LESERFORUM

Eine zweifelhafte Entscheidung

Leserbrief zum Beitrag „29500 Puten: Gemeinde gibt nach“ im Lokalteil:

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich ehemalige Gemeinderäte mit Äußerungen zu aktuellen Entscheidungen der Kommunalpolitik ihrer Gemeinde zurückhalten. Bei der Lektüre des oben genannten Artikels am Frühstückstisch blieb mir aber nicht nur der erste Bissen im Halse stecken.

Seit über 30 Jahren ist die Problematik der Putenställe in unserer Gemeinde in unterschiedlichen Wellen der Betroffenheit und der Wertung ein Dauerthema. Es gab immer wieder Streit um Standorte, bau- und immissionsschutzrechtliche Genehmigungen von Erweiterungsbauten von Putenställen, öffentliche Veranstaltungen über Putenbetriebsentwicklungen im Gemeindebereich, Offene Briefe wegen Geruchsbelästigung und bei Bedenken im Gemeinderat auch das Damoklesschwert der Androhung einer Ersatzvornahme durch das Landratsamt im Falle einer Genehmigungsverweigerung.

Da eindeutig öffentliche Belange betroffen waren, war der soziale Friede – auch unter Landwirten – immer wieder in Gefahr.

Eigentlich haben viele Bürger dem neuen Gemeinderat mehr Widerstandskraft gegen eine Genehmigungsbehörde gewünscht, die der Industrialisierung der Landwirtschaft mit allen absehbaren Konsequenzen Tür und Tor öffnet.

Die Landwirtschaft ist heute zum Seismografen einer Entwicklung geworden, die korrigiert werden muss. Es fehlt an Balance zwischen Ökologie und Ökonomie. Grenzenloses Wachstum zerstört unsere Lebensgrundlagen. Verantwortliches Handeln akzeptiert Begrenzungen.

Zum selbstkritischen Überdenken der Situation empfehle ich dem Landratsamt und jedem Feldkirchner Gemeinderat, der sich noch nie in einem Putengroßmaststall umgeschaut hat, die ZDF-Dokumentation „Gute Pute? Hinter den Kulissen der Geflügelindus trie“.

Dr. Otmar Rieß

Feldkirchen-Westerham

Gemeinderat (1990 - 2014)

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