Die Toten vom Sterntal

Im Moor zwischen Bad Feilnbach und Raubling ruhen vier junge Männer

Geheimnisvolles Moor: Um Hubersee, Sterntaler und Kollerfilze ranken sich viele Sagen. Auch im Zweiten Weltkrieg hatten sie ihre eigene, geheime Geschichte. Kaspar Paul hat sie gelüftet und herausgefunden, dass in den unergründlichen Tiefen des Moores noch vier tote Männer und zwei Jagdflugzeuge der Marke Messerschmitt 110 ruhen.
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Geheimnisvolles Moor: Um Hubersee, Sterntaler und Kollerfilze ranken sich viele Sagen. Auch im Zweiten Weltkrieg hatten sie ihre eigene, geheime Geschichte. Kaspar Paul hat sie gelüftet und herausgefunden, dass in den unergründlichen Tiefen des Moores noch vier tote Männer und zwei Jagdflugzeuge der Marke Messerschmitt 110 ruhen.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Jedes Moor hat etwas Geheimnisvolles. Es ist eine scheinbar verwunschene Landschaft, auf deren Grund der Mensch nie ganz gelangen wird. Deshalb ranken sich um Moore viele Sagen – auch um die rund um Sterntal, Moorsee und Kollerfilze.

Bad Feilnbach – Es sind Geschichten von Irrlichtern oder vom „Sterndoier Muatterl“. Wie viel Wahrheit und Fantasie in ihnen steckt, wird für immer ein Rätsel sein. Die jüngere Geschichte des Moores aber ist kein Geheimnis geblieben.

Grabkreuz für verunglückte Piloten

In diesem Jahr hat der Veteranen- und Kriegerverein Litzldorf den Toten des Moores ein neues Denkmal gesetzt, um an die „andere Vergangenheit“ des Moores zu erinnern. Die alte Tafel musste witterungsbedingt erneuert werden. „Zudem wurde zum Gedenken ein von der Gemeinde Raubling gestiftetes Grabkreuz errichtet“, informiert Vereinsvorsitzender Thomas Reiter. Eigentlich sollte es feierlich eingeweiht werden, doch nun ist das Corona-Jahr verstrichen – ohne die Gelegenheit für ehrendes Gedenken und ohne eine geführte Wanderung zu den Absturzstellen im Moor.

Dieses Grabkreuz wurde in diesem Jahr für die Opfer errichtet.

Ein Hinweis auf die „andere Geschichte“

Hunderte Menschen, die in diesem Jahr mit dem Fahrrad oder der Kutsche ins Moorerlebnis „Sterntaler Filze“ kamen und noch immer kommen, erfahren trotzdem, wem das Gedenkkreuz und die Informationstafel gewidmet sind: Fünf jungen Männern, die bei ihren Flugübungen zwischen 1943 und 1945 ums Leben kamen: Pilot Heinrich Thimm (24) aus Kamenz, Pilot Siegwart Graf von Schwerin (20) aus Berlin, Bordfunker Helmut Gahmen (19) aus Aachen, Pilot Hermann Gebhardt (23) aus Ingolstadt und Bordfunker Walter Wittpenn (24) aus Süderende.

Kaspar Paul gibt den Toten einen Namen

Dass ihre Namen nicht in Vergessenheit geraten sind, ist dem Derndorfer Heimatforscher Kaspar Paul (1934 bis 2017) zu verdanken. Er begann 2008 damit, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben und die Geschichte des Moores als Übungsgelände für den Fliegerhorst Bad Aibling zu erforschen. Er war es auch, der sich darum bemühte, den Toten einen Namen zu geben.

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Seine Erinnerungen hat er aufgeschrieben. Sein Schwiegersohn Sebastian Millauer bewahrt sie für den Veteranenverein auf. Und auch in den Archiven der Gemeinden Bad Feilnbach und Raubling sind sie verewigt, denn auf ihren Fluren befand sich der Schießplatz Derndorf. „Die Sterntaler und Kollerfilze dienten der Sturzkampfflugzeug-Vorschule und dem Zerstörergeschwader 101 Bad Aibling von 1940 bis 1945 als Schießplatz“, ist in Pauls Erinnerungen zu lesen: „An den Streu- und Moorwiesen im Flurteil Dreieck waren Zielscheiben so groß wie Scheunentore aufgestellt“, schreibt er.

Über die Farrenpoint kamen die Maschinen eingeflogen, um ihre 50 bis 250 Kilogramm schweren Betonbomben auf die Ziele abzuwerfen oder sie mit ihren schweren Bordwaffen ins Visier zu nehmen.

