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Abstieg in wunderliche Seelenkammer

Erdstallgänge unter der Kapelle in Reichersdorf geben bis heute viele Rätsel auf

Heimatforscher Sepp Hatzl zeigt die Kultnische, in dem lange Zeit eine Barbarafigur aus Tuff-stein verehrt wurde.
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Heimatforscher Sepp Hatzl zeigt die Kultnische, in dem lange Zeit eine Barbarafigur aus Tuffstein verehrt wurde.
  • Axel Effner
    vonAxel Effner
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Sie beflügeln bis heute die Fantasie der Menschen und gehören zu den großen Geheimnissen der Archäologie und Heimatforschung: Rätselhafte, unterirdische Gangsysteme, die bergmännisch bewanderte Bauleute vor mehr als 1.000 Jahren ins Erdreich gegraben haben.

Irschenberg / Bad Feilnbach – Wie kleine Labyrinthe durchziehen Erdställe bis zu sechs Metern unter der Erde Kirchberge, Friedhöfe oder den Untergrund alter Siedlungsplätze. Waren es Fluchttunnel oder Verstecke in Kriegszeiten, geheime Kultplätze, Orte für wundertätige Durchschlupf-Bräuche oder gar Aufenthaltsräume für Seelen vor dem jüngsten Gericht?

Der Eingang zum Erdstall in Reichersdorf liegt zwischen Heiligenkapelle und angrenzendem Bauernhof.

Unterirdische Gangsysteme

Durch das Fehlen aussagekräftiger Quellen und Fundstücke ist der Sinn und Zweck der geheimnisvollen Erdställe bis heute ins Dunkel gehüllt. Allein in Bayern gibt es über 100 derartige Gangsysteme. Einer der kulturhistorisch am besten erforschten liegt unter der Allerheiligenkapelle im Ortsteil Reichersdorf der Gemeinde Irschenberg. Diese gehört zum Pfarrverband Weyarn.

Der Heimatforscher Sepp Hatzl vom Förderverein Kultur und Geschichte in Weyarn hat sich intensiv mit der Geschichte des Erdstalls und seinem Barbarakult befasst. Mehrmals jährlich führt er kleinere Gruppen durch das Kuriosum, das sich in unmittelbarer Nähe der spätgotischen Filialkirche St. Leonhard befindet. Sie ist seit 1684 Mittelpunkt der alljährlichen Leonhardifahrt im Herbst.

Tore zur Unterwelt öffnen sich

Knarzend öffnet sich die alte Holztür, nachdem Hatzl den gemauerten Torbogen zur Unterwelt hinter der Kapelle aufgesperrt hat. Auf einer steinernen Wendeltreppe geht es im Lichtkegel der Stirnlampen in die Tiefe des Reichersdorfer Erdstalls. Erstaunlich ist der gute Zustand des aus Mörtel und Steinen angelegten, gut mannshohen Treppenabgangs.

Hatzl erklärt: „Nach der Wiederentdeckung des Erdstalls Mitte des 19. Jahrhunderts schuf der Historische Verein von Oberbayern gemeinsam mit Haushamer Bergleuten diesen neuen Einstieg.“ Es geht weiter hinab in ein Reich nachtschwarzer Dunkelheit und enger, ins Erdreich gegrabener Gänge zum Durchkriechen, die sich einst bis nach Au in der Gemeinde Bad Feilnbach gezogen haben sollen. Allein schon ein Blick hinein reicht für heutige Besucher, um Attacken von Klaustrophobie zu schüren.

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Interessant ist die Entdeckungsgeschichte dieses Erdstalls. Ein ansässiger Landwirt stieß 1640 zufällig auf den längst vergessenen Erdstall, als er nach Wasser grub. Die direkt von dem 15 Meter tiefen Brunnen abgehende „Kreuzgruft“ beflügelte rasch die Fantasie der Menschen. Nicht zuletzt dem mühsamen Durchwinden durch die engen Schlupfgänge mag manche wundertätige Heilung von Rückenbeschwerden geschuldet sein. So stellte sich gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs rasch eine Wallfahrt zu dem als heilkräftig angesehen Wasser und der Erde aus dem Erdstall ein.

Wallfahrt zu heilkräftigem Wasser

Die Kranken fanden Linderung bei Kreuzschmerzen, Augenleiden, Koliken, Monats- und Wochenbettbeschwerden, Gliederschmerzen und Geschwüren. Auch Tiere wurden damit behandelt und Äcker wieder fruchtbar gemacht.

Charakteristisch für viele Erdställe sind enge, ins Erdreich gegrabene Gangsysteme und Schlupflöcher.

Der Propst Valentinus Steyrer aus Weyarn wusste die wundertätige Wirkung der Kreuzgruft zu nutzen und errichtete bereits 1644 eine Allerheiligenkapelle über dem Erdstall. So kanalisierte er die Wallfahrt. Er skizzierte erstmals eine einfache Topographie des Gangsystems.

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Hinter dem Altar mit eindrucksvollen Darstellungen der 14 Nothelfer und der Hölle des jüngsten Gerichts ging es früher in die Tiefe. Der neugegrabene Zugang war mannshoch und damit massentauglich für die vielen Wallfahrtsbesucher. Erst im hinteren Teil findet sich das nur etwa 50 Zentimeter breite „Schlupfloch“ zu einem tiefer gelegenen Gangsystem.

Kult um die Heilige Barbara

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr auch eine Kapellennische, in der eine aus Tuffstein gemeißelte Figur der Heiligen Barbara in archaischer Sitzhaltung ver-ehrt wurde. Sie steht heute im Miesbacher Heimatmu-seum. Eine Inschrift deutet auf die Grafen zu Hohen-waldeck als Stifter der frisch erblühten Wallfahrt.

Passend und wie eine Entsprechung ihres Attributs ragt über dem Erdstall schützend wie ein Turm der Kapellenbau auf. Er zieht nach wie vor jedes Jahr viele Besucher an, die sich auf der Suche nach ungelösten Rät-seln auf den Weg in die Tiefe begeben. Nähere Informationen für Führungen gibt es bei Heimatforscher Sepp Hatzl unter der E-Mail foederverein@hatzl-online.de.

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