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Für bedarfsgerechtes Wohnen ist Umdenken erforderlich

„Das Einheimischenmodell ist tot“: Leerstandskonferenz sucht Lösungen für akute Wohnungsnot

Brainstorming für die Zukunft: Mit Workshops, intensiven Gesprächen, Vorträgen und Exkursionen stellte die Leerstandskonferenz „Jemand daheim“ das Wohnen der Zukunft und neue Ideen für verwaiste Eigenheime vor.
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Brainstorming für die Zukunft: Mit Workshops, intensiven Gesprächen, Vorträgen und Exkursionen stellte die Leerstandskonferenz „Jemand daheim“ das Wohnen der Zukunft und neue Ideen für verwaiste Eigenheime vor.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Mit einem Feuerwerk an Inspirationen ist die Leerstandskonferenz „Jemand daheim“ zu Ende gegangen. Nun ist es an den Machern vor Ort, die neuen Ideen in die Köpfe und Herzen der Menschen zu tragen, um aus Kein- wieder Mehrfamilienhäuser zu machen und für die Einheimischenmodelle bezahlbare Alternativen zu finden.

Kolbermoor – Wie schwer das Umdenken ist, zeigte allein eine Umfrage unter den circa 180 Teilnehmern: Denn auch wenn allen bewusst ist, dass das Eigenheim nicht das Wohnmodell der Zukunft sein kann, würden 39 Prozent gern darin leben. Genau dort wollte die Leerstandskonferenz ansetzen und ein Umdenken anregen. „Mit guten, verrückten, schrägen Zukunftsideen, die bereits real existieren“, wie Moderator Wojciech Czaja die Vorträge, Exkursionen und Workshops zusammenfasste.

Genug Eigenheime für Wohnungsbedarf

Ziel war es, vor allem für Einfamilienhäusern und bäuerliche Anwesen Lösungen zu finden. Denn, so zitierte Bad Feilnbachs Bürgermeister Anton Wallner eine beeindruckende Zahl: „Es gibt in Deutschland 17 Millionen Eigenheime. Wenn sie von fünf Personen bewohnt würden, müssten wir nicht mehr bauen.“ Dann müsste man keine weiteren Flächen versiegeln. Doch die Realität ist anders: In Bayern werden mehr als 11,6 Hektar Fläche pro Tag bebaut. Die „Zwischenstädte“ seien in den vergangenen Jahren um sechs Hektar angewachsen, verdeutlichte Stadtplaner Dr. Jörg Heiler. Alles, was in der kompakten Kernstadt keinen Platz mehr fand, sei nach außen verschoben wurde: Eigenheimsiedlungen, Gewerbegebiete, Schrebergärten.

Ressourcen der „Zwischenstädte“

Nun gehe es darum, die Ressource dieser Gebiete zu erkennen und weiterzuentwickeln. Für Heiler hat das Wohnen der Zukunft etwas mit Transformation zu tun – dem Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten, Mehrgeschossbauten oder neuen Energieinfrastrukturen. Zu Best-Practice-Beispielen gehört für ihn auch die Alte Spinnerei in Kolbermoor. Seine klare Forderung: „Wir brauchen neue Planungsinstrumente, gestärkte Regionalplanung mit integrierter kommunalpolitischer Planungshoheit, die Anpassung von Baugesetz und Bundesimmissionsschutzgesetz.“

„Unser Land ist ein riesiges Rohstofflager. Im deutschen Gebäudebestand sind 15 Millionen Tonnen Material verbaut“, informierte Architektin Tina Kammer. Die Energiewende schaffe Deutschland nur mit einer Bauwende. Sie stellte Praxisbeispiele vor, wie vorhandene Gebäude nachhaltig in kreislauffähiger Bauweise an neue Lebensformen angepasst werden können. „Wohnen ist eine interdisziplinäre, gesamtgesellschaftliche Aufgabe und ein Prozess, der eine neue Denkkultur von Architekten, Planern, Herstellern, Handwerkern und Bauherren erfordert“, betonte Kammer.

Brach liegende Wohnfläche nutzen

Das über Jahrzehnte beliebte Eigenheim im Grünen ist zwar nach wie vor die beliebteste Wohnform, aber dennoch ein Auslaufmodell. Aktuell werden vor allem für die Eigenheime, in denen nur noch der inzwischen hochbetagte, verwitwete Erbauer lebt und viel Wohnfläche brachliegt, Lösungen gesucht. Wie sollte man allein lebenden Senioren die Ängste vor neuen Mitbewohnern oder Wohnformen nehmen? Eine Idee: Die Bürgermeister könnten bei ihren Aufwartungen zu runden Geburtstagen die Menschen gezielt darauf ansprechen, wie sie sich das Wohnen im Alter vorstellen. „Doch das ist viel zu spät, denn wir gehen erst ab dem 80. Geburtstag zu den Jubilaren“, sagt Anton Wallner. Er will die Denkimpulse der Konferenz direkt in seine Gemeinde tragen und eine Umfrage starten, wie die Bürger im Alter leben wollen und sich das Wohnen der Zukunft vorstellen.

„Wir müssen in Gesprächen den Senior und den Familienrat überzeugen, ihn Veranstaltungen über Modelle und Fördermöglichkeiten ausführlich informieren und mit Beispielen aus der Praxis überzeugen“, lautet der Vorschlag von Michael Pelzer, einst Bürgermeister von Weyarn und heute Vorsitzender der Leader-Aktionsgruppe Kreisentwicklung Miesbacher Land. Er selbst hatte vor der Konferenz einen Praxistest gemacht undd as Gespräch gesucht: „Sieben haben gleich abgeblockt, sieben waren bereit zuzuhören und weiterzudenken“, resümiert er. Ein erster Erfolg.

