Wer hat recht? Nachbarn klagen über Dreck und Lärm eines Ostermünchner Blockheizkraftwerks

Der Stein des Anstoßes ist dieser Aschecontainer, in den die heiße und teilweise noch glühende Asche automatisch aus dem Holzvergaser transportiert wird. Gerlach
  • vonKathrin Gerlach
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Am Ostermünchener Nelkenweg schwelt seit zwei Jahren ein Nachbarschaftsstreit. Den Anwohnern stinkt es gewaltig. Sie zeigen Umweltverschmutzungen an. Thomas Trommer versucht, den klimaneutralen Fußabdruck seines BHKW zu beweisen. Jetzt liegt der Streit beim Verwaltungsgericht in München.

Tuntenhausen – Fünf Jahre ist das Blockheizkraftwerk (BHKW) von Schreinermeister Thomas Trommer schon am Netz, als sich die Anwohner beklagen. 2018 gründen sie die Interessengemeinschaft „Saubere Luft und Ruhe in Ostermünchen“, dokumentieren Umweltverschmutzungen und schalten das Landratsamt ein.

Ein Anwohner ist schon ausgezogen

Das BHKW verruße ihnen das Leben, sagen sie. Dirk Hildebrandt ist mit seiner Familie aus dem Nelkenweg inzwischen wieder ausgezogen. „Dreck und Lärm waren nicht auszuhalten“, berichtet der 34-Jährige.

„Rußablagerungen auf Balkonen und Terrassen, sogar in der Wohnung.“ Wer mit den Händen über die Gartenmöbel streiche, sehe aus wie ein Kaminkehrer. Über der Wohngegend liege ein verbrannter Geruch. Die Geräuschkulisse mache mürbe. „Ein permanentes Fiepen und Brummen. Wenn die Anlage eine Störung hat, kommt metallisches Schlagen hinzu“, beschreibt Hildebrandt.

Geräuschkulisse aus vielen Komponenten

Thomas Trommer zeigt dem Mangfallboten bei einem Vor-Ort-Termin seine Anlage. Das BHKW ist tagsüber aus der Geräuschkulisse von Bahnstrecke, Motorradwerkstatt und Natur nicht herauszuhören. Am Nelkenweg endet die Schallschutzmauer der Bahn. Alle paar Minuten zischt ein Zug von München nach Salzburg oder Innsbruck vorbei. Circa 250 sind es am Tag.

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Etwa 50 Meter entfernt vom BHKW steht das nächstgelegene Wohnhaus. Lange schon ist es unbewohnt. Auf den Fenstern hat sich Staub abgelagert: Doch ist es der Staub der Sahara, der Blüten, Felder, Straßen oder der Bahn? Trommer weiß es nicht. Die Interessengemeinschaft sagt, es sei der Ruß des BHKW. Beweise hat sie dafür keine.

2013 hat Thomas Trommer sein Blockheizkraftwerk errichtet. Aus Holz entstehen hier Strom und Wärme – auch für die Nachbarn.

Glühende Asche muss auskühlen

In einem Holzvergaser werden die Hackschnitzel verbrannt. Das dabei entstehende Holzgas wird in einem Verbrennungsmotor zu Bewegungsenergie, die ein Generator in Strom und Wärme umwandelt.

Der Schadstoffausstoß der Anlage liegt weit unter den Grenzwerten. Trotzdem macht das BHKW aus Sicht der Nachbarn Dreck. Sie dokumentieren mit Fotos und Videos, dass der Aschecontainer offen ist und Asche in Eimern gelagert wird. Trommer erklärt das: „Die Asche glüht teilweise noch, wenn sie aus dem Holzvergaser automatisch abtransportiert wird. Sie muss auskühlen.“

Im September 2018 fordert ihn das Landratsamt auf, sein Rußsammelsystem abzudichten und Betriebsunterlagen einzureichen. Trommers Anlage ist nach den EEG-Richtlinien zwar genehmigungsfrei. Trotzdem reicht er Referenzmessungen ein, die für sein BHKW gelten. Zugleich bemüht er sich mehrfach um ein persönliches Gespräch. „Ohne Reaktion“, sagt Trommer.

Verbesserungen der Anlage reichen nicht aus

Er verbessert die Anlage, erhöht das Abgasrohr, deckt die Container ab. „Seitdem ist es nicht mehr ganz so viel Ruß“, bestätigen die Nachbarn: „Doch immer noch zu viel.“ Deshalb ziehe nun auch die nächste Familie aus dem Nelkenweg aus.

