Keine Sterbeurkunde für Kinder unter 500 Gramm

Gefordert: Existenz für „Sternenkinder“

Ihre toten Söhne Maxi und Kevin sind als Sterne an der Wand verewigt: So halten Sven und Diana Eibl mit ihren Kindern Niclas und Melanie ihre beiden „Sternenkinder“ in Erinnerung. Foto Baumann

Heute wäre Kevin zwei Jahre alt geworden. Doch er starb am 28. August 2007, als seine Mutter im fünften Monat mit ihm schwanger war. Eine Sterbeurkunde hat das Ehepaar Sven und Diana Eibl nie erhalten. Grund: Ein Kind muss über 500 Gramm schwer sein, damit es laut Paragraph 29 der AVO-PSTG (Ausführungsverordnung zum Personenstandsgesetz) als „totgeborenes oder in der Geburt verstorbenes Kind“ gilt.

Bruckmühl – Für die Bruckmühler Familie unverständlich. Sie beteiligt sich an einer Petition, um eine Gesetzesänderung herbeizuführen.

Mit seinen 165 Gramm fällt daher Kevin noch in die gesetzliche Definition einer Fehlgeburt. „Für uns ist das nicht zu fassen, denn der Kleine sah schon aus wie ein richtiger Mensch“, betonte Diana Eibl gegenüber unserer Zeitung. Gleich zweimal verlor sie ein Kind - sogenannte Sternenkinder. Bereits am 16. Dezember 2006 trauerte sie um ihren Sohn Maxi. Er kam über die elfte Schwangerschaftswoche nicht hinaus. Nur ein Jahr später der nächste Schicksalsschlag für die Familie: Kevin stirbt in der 21. Schwangerschaftswoche. „Der Verlust war schwer. Auch unserer ältester Sohn Niclas litt darunter“, erinnerte sich die Mutter.

Dass sie aufgrund der Gesetzeslage keine Sterbeurkunde erhielt und somit auch kein eigenes Grab, traf die Familie schwer. Aus Kostengründen konnten sie sich damals kein eigenes kaufen – es blieb nur eine anonyme Bestattung am damaligen Wohnsitz in Miesbach. Per Sonderregelung durften die Eltern bei der Bestattung dabei sein. „Aber wir können keine Kerzen oder Blumen am Grab aufstellen, uns fehlt ein Platz zum Trauern“, sagte Diana Eibl.

Vor neun Monaten kam Tochter Melanie zur Welt. „Die ganze Schwangerschaft über zitterte und bangte ich, dass dieses Mal alles gut läuft“, schilderte die Mutter. Zu präsent war die Vorgeschichte mit Kevin noch.

Nach Melanies Geburt surfte die junge Frau im Internet und stieß auf die Petition von Mario und Barbara Martin aus Niederbrechen (Hessen). Die Aktion des Paares unterstützen mittlerweile auch einige Prominente. Online kann man unter http://jltfpw.jimdo.com/unterschriftenaktion seine Unterschrift abgeben, dass Paragraph 29 geändert wird. Bis dato wird darin unter anderem von einer „Fehlgeburt“ gesprochen, „wenn das Gewicht des Kindes bei der Geburt weniger als 500 Gramm beträgt und (…) keine Merkmale des Lebens gezeigt hat“.

015 Bürger unterstützen die Petition bereits. Sie alle fordern eine Anerkennung und ein Eintragungsrecht in die Bestandsbücher von allen geborenen Kindern, unabhängig von ihrem Gewicht. Denn bislang werden die „Sternenkinder“ nicht in Personenstandsbüchern beurkundet. „Das heißt, dass diese Kinder rein rechtlich nicht existiert haben und auch nirgends statistisch registriert sind“, so Diana Eibl.

Der Bruckmühler Familie und allen weiteren Betroffenen ist es dabei unerklärlich, wie der Gesetzgeber einen Menschen beziehungsweise ihre Kinder an einer Grammzahl definiert. „Für uns waren diese Kinder real und haben es verdient, als wirkliche Kinder anerkannt zu werden und einen Platz – nicht nur in unserem Herzen, sondern auch in unserem Stammbuch einzunehmen“, so Mario und Barbara Martin. „Unsere Sternenkinder sind geboren, aber offiziell nicht existent“, bringt es Diana Eibl auf den Punkt.

Die Unterschriftenliste wird dann mit Hilfe des Bundesverbands für verwaiste Eltern in Deutschland in Form einer Petition an die Landtags- und Bundesabgeordneten gereicht mit der Bitte um Überprüfung und Änderung der Gesetzeslage für Eltern, deren Kinder auf Grundlage von Paragraphen nicht existieren.

Darüber hinaus hat Diana Eibl für ihre beiden Söhne Maxi und Kevin im Internet ein „Online-Grab“ unter www.strassederbesten.de erstellt. Dort kann man eine imaginäre Kerze entzünden und Kondulenzen eintragen. „Dieses Forum ist gerade bei betroffenen Eltern bekannt. Fremde Menschen drücken einem ihr Beileid zum Verlust des Kindes aus, man gibt sich gegenseitig Halt und Hoffnung“, so Diana Eibl. Auf der Grabseite blinken einem Herzen entgegen, Fotos von dem kleinen, totgeborenen Kevin und zahlreiche Kerzen leuchten. Dieses Online-Grab ist für die Familie eine Möglichkeit, ihre Trauer zu bewältigen. Darüber hinaus sind im Wohnzimmer zwei Sterne aufgemalt. Einer für Maxi und einer für Kevin – „so sind sie immer ein Teil unseres Familienlebens“, betonte Diana Eibl. sm

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