Arbeit im Moor wurde immer gefährlicher

„Durch den zunehmenden Flugbetrieb wurden die Feldarbeiten immer gefährlicher“, erinnert sich Paul. „Damals wurden im Moor noch die Moosstreu gemäht und Torf gestochen. Beim Torfstechen waren wir gar nicht so weit entfernt. Ich kann mich noch erinnern, dass das Rattern der Bordkanonen über unseren Köpfen war. Oder an das typische Pfeifen, wenn wieder eine Bombe ausgeklinkt wurde … Dass bei allen Aktionen der Moorboden buchstäblich aufgewühlt wurde, konnte man sich vorstellen. Aus den Wasserlachen der Moorkrater spritzten ganze Fontänen in die Höhe.“

Zeitzeugen erinnern sich

Wer es nicht mit eigenen Augen sah, erfuhr davon nichts, denn „von all dem gab es kaum eine Nachricht in der Öffentlichkeit. Ich habe durch unsere Einquartierung eines Soldaten von der Schießplatzaufsicht in Gesprächen mit meinem Vater so einiges mitbekommen“, berichtet Kaspar Paul in seinen Memoiren.

Vier Flugzeugabstürze haben fünf Leben gekostet. Der Denkendorfer Heimatforscher hat die Absturzstellen kartografiert.

Mehr als 60 Jahre später beginnt er damit, die Geschichte der Toten des Moores zu erforschen. Von Oktober 2008 bis November 2009 sucht er die Absturzstellen, kartografiert sie. Er wendet sich an den Volksbund für Kriegsgräberfürsorge, den Suchdienst der Luftwaffe und die Deutsche Dienststelle. Er findet die Namen der Toten heraus und setzt ihnen gemeinsam mit dem Veteranen- und Kriegerverein Litzldorf ein Denkmal. Nicht nur für alle sichtbar am Eingang des Moorerlebnispfades, sondern auch mitten im Moor.

Alteingesessene Litzldorfer kennen die sicheren Wege durchs Moor mit seinen gefährlichen Schwimmrasen noch. An den Absturzstellen der Maschinen stellen sie Birkenkreuze zur mahnenden Erinnerung auf: Bis heute birgt das Moor in seiner unergründlichen Tiefe noch vier Tote und zwei Jagdflugzeuge der Marke Messerschmitt 110, die im Sterntal und etwa 100 Meter östlich des Hubersees im unwegsamen Sumpfgebiet für immer versunken sind.

Das Vermächtnis von Kaspar Paul

Kaspar Paul ist 2017 im Alter von 83 Jahren verstorben. Doch sein Vermächtnis lebt weiter. In diesem Jahr hat der Veteranen- und Kriegerverein mit Unterstützung der Gemeinden Bad Feilnbach und Raubling wieder ein Gedenkkreuz und eine Informationstafel aufgestellt.

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Die Informationstafel klärt die Besucher des Morrerlebnisses Sterntaler Filze auch über die „andere Geschichte des Moores auf.

Die Erinnerungen und Forschungen von Kaspar Paul werden in den Archiven der Gemeinden bewahrt. Zudem bemüht sich der Verein gemeinsam mit der Deutschen Kriegsgräberfürsorge im Moment darum, mögliche Angehörige der Opfer ausfindig zu machen, damit auch sie erfahren, wo ihre Lieben gestorben sind und dass ihnen hier ein Denkmal gesetzt wurde.

Ein Geheimnis wird nie gelüftet werden: Wer waren die Funker?

Auch wenn die Geschichte der Sterntaler Filze damit weitestgehend aufgearbeitet ist, wird ein Geheimnis für immer bleiben: Wer waren die geheimnisvollen Funker auf der Farrenpoint? Am Anflugpunkt der Jagdflieger – auf der Farrenpoint im Bereich der Hohen Leite – befand sich ihre verborgene Basis, von der aus sie Nachrichten an die Alliierten sendeten. Peilstationen auf dem Flugplatz Bad Aibling sollen erfolglos versucht haben, sie zu orten.

Nach Kriegsende, so hat es Kaspar Paul verewigt, soll sich dort ein Schild befunden haben: „Diese Hütte steht unter amerikanischem Schutz“. Wer allerdings die Partisanen waren, die von der Farrenpoint aus funkten, hat auch nach dem Krieg nie jemand herausgefunden. „Es war niemand aus dem Dorf“, ist sich Sebastian Millauer sicher. Vermutet werde, dass es Engländer waren. Doch keiner weiß es wirklich.

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