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Gemeinsam mit dem Hersteller des BHKW sucht Trommer nach Alternativen für seine Ascheabfüllung. Im September 2019 gibt er die Planung für eine neue Aschestation in Auftrag. Im Januar erhält er ein Angebot über 11 000 Euro Netto. Vor dieser Investition will Trommer sicherstellen, dass das Landratsamt mit der Lösung einverstanden ist.

Am 2. März bittet er die Behörde zum vierten Mal um einen Termin. Am 10. März endlich findet ein persönliches Gespräch statt. Trommer legt technische Zeichnungen, Fotos und das Angebot der Südtiroler Firma Hubert Weissteiner vor.

Forderungen ungeachtet der Corona-Krise

Trotzdem flattert ihm zwei Tage später ein Bescheid ins Haus, in dem das Landratsamt mit empfindlichen Geldstrafen droht, sollte die „Ertüchtigung der Holzvergaseranlage mit Sammelbehälter“ nicht bis zum 8. Mai erfolgt sein. Wenige Tage später schottet sich Deutschland ab. Die Corona-Pandemie führt zum Shutdown der Wirtschaft.

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Trommer sieht keine andere Chance, als am 9. April gegen den Bescheid des Landratsamtes Klage einzureichen. „Weil das, was gefordert wird, längst vorhanden ist“, sagt er. Und weil die neue Ascheabfüllung unter Corona-Bedingungen nicht rechtzeitig installiert werden konnte. „Allein die Lieferzeit beträgt acht Wochen. Aufmaß vor Ort und Montage wären bis zum 8. Mai gar nicht möglich gewesen, weil die Grenzen zu Italien bis Anfang Juni geschlossen waren.“

Jetzt muss das Gericht entscheiden

Thomas Trommer hat alle Weichen für eine saubere Ascheabfüllung gestellt. Trotzdem ist ein Ende der Streitigkeiten zwischen Nachbarn, BHKW-Betreiber und Landratsamt nicht in Sicht.

Für Gespräche ist es zu spät. „Da gegen den Bescheid des Landratsamtes Klage eingereicht worden ist, hat Herr Trommer den Ort gewählt, an dem die Probleme gelöst werden müssen“, bedauert Michael Fischer, Pressesprecher des Landratsamtes.

Die Entscheidung liegt nun beim Verwaltungsgericht in München. Das entscheidet in einem Eilverfahren ohne mündliche Verhandlung über den Fall. Wann, ist noch nicht bekannt.

Landratsamt ist seit 2018 involviert

• Im September 2018 nimmt die IG Ostermünchen Kontakt zum Landratsamt (LRA), Sachgebiet Immissionsschutz und Abfallrecht, auf. Dieses führt eine unangekündigte Ortseinsicht durch und stellt Rußablagerungen am Rußcontainer fest. Der Betreiber ist nicht vor Ort.

• Im Oktober beschweren sich die Nachbarn erneut.

• Die im Januar 2019 vom BHKW-Betreiber eingereichten Unterlagen erkennt das LRA nicht an, da „es sich um die Messergebnisse von Modellanlagen“ handelt und unklar sei, ob diese „baugleich mit der Anlage des Herrn Trommer sind“.

• Beschwerde der IG beim LRA im Februar und April.

• Im Juli ordnet das LRA die Abdichtung des Rußsystems an.

• Nach erneuter Beschwerde der Nachbarn informiert das LRA Trommer im Dezember, dass eine Anordnung geplant sei.

• Im Januar, Februar und März 2020 fordert die IG beim LRA die Umsetzung der Maßnahmen.

• Am 10. Februar führt das LRA eine unangekündigte Vor-Ort-Kontrolle durch und stellt Verbesserungen fest. Das Rußsammelsystem wird bemängelt. Trommer ist nicht vor Ort.

• Am 12. März ergeht der Bescheid des LRA zur „Ertüchtigung der Holzvergaseranlage“.

• Auf Anfrage bestreitet das LRA, dass sich Trommer seit Januar 2019 um einen persönlichen Termin bemüht habe. Dem Mangfallboten liegen diese E-Mails allerdings vor.

In Metalleimern kühlt die Asche aus.

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