Aufhebung des Beschlusses vom März 2019, wonach die Bürger in Wohngebieten für T30-Zonen votieren konnten, nun wieder weniger. Von einem Gemeinderat, der im November 2020 für die Aufhebung stimmte, kam der Vorschlag, Anwohner könnten, statt Tempo 30 zu fordern, mit den Schnellfahrern reden.

Bedrückende Vorstellung

Wo drückt der Schuh in puncto Verkehr in der Gemeinde am meisten?

Schneider: Außerhalb des stauanfälligen Berufsverkehrs die vielen Mautvermeider-Lkw, die bereits um 5 Uhr früh auf der Staatsstraße durchrauschen. Mit einer ampelfreien Südumgehung würden dann Lkw- und Pkw-Verkehre auch im Kolonnenverkehr zusätzlich motiviert, durch die Gemeinde zu fahren. Eine bedrückende Vorstellung.

Was ist Ihre größte Befürchtung?

Schneider: Dass Klimaschutz auch in unserer Gemeinde ein reines Energiethema bleibt und Mobilitätspolitik weiter von Straßenplanung dominiert wird. Ich befürchte, dass mit der Südumfahrung Feldkirchen falsche Hoffnungen geweckt werden und Verkehrsberuhigung mit dem Aufhebungsbeschluss November 2020 für Jahre auf Eis liegen wird. Und dass auch noch der 2016 vom Gemeinderat einstimmig beschlossene „Lärmaktionsplan“ im Jahr 2021 ohne konkrete Maßnahmen ausläuft.

Theobald Schneider

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