„Das Einheimischenmodell ist mehr als tot“, machte Bad Feilnbachs Bürgermeister auf ein akutes Problem aufmerksam und erntete die Zustimmung seiner Amtskollegen aus Tuntenhausen, Großkarolinenfeld, Kolbermoor und Rohrdorf. „Es birgt nicht nur soziale Ungerechtigkeit, weil die Gemeinde preiswertes Bauland nur einer Minderheit anbieten kann. Der Eigenheimbau ist für junge Familien auch gar nicht mehr bezahlbar“, betonte Bernd Fessler aus Großkarolinenfeld. „Das Eigenheim ist ein Auslaufmodell, für die Nachverdichtung auf elterlichen Grundstücken möglicherweise noch geeignet, aber neues Bauland wollen wir nur noch für Mehrfamilienhäuser und Mehrgenerationswohnen ausweisen“, verdeutlichte der Rohrdorfer Simon Hausstetter.

180 Teilnehmer in regem Austausch

In seiner Gemeinde bahnt sich gerade ein Projekt an, das die Botschaft der Leerstandskonferenz in sich trägt: Ein Bauernhof, in dem nur noch eine Mieterin lebt, soll mit Wohnungen und Gewerbe belebt werden.

Mehr als 180 Konferenzteilnehmer zählte Christian Poitsch, Stadtmarketing-Chef von Kolbermoor und Beiratsmitglied des Wirtschafts-Forums Mangfalltal. „ Diese Tagung war ein absoluter Erfolg. Es sind so viele neue Ideen auf den Tisch gekommen, so viele Menschen aus verschiedenen Bereichen und Generationen sensibilisiert worden. Der Austausch war intensiv. Die Exkursionen und Vorträge haben gezeigt, dass es überall schon gute Ansätze gibt, die Probleme zu lösen.“

Region steckt voller Potenzial

Dazu zählen die Alte Spinnerei in Kolbermoor, die Forschungshäuser in Bad Aibling, der Tannenhof in Bad Feilnbach oder die Mehrgenerationenhäuser in Weyarn. „ Eine tolle Veranstaltung “, lobte Tuntenhausens Bürgermeister Georg Weigl die Konferenz. „Jetzt müssen wir landkreisweit im Austausch bleiben und die Menschen mit den guten Praxisbeispielen der Region von neuen Wohnformen überzeugen.“ Er selbst geht als Beispiel voran, hat sein Eigenheim an eine junge Familie verkauft, ist in eine barrierefreie Wohnung umgezogen und fühlt sich „pudelwohl“.

In spannenden Fachvorträgen wurden Praxisbeispiele vorgestellt. Architektin Tina Kammer stellte Formen der Kreislaufwirtschaft beim Bauen vor.

Interview: Bürgermeister Peter Kloo will gesamtgesellschaftliches Bewusstsein schärfen

Innen vor außen, Nachverdichtung, Bauen in die Höhe und Revitalisierung bestehender Substanz sind vier Botschaften der Leerstandskonferenz, die in Kolbermoor schon umgesetzt werden. Im Interview blickt Bürgermeister Peter Kloo auf neue Impulse.

Offenbar machen Sie in Kolbermoor schon alles richtig?

Peter Kloo:Es gibt viele Facetten des Bauens der Zukunft, die wir bewusst oder unbewusst schon umsetzen. Das bestärkt uns darin, diesen Weg weiter zu beschreiten.

Braucht es dafür neue Planungsansätze?

Peter Kloo:Wir müssen veraltete Bebauungspläne anpassen, brauchen dazu erneute Trägerbeteiligungen und möglicherweise neue Gutachten. Da ist die Zeit ein wesentlicher Faktor, denn ehe wir Baurecht geschaffen haben, sind die Wahrheiten von heute schon wieder überholt. Das Wohnen und Arbeiten engmaschiger zu gestalten, wird eine Herausforderung, denn es ist nach geltendem Baurecht selbst in Mischgebieten schwierig.

Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo setzt schon seit Jahren auf Nachverdichtung und Geschosswohnungsbau.

Wie tragen Sie die neuen Ideen jetzt in die Gesellschaft?

Peter Kloo:Wir sind schon mittendrin, denken in unserer täglichen Arbeit um, bei Entscheidungen im Stadtrat oder der Beratung von Bauwerbern. Jetzt ist es wichtig, das Wohnen der Zukunft in der Gemeinschaft zu platzieren, um einen Prozess des Umdenkens in Gang zu setzen. Es gibt dabei viele Facetten wie den schonenden Umgang mit Ressourcen oder die sich wandelnde Bevölkerungsstruktur. Gleichzeitig ist es wichtig, Legislative und Judikative in diesen Prozess einzubinden, um neuen Ideen und Wohnformen auch rechtlichen Raum zu geben. Wir müssen das Bewusstsein für diese Themen in der Gesamtbevölkerung schärfen. Nur so können wir die gigantische Horizonterweiterung, die wir auf der Konferenz erfahren durften, multiplizieren.

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Kommentare

Ernst-Christian Pahl
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Da ist sie wieder, die alte Neigung der Fortschrittsfreunde von links, selbstbestimmtem Handeln mit Argwohn zu begegnen, weil sie selber sich nicht trauen . Dann werden alte Menschen zum höheren Wohle des Kollektivs aus ihren Wohnungen komplimentiert, perfiderweise unter vorsorglicher Preparierung von Gesetzgeber und Justiz. Umerziehung kommt zeitgemäß als "Umdenken" daher, Nudging aus allen Rohren: "Denken Sie an Ihre Kinder ! Wollen Sie etwa nicht zu uns gehören ?" Cui bono ? Wehret den Anfängen !
Nota bene: "Das oberste Recht des Menschen ist es, in Ruhe gelassen zu werden." (Roland Baader)