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Helfendorf wurde Landkreis München zugeschlagen

Vor 50 Jahren: Wie Feldkirchen-Westerham seinen Landkreis-Nachbarn verlor

Blättern in der Helfendorfer Chronik: (von links) Josef Hellwasser, Sohn des letzten Helfendorfer Bürgermeisters Florian Hellwasser, der langjährige Gemeindemitarbeiter Korbinian Kroiß und Ayings ehemaliger Bürgermeister Johann Eichler.
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Blättern in der Helfendorfer Chronik: (von links) Josef Hellwasser, Sohn des letzten Helfendorfer Bürgermeisters Florian Hellwasser, der langjährige Gemeindemitarbeiter Korbinian Kroiß und Ayings ehemaliger Bürgermeister Johann Eichler.
  • Mathias Weinzierl
    VonMathias Weinzierl
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Vor 50 Jahren wurde die einst eigenständige Gemeinde Helfendorf, die damals zum Landkreis Bad Aibling gehörte, dem Kreis München zugeschlagen. Wie die Helfendorfer darauf reagierten – und welche Aiblinger Spuren sich heute noch in der ehemaligen Gemeinde finden.

Feldkirchen-Westerham/Aying – Sie gingen am 30. Juni 1972 im Landkreis Bad Aibling zu Bett und wachten am 1. Juli 1972 im Landkreis München auf: Für die Bürger der damals noch eigenständigen Gemeinde Helfendorf hatte die Gebietsreform ganz spezielle Auswirkungen. Denn der Landkreis Bad Aibling, zu dem sie bis dato gehörten, wurde aufgelöst, die Gemeinde dem Landkreis München zugeordnet. Doch tangiert hat‘s damals scheinbar die Wenigsten: „Uns hat das eigentlich recht wenig berührt“, erinnert sich Johann Eichler (65), der in Helfendorf aufgewachsen war und später Bürgermeister der Gemeinde Aying werden sollte, zurück. „Für die meisten war eigentlich nur das ,M‘ statt dem ,AIB‘ auf dem Autonummernschild gewöhnungsbedürftig.“

Rückblick ins Jahr 1967: Am 25. Januar kündigte der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) in seiner Regierungserklärung die Gebietsreform an, die 1972 durchgeführt werden sollte und die Goppel als „wichtigste innenpolitische Aufgabe“ der Legislaturperiode bezeichnete. Ziel der Reform war es, durch Zusammenlegungen den Verwaltungsapparat zu verkleinern.

So wurden mit Beschluss vom 15. Dezember 1971 am 1. Juli 1972 aus ehemals 143 bayerischen Landkreisen insgesamt 71 neue Landkreise, 23 von ehemals 48 kreisfreien Städten verloren zudem ihre Kreisfreiheit. Auch die Landkreise Bad Aibling und Wasserburg waren Geschichte, deren Gemeinden wurden in den Landkreis Rosenheim, nördliche Wasserburger Gemeinden auch in den Landkreis Mühldorf eingegliedert.

Eine Ausnahme bildete jedoch die Gemeinde Helfendorf, Nachbargemeinde von Feldkirchen-Westerham und bis dato nördlichste Kommune des Landkreises Bad Aibling. Sie wurde nicht in den Landkreis Rosenheim integriert, sondern dem Landkreis München zugeschlagen. Was letztlich zu dieser Entscheidung geführt hatte, kann Korbinian Kroiß (83), langjähriger Mitarbeiter der Gemeinde Helfendorf, nicht mehr sagen. „Ich weiß aber, dass es für die Bürger eigentlich so gut wie keine Auswirkungen hatte und die Menschen auch nicht sonderlich bewegt hat“, erinnert sich der 83-Jährige zurück.

Hier auf der Staatsstraße 2078 in Fahrtrichtung Süden, kurz vor dem Ortsteil Aschbach bei Feldkirchen-Westerham, befindet sich eine der Grenzen zwischen Landkreis München und dem Landkreis Rosenheim.

