„Des Schneiders Höllenfahrt“ – Moritaten-Singen auf Bad Aiblinger Marienplatz

Das „Bänkelsänger-Quartett“ Regina und Wolfgang Killermann, Ernst Schusser und Eva Bruckner (von links) animierte zum Mitsingen.
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Das „Bänkelsänger-Quartett“ Regina und Wolfgang Killermann, Ernst Schusser und Eva Bruckner (von links) animierte zum Mitsingen.

Mit einer Premiere überraschten Volksmusik-Archivleiter Ernst Schusser und seine Bänkelsänger Eva Gruber (Gitarre) sowie Wolfgang und Regine Killermann jetzt die Bad Aiblinger. Sie luden auf dem Marienplatz zum „Moritatensingen“ ein, hatten Humorvolles und Schauderhaftes zu berichten.

Bad Aibling – „Weihnachtslieder selber singen“ heißt eine Aktion des OVB-Medienhauses mit dem Volksmusikarchiv Oberbayern, die seit 2002 in Bad Aibling immer eine große Sängerschar anlockt. Jetzt gab es auf dem Marienplatz die Premiere des „Sommer-Pendants“: Volksmusik-Archivleiter und „Vorsänger“ Ernst Schusser und seine Bänkelsänger Eva Gruber (Gitarrenbegleitung) sowie Wolfgang und Regine Killermann luden zum „Moritatensingen“ ein.

„Seit 30 Jahren sind wir damit als Straßenmusikanten in Oberbayern unterwegs und jetzt zum ersten Mal hier“, freut sich Schusser kurz vor dem Start und ergänzt: „In diesen Zeiten, in denen viele musikalische Veranstaltungen ausfallen, möchten wir den Leuten einfach eine Freude bereiten.“

Bis zu 30 Sänger stimmen mit ein

Bevor er mit Gesang und Ziach die erste Moritat anstimmte, wurde an die Besucher der erste von insgesamt drei kleinen Liederheften verteilt. „Einem hochverehrten Publikum zum unschuldigen Vergnügen geboten“ stand auf der Titelseite der Hefte.

So ganz unschuldig war das Vergnügen aber nicht, handelten die Balladen und Moritaten nicht selten von heimtückischem Mord, feigem Verrat oder ruchloser Verführung – freilich im augenzwinkernden Moritaten-Stil.

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Das Lieder-Repertoire bestand überwiegend aus Balladen aus dem 18. Jahrhundert wie „Des Schneiders Höllenfahrt“, „Sabinchen oder Trau keinem Schuster nicht“, „Adam und Eva oder Der Sündenfall“, „Die Brombeerpflückerin“ („Verführung im Wald“) oder „Müde kehrt ein Wandersmann zurück“.

Einige Lieder versah Ernst Schusser mit kurzen Kommentaren wie bei „Die Räuberbraut – „So wurde früher die Frau des Finanzministers genannt“ – oder beim Gefängnislied „Freinderl, kennst du das Haus“, das er Uli Hoeneß widmete.

Nicht fehlen durften natürlich die „Ereignislieder“ über die nicht unumstrittenen bayerischen Nationalhelden Mathias Kneißl – „Die Kleinen hängt man“ – und den Boarischen Hiasl – auch der „Der Fürst der Wälder“ genannt.

Spontaner Chor mit Corona-Abstand

Schließlich wurde auch dem Wildschütz Jennerwein gedacht, hinter dessen Ermordung Ernst Schusser eher eine Beziehungstat vermutete, denn: „Er hat dem Jagdgehilfen Pföderl die Freundin ausgespannt.“.

Bevor die Lieder, die teilweise bis zu 15 Strophen hatten, angestimmt wurden, nannte der „Bänkerlsänger-Chef“ die jeweilige Seitennummer im Liederheft mit der Anmerkung: „Wenn jemand auf einer anderen Seite singen will, dann bitte leiser.“. Zudem mahnte er zwischendurch den gebührenden Corona-Abstand an – „außer für die, die z’samm schlaffan“.

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Für die farbenprächtige und aussagekräftige Illustration der Lieder sorgte Wolfgang Killermann mit originellen, inhaltsbezogenen Bildtafeln. Die zeitweise bis zu 30 Chorsänger – unter ihnen auch die Volkstanz-Urgesteine Herbert und Maria Bogensberger – machten begeistert mit und wurden am Ende mit einer Moritaten-CD fürs Mitmachen belohnt. Kurz vorbei an der „Sangesstätte“ schauten auch der „singende Konditormeister“ Hannes Rott und Stadtrat Erwin Kühnel.

Moritatensänger sind die Zeitung von einst

Die Blütezeit der Moritatensänger fällt in jene Jahre, in denen es noch keine Zeitungen gab. Die Moritatensänger – auch Bänkelsänger oder Zeitungssinger genannt – berichteten auf Märkten langatmig, rührselig und dramatisch von bedeutenden Ereignissen, Katastrophen und Morden. Mit einem Zeigestab verwies der Sänger bei seinem Vortrag auf bildliche Darstellungen auf einer Leinwand.

Mit viel Freude waren auch die Volkstanz-Urgesteine Herbert und Maria Bogensberger dabei.
Die Moritaten-Premiere auf dem Marienplatz wurde mit sicherem Abstand verfolgt.

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