Doch woher kam das große Desinteresse an dieser Veränderung? Ayings Altbürgermeister Eichler schätzt, dass die Helfendorfer zu dieser Zeit mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatten. „In den 60er-Jahren haben sich die Bürger ja massiv dagegen gestemmt, dass der neue Münchner Flughafen im Hofoldinger Forst gebaut wird“, erinnert sich Eichler zurück. „Da hatte sich ein heftiger Widerstand gebildet, der bis nach Tirol seine Unterstützer hatte.“

Mit der Flinte zur Demonstration nach München

So sei ein Helfendorfer sogar mit einer Flinte bewaffnet zu einer Demonstration nach München gereist, wie der ehemalige Ayinger Bürgermeister mit einem Schmunzeln auf den Lippen erzählt. Gebrauch von der Waffe macht er dort aber nicht. Am 5. August 1969 konnte die Region dann aufatmen, als das bayerische Kabinett beschloss, den Großflughafen im Erdinger Moos zu errichten.

Zu diesem Zeitpunkt war vermutlich auch die Aufteilungen der neuen Landkreise bereits in trockenen Tüchern. Doch mit Widerstand seitens der Helfendorfer sei sowieso nicht zu rechnen gewesen, wie Josef Hellwasser (69), Sohn des letzten Helfendorfer Bürgermeister Florian Hellwasser, glaubt. „Zu welchem Landkreis wir gehören, hat eigentlich nie eine große Rolle gespielt“, sagt Hellwasser. „Letztlich kamen die Bürger mit dem Landkreis ja nur in Kontakt, wenn es beispielsweise um Bauangelegenheiten ging, die vom Landratsamt abgesegnet werden mussten.“

Landkreis Bad Aibling: 50.000 Einwohner in 22 Gemeinden

22 Kommunen gehörten bis zur Abschaffung am 1. Juli 1972 dem Landkreis Bad Aibling an, zum 31. Dezember 1971 waren dort etwas mehr als 50.000 Einwohner gemeldet. Den Landkreis bildeten die Kommunen Au bei Bad Aibling, Bad Aibling, Bad Feilnbach, Beyharting, Bruckmühl, Dettendorf, Ellmosen, Feldkirchen, Götting, Großkarolinenfeld, Helfendorf, Höhenrain, Holzham, Hohenthann, Kolbermoor, Litzldorf, Mietraching, Tattenhausen, Tuntenhausen, Vagen, Wiechs und Willing. Nach der Gebietsreform, die nicht nur weniger Landkreise zurfolge hatte, sondern auch ehemals eigenständige Gemeinden zusammenführte, blieben letztlich neben Helfendorf, das dem Landkreis München zugeführt und 1978 in die Gemeinde Aying integriert wurde, nur noch die sieben Kommunen Bad Aibling, Bad Feilnbach, Bruckmühl, Feldkirchen-Westerham, Großkarolinenfeld, Kolbermoor und Tuntenhausen übrig, die seitdem zum Landkreis Rosenheim gehören.

Einziger Wermutstropfen für viele Helfendorfer: die neuen Kfz-Kennzeichen mit dem „M“ statt „AIB“ als Regionalkennung, an die sich die Bürger erst gewöhnen mussten. „Das hat uns nicht geschmeckt“, erinnert sich Eichler. „Wir wollten schließlich nie als die Städter gelten.“ Eine Aussage, die scheinbar bis heute auf viele Helfendorfer zutrifft. Denn nachdem seit November 2012 wieder Altkennzeichen beantragt werden können, sei die Anzahl der Fahrzeuge, die auf „AIB“ oder „MB“ für Miesbach umrüsten, deutlich gestiegen.

Ein weiterer negativer Aspekt dürfte hingegen hauptsächlich für die Gemeindeverwaltung und den Gemeinderat von größerem Interesse gewesen sein: Gehörte die Gemeinde Helfendorf durch die Unternehmen Gassner und Fritzmeier in den 60er-Jahren zu den finanzstärksten Kommunen im Landkreis Bad Aibling, bekam es die Kommune im Landkreis München mit deutlich finanzstärkeren Städten und Gemeinden zu tun. „Da gehörten wir plötzlich zu den ärmeren Kommunen“, so Eichler, der auch in seiner aktiven Zeit als Bürgermeister Gemeinden wie Grünwald oder Pullach finanziell nie das Wasser reichen konnte.

Wäre der Bahnhof Großhelfendorf ein paar Monate früher ans Netz der Münchner S-Bahn angeschlossen worden, hätte der Landkreis Bad Aibling kurzzeitig sogar MVV-Anschluss gehabt.

Doch auch wenn die Neuaufteilung der Landkreis 50 Jahre her ist und an den Menschen scheinbar nahzu unbemerkt vorbeigegangen ist, so sind rund um Helfendorf doch noch Spuren der alten Strukturen zu finden. So ist Helfendorf immer noch dem Grund- und Mittelschulverbund Bad Aibling zugeordnet, ebenso dem selben Notar-Amtsbereich wie Bad Aibling. Und wer einen Gesprächspartner im Ayinger Ortsteil Blindham per Telefon erreichen will, der wählt als Vorwahl die 08063 – und damit die identische Vorwahl eines großen Teils von Feldkirchen-Westerhams.

Klaus Reitner aus Vagen bei Feldkirchen-Westerham im Jahr 2015 bei der Auszeichnung mit der Lehrer-Vogl-Medaille in Silber.

Zudem gibt es auch auf Vereinsebene Zusammenschlüsse, die bis heute Bestand haben. Wie beispielsweise die 18er-Vereinigung, in der sich 18 Trachtenvereine aus dem Altlandkreis Bad Aibling organisiert haben. „Die Zusammenarbeit war da mal a bisserl eingeschlafen“, weiß Klaus Reitner, seit Jahrzehnten Mitglied im Trachtenverein D‘Neuburgler Vagen. „Heute sind da aber wieder viele junge Trachtler, die den Austausch zwischen den Vereinen und über die Landkreisgrenze hinweg antreiben.“

Auch auf Seiten Feldkirchen-Westerhams habe die Gebietsreform 1972 seiner Erinnerung nach zu keinem großen Aufschrei geführt – sondern sei einfach so hingenommen worden. Dass seine Heimatgemeinde Feldkirchen-Westerham dadurch ganz an die Landkreisgrenze gerückt ist, diesem Aspekt kann Reitner sogar etwas Positives abgewinnen: „Wenn ich jemandem erklären will, wo Feldkirchen-Westerham liegt, kann ich jetzt sagen: ,An der Grenze zum Landkreis München‘.“

Während die Eingliederung Helfendorfs in den Landkreis München also ohne große Aufregung verlief, sorgte die Eingemeindung Helfendorfs nach Aying im Jahr 1978 für deutlich mehr Unruhe. Und die ist teilweise heute noch spürbar. „Bis vor einigen Jahren war da noch eine große Rivalität“, sagt Hellwasser. „Wenn da die Sportvereine gegeneinander gespielt haben, ging‘s in der Regel hoch her.“ Mittlerweile hätten sich die Ortsteile mehr und mehr zusammengefunden. So treten die Fußballer im Ligabetrieb als Spielgemeinschaft SG Aying/Helfendorf an. Hellwasser: „Reibereien gibt‘s dennoch immer mal wieder.“

In der 700-seitigen Chronik ist die Gebietsreform, wie hier der Zusammenschluss von Helfendorf und Peiß, zwar Thema. Dass die damals eigenständige Gemeinde aber einem neuen Landkreis zugeordnet worden ist, findet keine Erwähnung.

Kein Wunder also, dass selbst Eichler, der 24 Jahre lang als Bürgermeister die Geschicke der Gemeinde Aying mitgeprägt hatte, die Zuneigung zu seinem Ortsteil, in dem er aufgewachsen und in die Grundschule gegangen war, kaum verhehlen kann. So antwortet er auf die Frage, ob er lieber Bürgermeister einer Gemeinde Helfendorf gewesen wäre, ausweichend. Eichler: „Ich habe als Bürgermeister versucht, jeden Ortsteil gleich zu vertreten und mich für die Bürger dort einzusetzen.“

Wobei das Thema Ortsteile dann einer der wenigen Punkte ist, bei dem sich Eichler fragt, ob die Kommune letztlich im richtigen Landkreis beheimatet ist. „Durch die Struktur mit vielen Dörfern unterscheiden wir uns schon sehr von anderen Kommunen im Lankreis München“, findet der Altbürgermeister. „Was das anbelangt, sind wir den Nachbarlandkreisen wie Rosenheim, Ebersberg und Miesbach deutlich näher.“

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